{"id":322,"date":"2022-01-31T09:51:53","date_gmt":"2022-01-31T09:51:53","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=322"},"modified":"2023-03-22T11:05:41","modified_gmt":"2023-03-22T11:05:41","slug":"einblicke","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/","title":{"rendered":"Einblicke"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-group alignfull\"><div class=\"wp-block-group__inner-container is-layout-flow wp-block-group-is-layout-flow\">\n<h1 class=\"wp-block-heading\">So bunt ist die Behinderungsverarbeitung<\/h1>\n\n\n\n<p>Wenn wir eine Behinderung \u201eerwerben\u201c, dann kaufen wir uns eines gleich mit ein: Wir m\u00fcssen sie nebenbei auch noch verarbeiten. Diskriminierung, verhinderte Dazugeh\u00f6rigkeit, etwas nicht erlebt zu haben, das kann uns aber auch bei angeborener Behinderung Bew\u00e4ltigungsprozesse abverlangen. Beratende, ich nehme mich da nicht aus, orientierten sich lange an den alten Modellen zur Behinderungsverarbeitung, die heute in der Kritik stehen. Die einen f\u00fchlen sich davon unter Druck gesetzt, weil ihnen ein Bew\u00e4ltigen nach Plan \u00fcbergeholfen wird. Andere finden darin Hoffnung und Orientierung. Deshalb sind Modelle nie statisch und wir Menschen immer individuell zu betrachten. Die Blinde in mir ist den \u00e4lteren Modellen durchaus verbunden, die chronisch Erkrankte in mir f\u00fchlt sich von den neuen Modellen eher angesprochen. Geht beides oder brauchen wir vielleicht gar keine Modelle? Ein spannender Diskurs in mir, den ich mir auch unter Beratenden w\u00fcnsche. Da ich aus der Perspektive der Peer Beraterin (Betroffene beraten Betroffene) schreibe, in deren Rolle ich beruflich und ehrenamtlich aktiv war, flie\u00dfen meine sozialp\u00e4dagogischen Erkenntnisse und mein Erleben als behinderte Frau gleicherma\u00dfen in meine Betrachtungen ein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Innerer Kampf mit den Phasen<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"960\" height=\"727\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stiere.jpg\" alt=\"\u2026waas\u2026?  Eben lag ich doch noch im saftgr\u00fcnen Gras der Wiese, die gef\u00fcllt ist mit unz\u00e4hlbaren Halmen. Eilig bin ich davon gewichen, beinahe gesprungen. Jetzt mit sicherem Abstand, verfolge ich das was soeben geschieht\u2026  Nun seid ihr hier auf der Wiese. Ihr seid hier hergekommen und tratet ins Bild \u2013 einer von links und einer von rechts. Zornig rot mit starrem Blick schlagt ihr eure breiten Sch\u00e4del aneinander. Auge in Auge- Kampf! Mitten im Gem\u00e4lde trefft ihr aufeinander \u2013 ich bin verschreckt und voller Spannung zugleich. Die geh\u00f6rnten H\u00e4upter dr\u00fccken gegeneinander- mutig und stark. Muskeln spannen sich an.  Was habt ihr auszutragen? Was nur treibt euch an? Tierischer Instinkt, sich messen, Rangordnung schaffen!? Welcher von euch ist der St\u00e4rkere? \u2013 Ich vermute fast schon der linke Stier. Dieser stemmt mit geballter Kraft sein dunkelrotes Muskelkleid gegen das seines Gegners, wobei auch dieser Widerstand markiert, aber vielleicht zu knapp.  Mir stockt der Atem bei dieser Urgewalt. Fest im Boden verankert sind Beine und Hufe \u2013 nur nicht den Halt verlieren. Es wird nur einen geben, einer der gewinnt, der die Herde treibt. Einer der sich durchsetzt. Was f\u00fcr ein B\u00fchnenspiel der Natur.  So sehr seid ihr mit eurem Kampf befasst, dass ich nur froh bin, dass ihr mich nicht bemerkt.\" class=\"wp-image-324\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stiere.jpg 960w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stiere-300x227.jpg 300w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Stiere-768x582.