{"id":407,"date":"2022-08-08T17:45:08","date_gmt":"2022-08-08T17:45:08","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=407"},"modified":"2023-03-22T11:12:47","modified_gmt":"2023-03-22T11:12:47","slug":"gezeichnet-vom-lieben","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/gezeichnet-vom-lieben\/","title":{"rendered":"Gezeichnet vom Lieben"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"438\" height=\"438\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jennifer-und-dirk-e1587480466540.webp\" alt=\"Jennifer Sonntag ist elegant in schwarz gekleidet und hat sich bei Dirk Rotzsch eingehakt, der ein Storch Heinar T-Shirt und ein schwarzes Cappi tr\u00e4gt. Jennifer h\u00e4lt einen Blindenstock in der anderen Hand\" class=\"wp-image-409\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jennifer-und-dirk-e1587480466540.webp 438w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jennifer-und-dirk-e1587480466540-300x300.webp 300w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/08\/jennifer-und-dirk-e1587480466540-150x150.webp 150w\" sizes=\"(max-width: 438px) 100vw, 438px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag und Dirk Rotzsch<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Wir alle sind Kunst, gezeichnet vom Leben. Ich jedoch war schon immer auf die sinnlichste Weise vom Lieben gezeichnet und ich habe die Liebe gezeichnet. Nicht selten verwirrte ich meine sehenden Zeitgenossen mit meinen Wortbildern oder Bildworten, die man einer blinden Frau so fassettenreich nicht zutraute, auch in ihrer Absonderlichkeit oder Erotik.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Am Anfang war das Schreiben<\/h3>\n\n\n\n<p>Pr\u00e4gend war f\u00fcr mich stets die Entwicklung an meinem Kreativ- und Sinnespartner Dirk Rotzsch, gerade weil wir mit anderen Augen sahen, er mit den \u00e4u\u00dferen, ich mit den inneren. Im Rahmen unserer erotischen Lesereihe zu meiner Audio-Anthologie \u201eZigaretten danach\u201c und sp\u00e4ter auch durch die Ver\u00f6ffentlichung unseres erotischen Textbandes \u201eLiebe mit Laufmaschen\u201c, wurden wir h\u00e4ufig mit Fragen zu unserem \u201eblinden Verstehen\u201c konfrontiert, welches sich nicht nur in unserer literarischen Zusammenarbeit widerspiegelte, sondern ganz w\u00f6rtlich gemeint war: eine blinde Autorin und ihr sehender Co-Autor, kein Thema? Manchmal doch, n\u00e4mlich dann, wenn es zu einem wertvollen Austausch f\u00fchrte, den inneren Blick erweiterte, neue kreative R\u00e4ume \u00f6ffnete. So fragte sich die Leser- und H\u00f6rerschaft, wie es mir gel\u00e4nge, in Bildern zu schreiben, und diese in einem n\u00e4chsten Schritt sogar zu zeichnen, wenn ich doch das, was ich ausschm\u00fcckte, gar nicht vor Augen haben konnte. Wo blinde Flecken waren, entstand jedoch die entscheidende Fl\u00e4che f\u00fcr meine Fantasie. Kein freier Millimeter blieb unbespielt. Erst entstanden die Bilder, dann die Worte, oder war es umgekehrt? Vermutlich formten sich meist Symbiosen aus Wort und Bild, bizarr verwobene Fantasiekonstrukte aus beidem.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vom Foto zur Zeichnung<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich lie\u00df die Bilder nie los, die Sprache der Sehenden, habe ich sie als Sp\u00e4terblindete doch selbst viele Jahre gesprochen. Als Fotomodell kommunizierte ich sehr intensiv mit FotografInnen, um mir der Bedeutung der Bildhaftigkeit, auch in erotischen Zusammenh\u00e4ngen, bewusst zu bleiben. Ich war stets interessiert an erotischen Foto- und Gem\u00e4ldegalerien, obwohl ich sie nicht mehr sah. Wollte ich den Sinn zelebrieren, der mir nun fehlte? Das bedeutete immer auch Schmerz. Vielleicht wollte ich in meinen leidenschaftlichsten Jahren \u2013 und jede Lebensdekade kann auf ihre Weise die leidenschaftlichste sein \u2013 das erotische Spr\u00fchen, was sich auch f\u00fcr mich immer durch optische Reize speist, mit meiner blinden Sinnlichkeit mischen. Sp\u00e4ter suchte ich neue Wege, weg von der Fotografie, hin zur Zeichnung. Ich entwickelte M\u00f6glichkeiten, einen direkteren Einfluss auf das Bild, das aus meinem Kopf heraus sichtbar wurde, auszu\u00fcben. Auch wenn ich mich nach meiner Erblindung lange Zeit nicht mehr mit Zeichenutensilien konfrontierte, da sie mich zu schmerzlich an Verlorenes erinnerten, dr\u00e4ngte die innere K\u00fcnstlerin zunehmend st\u00e4rker, es wieder zu versuchen. Ich w\u00fcnschte mir den direkten Kontakt zum Papier. Ich wollte Perspektiven, Konturen und Schattierungen erzeugen, auch wenn ich mir dar\u00fcber im Klaren war, dass meine Ergebnisse nicht mit denen Sehender zu vergleichen sein w\u00fcrden. Diesen Anspruch hegte ich auch nicht. Ich forderte eine Hand und ein Auge \u2013 einen Partner \u2013 welcher