Person

Ich schärfe Blicke.
Ich nehme an die Hand.
Ich trete auf Füße.

Als Buch-Autorin.
Als Fach-Journalistin.
Als Inklusions-Aktivistin.

Jennifer Sonntag steht mit ihrem schwarzen Labrador im Führgeschirr auf einem Weg, der auf beiden Seiten von Gras und Büschen gesäumt ist. Jennifer trägt eine Sonnenbrille, deren dunkle Gläser herzförmig und rot gerahmt sind. Ihr Kleid ist schwarz und mit roten Blumen und fliegenden weißen Tauben bedruckt. Dazu trägt sie lackschwarze Schnürstifeletten ohne Absatz.
Jennifer Sonntag mit Blindenführhund Paul; Foto: privat

Über mich

Schön, dass wir uns gefunden haben. Sie interessieren sich dafür, wie ich wurde, wer ich bin? Hier finden Sie meine persönliche Geschichte. Meine Kurzbio lesen Sie in der Vita für Verlage. Wünschen Sie meinen Werdegang in Zahlen, schauen Sie gern in meinen Lebenslauf.

Manchmal muss man Wege gehen, die man erst noch pflastern muss

Wie ich wurde, wer ich bin – und warum ich mich als blinde Frau für Sichtbarkeit einsetze.

Das größte Thema in meinem Leben ist Sichtbarkeit. Klingt vielleicht schräg, schließlich war ich lange sehbehindert und bin seit Anfang 20 vollständig erblindet. Aber gerade deswegen – weil die Welt für mich immer unsichtbarer wurde, will ich Themen sichtbar machen, die oft übersehen werden.

Als kleines Mädchen saß ich oft ganz nah vor dem Fernseher. Ich wusste noch nicht, dass ich die unheilbare Augenkrankheit Retinopathia pigmentosa habe, die irgendwann zur Erblindung führen wird. Ich wusste nur, dass ich nicht so gut sehen konnte wie andere und deswegen eine Brille trug. Damals wollte ich Fernsehansagerin werden. Wie die TV-Moderatorinnen auf ihr Blatt schauten und mir dann direkt in die Augen sahen, begeisterte mich. Aber die Erwachsenen sagten, das ginge nicht. Meine Augen seien zu schwach, Fernsehen sei nichts für mich. Und so verdrängte ich diesen Traum.

Perspektivwechsel und ein High Five

Je älter ich wurde, desto größer wurde mein Wunsch, mich für das einzusetzen, was ich in meiner Kindheit und Jugend so oft vermisst habe: Akzeptanz und Teilhabe. Ich studierte Sozialpädagogik und arbeitete in einer Bildungseinrichtung für blinde und sehbehinderte Menschen, wo ich eigene Kursreihen anbot, Schulungsmaterialien entwickelte und das Projekt „Sensorische Welt“ betreute.

Ich führte dort mehrere tausend Gäste durch abgedunkelte Erfahrungskulissen und gestaltete Seminare unter Simulationsbrillen, um für die Wahrnehmungswelt von blinden und sehbehinderten Menschen zu sensibilisieren. Für viele war das ein echter Perspektivwechsel. Noch heute sprechen mich Menschen auf der Straße an, die ich früher durch diese Sinnesräume begleitet habe. Sie erzählen mir, wie sie dadurch erst verstanden haben, welche Hürden es im Alltag sehbeeinträchtigter Menschen gibt und welche Hilfe sinnvoll ist. Das berührt mich jedes Mal.