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 960px) 100vw, 960px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gem\u00e4lde &#8222;K\u00e4mpfende Stiere&#8220; von Franziska Appel: <em>Dieses Bild habe ich ausgew\u00e4hlt, weil es den inneren Kampf mit den Verarbeitungsphasen und auch die Kontroverse innerhalb des Themas f\u00fcr mich gut symbolisiert. Die Malerin Franziska Appel lebt selbst mit chronischer Krankheit und ich durfte mit ihr bereits verschiedene inklusive Kunst- und Literaturprojekte umsetzen.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ich wurde in einer Zeit sozialisiert, in der die Erwartung nicht behinderter Menschen Betroffenen gegen\u00fcber vorherrschte, man m\u00fcsse \u00fcber seiner Behinderung stehen. Das gerade konnte ich beim besten Willen nicht, wenn ich auch sah, dass es ge\u00fcbtere blinde Menschen gab als mich, die alten Hasen, die scheinbar nicht \u201emehr\u201c in diesen inneren K\u00e4mpfen steckten.<\/p>\n\n\n\n<p>Blindenstock, Blindenschrift, \u00fcberhaupt das Wort \u201eblind\u201c, ich konnte ja nicht mal diese Begriffe in meinem Zusammenhang ertragen, geschweige denn, diese Hilfsmittel in mein Selbstbild integrieren. Gleichzeitig entstand neben meinem eigenen Wundschmerz eine \u00dcberkompensation in mir, da das sozial erw\u00fcnschte Bild eines behinderten Menschen nicht dem des Hadernden entsprach, der ablehnte, was man sich \u201eGutes\u201c f\u00fcr ihn ausgedacht hatte. Wie inspirierend hingegen doch behinderte Menschen wahrgenommen wurden, die immer am Ende des Tunnels Licht sahen und davon anderen m\u00f6glichst viel abgaben.<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich dann mit Modellen zur Behinderungsverarbeitung konfrontiert wurde, er\u00f6ffnete sich mir eine entlastende Sichtweise: Es gab nicht nur die beiden Optionen \u201eakzeptieren\u201c oder \u201enicht akzeptieren\u201c, es gab einen Prozess, ganz viele Gef\u00fchle und Schritte und die waren alle legitim. Da waren: der Schock nach der Diagnose, die Verleugnung dieser Krankheit\/Behinderung, das Aufbrechen der Gef\u00fchle, die Trauer um den Verlust, die Sch\u00e4tze, die wir mitnehmen, die neuen T\u00fcren, die sich \u00f6ffnen, das letztlich wieder zufriedene Leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Modelle zur Behinderungsverarbeitung haben allerdings ihre Schw\u00e4chen, da sie wie eine Gebrauchsanweisung wirken k\u00f6nnen, nach der ein Verlust \u201eabgearbeitet\u201c werden muss. Zum Gl\u00fcck habe ich das nicht so empfunden, da ich diese Phasenmodelle erst am Ende meiner Erblindung kennenlernte und mich in der R\u00fcckschau auf erleichternde Weise darin wiedererkannte. Auch wurden diese Modelle l\u00e4ngst dahingehend ge\u00f6ffnet und erweitert, &nbsp;dass der Verlauf nicht linear zu sehen ist, Phasen \u00fcbersprungen werden, Gef\u00fchle auch parallel laufen k\u00f6nnen, man bei zus\u00e4tzlichen Verlusterfahrungen zur\u00fcckfallen und es Wellenbewegungen geben kann, die mit der Zeit abflachen.<\/p>\n\n\n\n<p>Weil diese Erkenntnis f\u00fcr mich wichtig war, wollte ich sie auch an andere erblindende Menschen weitergeben, immer mit sensiblem Blick auf die Individualit\u00e4t jedes einzelnen. Einige unter uns erleben starre Modelle als Gewalt an der eigenen Person, n\u00e4mlich dann, wenn sie uns Verarbeitung nach Schema F abverlangen. Ich habe aber andererseits auch erlebt, Gewalt und Druck gerade mit den Wissen um die Verarbeitungsstadien vermeiden zu k\u00f6nnen, weil wir z.B. niemandem einen Blindenstock aufn\u00f6tigen oder eine Selbsthilfegruppe nahebringen k\u00f6nnen, der\/die noch mitten im Schock oder in der Abwehr steckt. Orientiert habe ich mich dabei an der Trauerspirale von Erika Schuchardt und den Publikationen von Eva-Maria Glofke- Schulz, da hier die Dynamik der Phasen und eine akzeptablere Definition des Begriffs \u201eAnnahme\u201c im Verarbeitungsprozess ber\u00fccksichtigt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Was die einen an den Phasenmodellen unter Druck setzt, wirkt auf die anderen ermutigend: &nbsp;die Idee, dass wir nach dem Durchleben der Phasen schlie\u00dflich bei einem erf\u00fcllten Leben mit Behinderung ankommen, mit der Erlaubnis, dass Phasen auch immer in Bewegung und unabgeschlossen sein d\u00fcrfen. Ich beobachtete an Menschen, die vor mir erblindet waren, dass sie tats\u00e4chlich ruhiger und zufriedener lebten und nicht mehr so oft mit der Behinderung auf Kriegsfu\u00df standen. Die neueren Modelle hingegen sprechen eher davon, dass das Wechselbad der Gef\u00fchle in Facetten erhalten bleibt. Das kann entlasten, weil wir nicht \u00fcber der Behinderung stehen m\u00fcssen, das kann aber auch Angst machen, denn einigen von uns w\u00fcrde es die Aussicht rauben, dass wir unsere Behinderung im Laufe der Verarbeitung als weniger schlimm erleben werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterschiedliche Phasenmodelle beschreiben auch eine unterschiedliche Anzahl von Phasen. Die Nummerierung ist hier aber gerade nicht entscheidend, denn sie macht es statisch. Ich pers\u00f6nlich kann mit der Metapher \u201eHinter den sieben Bergen\u201c gut arbeiten und merke mir deshalb die sieben Phasen besonders gut, die ich in diesem <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/kobinet-nachrichten.org\/2017\/08\/22\/hinter-den-sieben-bergen\/\" target=\"_blank\">Beitrag<\/a> beschrieb. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Neue Farben und Facetten<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"744\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-1024x744.jpg\" alt=\"Sch\u00f6nheit, Reichtum, Liebe, Leidenschaft, Unsterblichkeit aber auch Arroganz und Eitelkeit. All dies sind Bekenntnisse, die du dir zusprichst. Auch wenn du dich gerade entschieden hast, deine linke Profilseite zu zeigen und nur dein Kopf und Hals zu betrachten ist, muss dein prachtvolles Kleid aus bunt- blauen Federn erw\u00e4hnt sein. Dies ist wohl deine wichtigste Besonderheit und es ist fast schon unnahbar k\u00f6niglich. Ebenso wie dein Kopfschmuck, deine Krone also. Senkrecht aufgestellt ist sie und besteht aus schmalen d\u00fcnnen Federn die sich am Ende zu kleinen Federb\u00fcscheln zusammen tragen. Dein dunkel braun- beiger Schnabel ist leicht erhoben, oder besser beschrieben: ehrw\u00fcrdig dargestellt. Ein von den Nasenl\u00f6chern bis zum Auge reichendes, schmales Band sowie eine breite, halbovale Fl\u00e4che unter dem Auge ist wei\u00df und nackt. Einen zufriedenen Blick hat dein oval braunes Auge, darin ein wei\u00dfer Schimmer. Mit unz\u00e4hligen gleichm\u00e4\u00dfig- liegenden- dunkelblauen Federn ist auch dein Kopf verziert. In mitten vom Gem\u00e4lde hast du dich platziert. Um dich herum drei tanzende rot- gelbe F\u00e4cher die schwungvoll ineinander \u00fcbergehen. Eine Art Choreografie die dich angenehm aus dem Hintergrund heraus untermalt. Fast ist mir so als w\u00fcrde ich tanzen wollen, alles bewegt sich auf einmal im fassettenreich- lebhaften Farbgewand. Doch du zeigst weiterhin ganz unber\u00fchrt Stolz. Wie du es immer tust \u2013 eitler ansehnlicher Pfau.\" class=\"wp-image-326\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-1024x744.jpg 1024w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-300x218.jpg 300w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-768x558.