Während der Recherche an meinem Arbeitsplatz wurde damals ein Fernsehteam vom MDR auf mich aufmerksam und drehte ein Portrait über mich. Danach erhielt ich eine Anfrage der Redaktion, ob ich Lust hätte, prominenten Menschen aus meiner Sicht als junge, blinde Frau unkonventionelle Fragen zu stellen. Mit Menschen konnte ich arbeiten, Promis waren auch nur Menschen. Ich sagte zu

Und dachte an meinen längst vergessenen Traum aus der Kindheit: Wie krass, dass ich dem kleinen Mädchen von damals nun ein High Five geben konnte! Ich hatte es zu meiner großen Überraschung geschafft! Als erste blinde TV-Moderatorin in Deutschland durfte ich zeigen, dass Fernsehen und Nicht-Sehen kein Widerspruch sein müssen. Von 2008 bis 2022 moderierte ich in der Sendung „MDR Selbstbestimmt!“ die Formate „SonntagsFragen“ und „Mit anderen Augen“.

Das war oft herausfordernd. Es gab keine blinden Vorbilder, keine barrierefreien Optionen, alles war neu für mich. Wie führt man durch ein Interview, wenn man die Moderationskarten nicht lesen kann? Wie wählt man ein Outfit, wenn man nicht in den Spiegel schauen kann? Und wie vermittelt man den Zuschauenden, dass die Moderatorin blind ist, wenn man es ihr nicht ansieht? Manchmal muss man Wege gehen, die man erst noch pflastern muss.

Schreiben ist mein Sehen

Mittlerweile konzentriere ich mich aufs Schreiben. Schon in meiner Jugend begann ich damit, später absolvierte ich ein Fernstudium in literarischem Schreiben und ein Fernstudium Journalismus. Ich habe acht Bücher und zahlreiche Fachartikel verfasst. Beim Schreiben kann ich mir den Raum nehmen, den es braucht, um Erfahrungen zu verarbeiten und Fantasien zum Leben zu erwecken, um Missstände und neue Möglichkeiten aufzuzeigen.

Durch meine Blindheit ist die Welt für mich unsichtbar geworden. Doch beim Schreiben kann ich sie vor meinem inneren Auge wieder sichtbar werden lassen – als ob ich einen Lichtschalter anknipse. Schreiben ist mein Sehen!

Seit einigen Jahren lebe ich neben der Blindheit mit der schweren Multisystemerkrankung ME/CFS. Ich kann nicht lange sitzen, stehen oder gehen. Schon nach kleinen Unternehmungen habe ich starke Schmerzen, bin bettgebunden und extrem erschöpft. Ich musste lernen, meine Energie gut einzuteilen. Jede Stunde, die ich mit und trotz dieser Krankheit bewältige, ist ein Erfolg für mich.

Viele stärkende Erfahrungen

Mit meinem Wirken möchte ich Menschen mit Behinderungen oder chronischen Krankheiten und auch andere marginalisierte Gruppen empowern. Ich möchte sie ermutigen, aktiv zu gestalten, statt passiv zu leiden. Und ich möchte mit meiner Medienarbeit auf Diskriminierung und Ausgrenzung aufmerksam machen.

Bereits in meiner Kindheit und Jugend habe ich viel Unverständnis und Mobbing erfahren, weil ich sehbehindert war, man mir das aber nicht ansah. Auf dem Regelgymnasium machten sich andere darüber lustig, dass ich eine Brille trug und trotzdem stolperte, meinen Klassenraum suchte oder beim Vorlesen stockte. Sie wussten nicht, wie zerstört meine Netzhaut bereits war. Ich behielt es für mich, wollte niemanden belasten und enttäuschen. Erwachsene hatten oft gesagt, ich müsse zehnmal besser sein als die Normalsehenden, um in der Gesellschaft etwas wert zu sein.

Damals fühlte ich mich oft falsch und schuldig. Ich habe mich geschämt und lange versucht, jeden neuen Schub meiner Erkrankung zu ignorieren.