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-1536x1115.jpg 1536w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-2048x1487.jpg 2048w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-1200x871.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_110156-1980x1438.jpg 1980w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> Gem\u00e4lde &#8222;Pfau&#8220; von Franziska Appel: <em>Dieses Bild habe ich ausgew\u00e4hlt, weil Behinderungsverarbeitung ein farbenfroher Prozess ist und der Pfau dabei durchaus als stolzes Tier daherkommt, der sich seines Wertes und seiner W\u00fcrde bewusst bleibt.<\/em> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich mich inzwischen zunehmend zeitgem\u00e4\u00dferen Trauerans\u00e4tzen \u00f6ffne, wie z.B. dem Trauerkaleidoskop von Chris Paul, geht es hier \u00fcberwiegend um Trauer bei Tod, nicht um Trauer innerhalb der Behinderungsverarbeitung. Verlieren wir jedoch etwas Geliebtes, etwas uns Wichtiges, wie z.B. das Augenlicht, setzt ebenfalls ein Trauerprozess ein, der bei jedem von uns individuell gef\u00e4rbt ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Beim Trauerkaleidoskop sind alle Facetten des Trauerweges stets gemeinsam vorhanden,&nbsp; aber sie sind nicht alle gleich sichtbar. Wie bei einem Kaleidoskop aus Kindertagen, mischen sich die verschiedenen Farben beweglich zu immer neuen, sich gegenseitig behindernden oder unterst\u00fctzenden Strukturen. Einzelne Teile k\u00f6nnen andere verdecken, ohne dass eine der Farben je aus dem Kaleidoskop verschwindet.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei ihrem ganzheitlichen Modell betrachtet Chris Paul Trauern als Prozess, der verschiedene Bereiche unseres Lebens ber\u00fchrt. Die Lebensbereiche, die von einem Verlust beeinflusst werden, nennt sie \u201eFacetten des Trauerns\u201c. Dabei ordnet sie jeder der 6 Facetten (\u00dcBERLEBEN, WIRKLICHKEIT, GEF\u00dcHLE, SICH ANPASSEN, VERBUNDEN BLEIBEN, EINORDNEN) eine Farbe zu. Knallrosa ist z.B. die Farbe der Gef\u00fchle. Das Verbundenbleiben ist strahlend gelb, da es Hoffnung ausstrahlt. Generell geht es in diesem Modell nicht um das Loslassen von Verlorenem, was viele von uns \u00fcberfordert, sondern um das Integrieren des Verlorenen. Im Falle der Erblindung w\u00fcrde das bedeuten, ich darf die Sehende in mir mitnehmen&nbsp; und ihr verbunden bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Da die Arbeit von Chris Paul sehr visuell orientiert ist, k\u00f6nnen gerade Menschen, die ihr Sehverm\u00f6gen verlieren, das Modell mit den Farben der Trauer m\u00f6glicherweise nicht so gut auf sich anwenden. Deshalb muss man hier genau hinsp\u00fcren, ob diese Idee hilfreich ist, oder den Verlustschmerz eher verst\u00e4rkt. Ich pers\u00f6nlich bin auch als erblindete Frau Farben noch sehr verbunden und m\u00f6chte zuk\u00fcnftig \u201eschauen\u201c, wie ich das Trauerkaleidoskop auch auf die Verarbeitung von Behinderung und chronischer Krankheit anwenden kann.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Pendeln als Prozess<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"744\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-1024x744.jpg\" alt=\"Ein Spiel, ein Kampf, ein Necken?  Da tollen zwei Hunde auf dem Weg herum. Der eine hell der andere dunkel. Nach Freiheit seht ihr aus. So gedankenlos. Nur der Moment z\u00e4hlt, das Hier- das Jetzt. Es ist herrlich euch zu zuschauen. In einer dynamisch- windigen Bewegung springt der Eine, also der schwarze athletische Hund den anderen beigen Hund, mit langem Fell, in seine Laufspur, dabei sto\u00dfen sie ineinander und steigen beide mit den Vorderbeinen in die H\u00f6he. Die M\u00e4uler ber\u00fchren sich. Die scharfen Schneidez\u00e4hne des beigen Hundes werden sichtbar, er kneift die Augen zu in diesem Moment. Eine anschauliche Szene. Aber ohne Sorge, sie wirken sehr vertraut und schon des \u00d6fteren erprobt in diesem hitzigen Spiel. Wohl sind sie unterwegs im Gr\u00fcnen und hatten soeben auf dem Pfad zwischen den zwei dunkelgr\u00fcnen Feldern ihren spielerischen Kampf herausgefordert. Auf dem r\u00f6tlich- gelblichem Weg, der sich aus der Ferne aus eine Art Wald erstreckt, platzieren sich die beiden Akteure mittig im Gem\u00e4lde, mit der Tendenz gleich aus dem Bild links heraus zu eifern- da das wilde Paar im Augenblick alles um sich herum vergisst. Auch mich, die zuschaut. W\u00e4hrend ich mir diese tollenden Hunde anschaue, w\u00fcnsche ich mir ebenfalls Loslassen zu k\u00f6nnen- irgendwie frei zu sein.\" class=\"wp-image-327\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-1024x744.jpg 1024w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-300x218.jpg 300w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-768x558.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-1536x1115.jpg 1536w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-2048x1487.jpg 2048w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-1200x871.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/IMG_1814-1980x1438.jpg 1980w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\"> Gem\u00e4lde &#8222;Raufende Hunde&#8220; von Franziska Appel: <em>Dieses Bild habe ich ausgesucht, weil die beiden verschiedenfarbigen Hunde f\u00fcr mich spielerisch die beiden Seiten zeigen, die abwechselnd in uns toben und doch zusammengeh\u00f6ren<\/em> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Neben den Phasen und den Farben gibt es noch einen weiteren Ansatz, den ich gern besprechen m\u00f6chte. Er beschreibt eine Pendelbewegung. Bei trauernden Kindern sprechen wir oft vom so genannten \u201ePf\u00fctzenspringen\u201c. Sie k\u00f6nnen sehr traurig \u00fcber einen Verlust sein und sich in einem anderen Moment mit einem fr\u00f6hlichen Spiel ablenken, also von der einen in die andere Pf\u00fctze springen. Es bleibt dem Trauerprozess \u00fcberlassen, wann ein Kind in welche Pf\u00fctze springt, wie oft und wie lange es in welcher verharrt und wie welche Pf\u00fctze genau aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei erwachsenen Menschen wird Trauern komplexer, aber auch wir kennen diese Gef\u00fchlsschwankungen, das Pendeln zwischen zwei vollkommen gegens\u00e4tzlichen Stimmungslagen. Deshalb wirkt die Auseinandersetzung mit dem Pendelmodell f\u00fcr viele von uns befreiend, weil das eigene F\u00fchlen und Agieren erkl\u00e4rbar wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Wissenschaftler*innen Stroebe und Schut haben das Duale Prozess-Modell (DPM) entwickelt, das sowohl die Konfrontation als auch das Unterdr\u00fccken\/ Verdr\u00e4ngen als wichtig erachtet. Als Trauerfall wird hier ein belastendes Lebensereignis definiert, bzw. eine Stress- und Krisensituation (stressful-life-event). Ich versuche das Modell wieder auf das Thema Behinderungsverarbeitung zu \u00fcbersetzen: Wir verlieren durch den Verlust Ressourcen, die wir zur Lebensbew\u00e4ltigung ben\u00f6tigen. Die Herausforderungen, die nun durch den Einschnitt entstehen, verursachen uns Stress.