Im Laufe meines Lebens habe ich meine Blindheit angenommen und zum Glück auch viele stärkende Erfahrungen gesammelt: Als Teenager gab mir die Punkszene Halt, mein Anderssein war dort okay. In meiner sozialpädagogischen Arbeit, in meinen Seminaren, Workshops und auch  mit meinen Büchern, konnte ich Kraft und Mut an andere Menschen weitergeben. Als blinde TV-Moderatorin durfte ich Pionierin in der deutschen Fernsehlandschaft sein. Auch als Journalistin und Aktivistin will ich dabei helfen, inklusive Wege zu ebnen. Wertvolle Menschen und mein Blindenführhund Paul sind an meiner Seite.

Ich werde weiterhin Brücken zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen bauen, mich gegen Ausgrenzung und für Vielfalt stark machen, auch wenn ich heute kleinere Energiefenster habe. Aber es gibt noch so vieles, was mehr Sichtbarkeit verdient!

Auf dem Bild ist Jennifer Sonntag als Moderatorin auf einem großen schwarzen Ledersessel zu sehen. Im Hintergrund ist ein großer Monitor mit dem Schriftzug „selbstbestimmt! – die SonntagsFragen“ auf rotem Hintergrund zu sehen. Am unteren Rand des Bildes sind die Moderationskarten zu erkennen, die sie vermutlich in der Hand hält. Den Blick hat sie an der Kamera vorbei auf eine Person gerichtet, die nicht auf dem Foto zu sehen ist. Der Mund mit den rot geschminkten Lippen ist zum Sprechen geöffnet. Ihre schwarzen Haare trägt sie glatt und offen. Zu einem schlichten schwarzen Jackett trägt sie eine Kette mit einem silbernen kreisrunden Anhänger, um den sich eine schwarze Schlange windet.
Jennifer Sonntag moderiert die SonntagsFragen; Foto: malsehn.media

Kurzbiografie

Jennifer Sonntag, geboren 1979 in Halle an der Saale, ist Autorin, Journalistin und Aktivistin für Inklusion, Feminismus und Kultur. Aufgrund einer Netzhauterkrankung, die mit Anfang 20 zur Erblindung führte, setzt sie sich beruflich und ehrenamtlich für Teilhabe und gegen Diskriminierung ein.

Nach ihrem Studium der Sozialpädagogik arbeitete sie viele Jahre mit blinden und sehbehinderten Menschen, entwickelte Veranstaltungen, Workshops und Schulungsunterlagen. Parallel absolvierte sie ein Fernstudium in literarischem Schreiben und veröffentlichte mehrere Bücher, in denen sie persönliche Erfahrungen mit gesellschaftlichen Fragestellungen verbindet. Von 2008 bis 2022 moderierte sie beim MDR als erste blinde TV-Journalistin Deutschlands eigene Formate und interviewte prominente Gäste in der Sendung „MDR Selbstbestimmt!“.

Heute ist sie als Journalistin tätig, schreibt Kolumnen für Special-Interest-Magazine und ist Co-Host einer Podcast-Reihe zum Thema Inklusion und Empowerment. Neben ihrer publizistischen Arbeit engagiert sie sich in verschiedenen Projekten für die Belange von Menschen mit Behinderungen, chronischen Krankheiten und anderen marginalisierten Gruppen. Zusammen mit ihrem Partner und ihrem Blindenführhund lebt sie in Halle an der Saale.

Zu sehen ist ein Portraitfoto von Jennifer Sonntag. Die geschlossenen Lippen sind in einem dezenten Rotton geschminkt und deuten ein leichtes Lächeln an. Die schwarzen Haare sind nach hinten gesteckt und geben den Blick frei auf große filigrane Hängeohrringe in Form von schwarzen Schmetterlingen. Über den Schultern sind schwarze schmale Träger zu erkennen.
Jennifer Sonntag; Foto: malsehn.media

Lebenslauf

Überblick über die wichtigsten Stationen in meinem Leben

1979
in Halle an der Saale geboren

1985 bis 1995
Schulzeit am Landesbildungszentrum für Blinde und Sehbehinderte (Hermann von Helmholz) in Halle, in Klasse 9 ein Jahr integrativ am Südstadtgymnasium