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt dabei zwei Sorten von Stressfaktoren: einerseits ist der Verlust selbst stressig f\u00fcr uns, andererseits ist es stressig, im Alltag funktionieren und sich an die ver\u00e4nderten Lebensumst\u00e4nde anpassen zu m\u00fcssen. So vollzieht sich Trauer bei uns einerseits verlustorientiert, andererseits wiederherstellungsorientiert. Laut des Modells k\u00f6nnen verlustorientierte und wiederherstellungsorientierte Bew\u00e4ltigung nicht zugleich geschehen. So wechseln wir von einem Zustand zum anderen, wir entscheiden selbstbestimmt, was f\u00fcr uns gerade heilsam oder notwendig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Behinderungsverarbeitung w\u00e4re demnach ein dualer Prozess, in dem wir zwischen zwei Bereichen pendeln. Am eigenen Beispiel m\u00f6chte ich das so erkl\u00e4ren: ich bin oft ziemlich gl\u00fccklich dar\u00fcber, neue Aufgaben gefunden zu haben, als Buchautorin, Fernsehkolumnistin und Inklusionsbotschafterin. Das ist die Wiederherstellung. Trotz des Angekommenseins in meinen Behinderungen, kosten sie mich oft so viel Kraft, dass mir nicht einmal eine kleine Urlaubsreise mit meiner Familie m\u00f6glich ist, weil ich mit starken chronischen Schmerzen lebe. Dann sp\u00fcre ich ganz stark den Verlust von Gesundheit. Ich wechsle also dem Modell nach zwischen der Kompensation des Verlusts und dem Traurigsein \u00fcber den Verlust.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Individuell statt nach Modell?<\/h2>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"999\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-999x1024.jpg\" alt=\"Scheu schaust du aus\u2026  M\u00f6chte ich dir doch gerade mein Gesicht heranf\u00fchren, da halte ich respektvoll inne und ziehe mich wieder entschlossen zur\u00fcck. Lieber betrachte ich dich von hier aus- von weiter weg- bevor du mir, mit deinem Samtpf\u00f6tchen und den darin verborgenen kleinen Gefahren, diskret den R\u00fcckzug erteilst. Liegst du doch aber so einnehmend da, als w\u00fcrde ich dich jeden Moment ber\u00fchren d\u00fcrfen. Nein, lieber nicht. Du hast etwas von einer so tr\u00fcgerischen S\u00fc\u00dfe, dass ich nun endg\u00fcltig entfernt bleibe. Ganz in schwarz mit einem leichten dunkelblauem Schimmer verweilst du in der Mitte des Gem\u00e4ldes, wobei du nur einen Teil deines schlanken K\u00f6rbers zeigst. Hinterbeine und Schwanz sind nur noch zu erahnen. W\u00e4hrend das linke Vorderbein sich in einer angewinkelten Position ausruht, st\u00fctzt das Rechte im lang ausgestreckten Zustand deinen Kopf. Unterhalb von zwei dreiecksartig spitzen Ohren- die vermutlich auf jedes noch so feine Ger\u00e4usch sensibel reagieren- finde ich deinen Blick. Gro\u00dfe gelbe Augen mit schwarzen Pupillen wirken etwas erschrocken, vielleicht habe ich dich gest\u00f6rt als ich hier her kam? Deine, vom schwarzem Fell umgebende Nase m\u00fcndet rot rosa in die Nasenspitze. Vollkommen schaust du aus auf dieser sattroten Decke, die sich in weiche Falten und kleine W\u00f6lbungen gelegt hat, da sie von deinem sanften Gewicht dazu gebracht wurde. Dann erkenne ich, dass ich nicht nur auf eine Katze schaue, sondern auf eine kleine Herrin mit viel Eigensinn.\" class=\"wp-image-325\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-999x1024.jpg 999w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-293x300.jpg 293w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-768x787.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-1499x1536.jpg 1499w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-1998x2048.jpg 1998w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-1200x1230.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/20201113_134319-1980x2029.jpg 1980w\" sizes=\"(max-width: 999px) 100vw, 999px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Gem\u00e4lde &#8222;Katze&#8220; von Franziska Appel: <em>Dieses Bild habe ich ausgesucht, weil die Katze f\u00fcr Selbstbestimmung und Individualit\u00e4t steht, sie aber auch extrem scheu und fl\u00fcchtig sein kann, wenn man sie verschreckt. Ich bedanke mich bei Franziska Appel f\u00fcr die Bereitstellung ihrer Bilder. Kunst und Kreativit\u00e4t sind uns eine wichtige gemeinsame Ressource im Umgang mit chronischer Krankheit und Behinderung.<\/em><\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Frage, ob sich neue und alte Modelle zur Behinderungsverarbeitung kombinieren lassen und ob Modelle \u00fcberhaupt n\u00f6tig sind, m\u00f6chte ich so beantworten:<\/p>\n\n\n\n<p>Wir verarbeiten Verluste immer individuell und nie nach Modell. Modelle k\u00f6nnen uns jedoch dabei helfen, unser Verhalten und Erleben zu erkl\u00e4ren. So w\u00e4hle ich selbst bei der Verarbeitung meiner unterschiedlichen Beeintr\u00e4chtigungen zwischen verschiedenen Ans\u00e4tzen und stricke mir den passenden Lebenspullover. Momentan f\u00fchlt es sich f\u00fcr mich zu brutal an, ohne \u00dcbergangswaben von den alten zu den neuen Ans\u00e4tzen zu springen. Hier d\u00fcrfen und m\u00fcssen wir selbst entscheiden. Ich denke, was sich f\u00fcr uns stimmig anf\u00fchlt, k\u00f6nnen wir innerlich verweben, egal aus welchen Ans\u00e4tzen wir unsere pers\u00f6nlichen Erkenntnisse speisen. Modelle k\u00f6nnen dabei h\u00f6chstens sanfte Orientierungshilfen sein, die von uns nicht als Gewalt an der eigenen Seele erlebt werden d\u00fcrfen. Auch als Beratende m\u00fcssen wir uns das bewusst machen, wenn wir Klient*innen in statische Modelle pressen wollen und dabei die Menschlichkeit aus dem Gesp\u00fcr verlieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch Qualifikation und eigene Betroffenheit kann es uns gelingen, Mitbetroffene einf\u00fchlsam und authentisch zu beraten oder zu begleiten, egal ob im Peer Counseling, durch therapeutische Unterst\u00fctzung oder in einem Coaching. Damit das gelingen kann, ist es notwendig, dass wir zu den Facetten der Behinderungsverarbeitung im Austausch bleiben und neue Blickwinkel er\u00f6ffnen. Im Dezember 2021 durfte ich dazu einen sowohl menschlich als auch fachlich anregenden Impulsvortrag der \u201eSehheldin\u201c Anne Niesen miterleben, die selbst mit Sehverlust lebt. Hier wurde sehr klar, warum es so wichtig ist, eigene, individuelle Pfade zu pflastern und Bew\u00e4ltigung nach Plan sowohl als Betroffene, als auch als Beratende, kritisch zu hinterfragen. Gern m\u00f6chte ich an dieser Stelle auf <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/sehheldin.eu\/\" target=\"_blank\">Annes Blogbeitr\u00e4ge, ihr Sehheldinnen-Manifest und ihre Angebote hinweisen<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p>Ausf\u00fchrliche Bildbeschreibungen und weitere Tiermotive finden Interessierte unter: <a href=\"https:\/\/galeriegefluester.wordpress.com\/tierisch\/\">https:\/\/galeriegefluester.wordpress.com\/tierisch\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n<\/div><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So bunt ist die Behinderungsverarbeitung Wenn wir eine Behinderung \u201eerwerben\u201c, dann kaufen wir uns eines gleich mit ein: Wir m\u00fcssen sie nebenbei auch noch verarbeiten. 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Beratende, ich nehme mich da nicht aus, orientierten sich lange an den [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":0,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-322","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322"}],"collection":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=322"}],"version-history":[{"count":6,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":638,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322\/revisions\/638"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=322"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}