1995 bis 1997
Fachabitur Sozialwesen an der Berufsbildenden Schule V (Helene Lange) in Halle

1998 bis 2002
Studium Sozialpädagogik an der Fachhochschule Merseburg, beide Praxissemester am Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte Halle

2002 bis 2017
Diplom-Sozialpädagogin am Berufsförderungswerk für Blinde und Sehbehinderte Halle, langjährige Betreuung des Lern- und Erfahrungsprojektes „Sensorische Welt“, mit mehreren tausend Gästen

Seit 2005
Mitgestalterin und Organisatorin inklusiver Kulturevents, Zusammenarbeit mit Fotograf*innen, Dokumentarfilmer*innen, bildenden Künstler*innen, Musiker*innen und Autor*innen

seit 2006
Autorin und Herausgeberin von acht Büchern bei vier Verlagen: „Die sehenden sind taub in den Augen der Blinden“, „Märchenland im Müll“, „Verführung zu einem Blind Date“, „Hinter Aphrodites Augen“, „Zigaretten danach“, „Liebe mit Laufmaschen“, „Seroquälmärchen“, „Der Geschmack von Lippenrot“

seit 2007
Dunkellesungen am „Neuen Theater“ Halle zur Aufklärung über die Lebenswelt blinder Menschen und zum kommunikativen Brückenbau zwischen Menschen mit und ohne Behinderungen                      

seit 2007 
Autorin journalistischer Beiträge für Fachzeitschriften und Online-Magazine, in den Themenfeldern Behinderung und Subkultur    

2008 bis 2022
TV-Moderatorin beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR): Promi-Talk „SonntagsFragen“ mit über 90 Interview-Gästen und Kolumne „Mit anderen Augen“ in der Sendung „Selbstbestimmt!“

2014
Mitteldeutscher Inklusionspreis „Mosaik“ für die Sendung „Selbstbestimmt!“ und ihre Marken “SonntagsFragen“ und „Handicaps für Anfänger“

2015 bis 2017
Fernstudium „Literarisches Schreiben“ an der Cornelia Goethe Akademie

2016
Schirmfrau Barrierefreiheit Leipziger Bachmuseum

2016 bis 2019
Inklusionsbotschafterin der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL)

2018
Mitteldeutscher Inklusionspreis „Mosaik“ für das Kunst- und Literaturprojekt „Liebe mit Laufmaschen“

2018 bis 2021
Peer Beraterin (Betroffene beraten Betroffene), u.a. in der Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB)

2019
Botschafterin für die „Stadt der Sterblichen“, Funus Stiftung in Leipzig

2020 bis 2022
Fernstudium Journalismus an der Freien Journalistenschule in Berlin (FJS), Module: Journalistisches Texten, Audio- und Fernsehjournalismus, Marketing, Sach- und Fachbuch 

seit 2021
Kuratoriumsmitglied bei PRO RETINA Deutschland, einer Selbsthilfevereinigung von Menschen mit Netzhautdegenerationen

Seit 2022
Teil des Stammtischs für kulturelle Inklusion (Kult.In) in Halle, in Kooperation mit dem Stadtmuseum Halle

Seit 2022
Beraterin für inklusive Event-Gestaltung, in Kooperation mit der „Initiative Barrierefrei Feiern“ (IBF)

Seit 2022
Beraterin für Audiodeskription, in Kooperation mit „HörMal“ Leipzig

seit 2022
Kolumnistin bei „Die Neue Norm“ (Online-Magazin für Vielfalt, Gleichberechtigung und Disability Mainstreaming)

seit 2022
Kolumnistin bei „Drunter+Drüber“ (Online- und Printmagazin für Endlichkeitskultur)

seit 2023
Co-Host der Podcast-Reihe „Sonntag trifft Igel“ des Igel-Podcasts

bis heute:
Autorin, Journalistin, Aktivistin für Inklusion und Teilhabe, Female Empowerment, Kunst und Kultur.