meine Vorgaben respektierte und aufnahm, meine Grenzen erkannte, meine Linien weiterf\u00fchrte, meine Wahrnehmung zulie\u00df und eine Begegnung zwischen den Welten festhielt. Und das gelang tats\u00e4chlich, durch die Entwicklung einer ganz eigenen \u201eZeichensprache\u201c mit meinem Buchpartner, da wir bereits bei unserer gemeinsamen Arbeit als Autorenpaar in einen sehr intensiven Dialog \u00fcber innere Bilder geraten waren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie funktionierte die blinde \u201eZeichensprache\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir begannen, meine Bildfantasien begleitend zu unserem 2015 ver\u00f6ffentlichten Taschenbuch \u201eLiebe mit Laufmaschen\u201c, mit Kohle auf Papier zu zeichnen. Es lag in der Natur der Sache, dass wir in unserem \u201eblinden Verstehen\u201c ein einzigartiges kreatives Herangehen entwickeln und uns mit viel Fingerspitzengef\u00fchl eine ganz eigene k\u00fcnstlerische Ausdrucksform erarbeiten mussten. Wir suchten nach Kreide- und Kohlestiften, auch Fasermalern, die beim Agieren auf dem Papier h\u00f6rbar und sp\u00fcrbar waren, einen gewissen Widerstand leisteten und dadurch mit mir in Kontakt traten. Ich h\u00e4tte mir niemals vorstellen k\u00f6nnen, dem Klang und dem Str\u00e4uben eines Kohlestiftes etwas abgewinnen zu k\u00f6nnen. Ich lernte verschiedenste St\u00e4rken, H\u00e4rten, Abriebe, auch Papierarten kennen. Da wir im \u00e4sthetischen Sinn \u201eSchwarzmaler\u201c waren, schlie\u00dflich war es auch die schwarze Szene, die uns zusammengef\u00fchrt hatte, einigten wir uns auf Graukreiden und mischten mit Kohle, je nachdem, ob wir Linien oder Fl\u00e4chen entstehen lassen wollten. Egal ob geometrische Mathematiklehrerin, doppeldeutiger Fantasiepilz oder skurriles Kaspertheater, mein Partner erkannte meine symbolischen Linien und griff sie auf. Silhouetten musste ich mit zwei Kohlestiften gleichzeitig entstehen lassen, um den Kontakt zur gegen\u00fcberliegenden K\u00f6rperh\u00e4lfte nicht zu verlieren. Eine interessante Erfahrung war es, mich mit dem Stift f\u00fchren zu lassen. \u00c4hnlich wie beim Gehen mit einer Begleitperson, gab ich das Ziel an, lie\u00df mich aber auf dem Weg dorthin unterst\u00fctzen. Wir stellten schnell fest, dass das Zeichenutensil dabei nicht abgesetzt werden durfte, damit ich die innere Vorstellung nicht verlor. Auch bei Schattierungen an Linien entlang lie\u00df ich mich gern begleiten, da dadurch der Kontakt zum Papier und zur entstehenden Gestalt besonders intensiv wurde. Allerdings fiel es mir im Vergleich zum Gef\u00fchrtwerden deutlich leichter, Linien zu verstehen, die ich eigenst\u00e4ndig erzeugt hatte. Manchmal lenkten wir gegenseitig unsere H\u00e4nde, um eine Perspektive zu verdeutlichen, fanden nicht zu einander, bogen und formten unsere K\u00f6rper, um unsere Sichten der Dinge zu kommunizieren. Nicht selten gerieten wir an unser Limit, eigentlich jeder an ein anderes, experimentierten uns in Rage, rangen nach Worten, erzeugten Schablonen, schnitzten in Kartoffeln, interagierten \u00fcber eigens f\u00fcr mich organisierte Schwellpapierb\u00f6gen und gaben es nicht nur einmal verzweifelt auf. Wie viel blinde Perspektive, Wahrnehmung, Wahrheit zulassen? Wie viel Perfektion dem Auge einr\u00e4umen? Die Liebenden auf dem Papier scheiterten allzu oft an unseren K\u00e4mpfen. Wir verheimlichen nicht unsere Grenzen, nicht die unz\u00e4hligen Entw\u00fcrfe und \u00dcbertragungen, auch nicht den Balanceakt zwischen blindem Blo\u00dfstellen und sehender Kontrolle (auch umgekehrt) und die Tatsache, dass wir uns dieses wunderbare Vergn\u00fcgen nie wieder antun wollen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Unvollendungen mit Eigensinn<\/h3>\n\n\n\n<p>Mit viel Feingef\u00fchl und Herzblut gelangten wir zu gerahmten Unvollendungen, eben wie wir, so perfekt unperfekt, welche die Begegnung unserer Welten dokumentierten. Manchmal k\u00f6nnen Stifte Br\u00fccken sein, ohne den anderen zu \u00fcbermalen. Das Leben ist schlie\u00dflich so vielf\u00e4ltig, wie die Perspektiven, aus denen man es betrachtet und dabei bedingen die unterschiedlichen Sichtweisen die Definition von Wirklichkeit. Der Eigensinn ist uns dabei wohl der wichtigste aller Sinne geblieben.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Thema erschien auch&nbsp; im \u201e<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/galeriegefluester.wordpress.com\/blog\/\" target=\"_blank\">Galeriegefl\u00fcster<\/a>\u201c und auf \u201e<a href=\"https:\/\/www.liebemitlaufmaschen.de\/blind-galerie\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Liebe mit Laufmaschen<\/a>\u201c, wo Interessierte dem Kohlestift in meiner Hand folgen k\u00f6nnen. Die Bilder sind jeweils mit einer ausf\u00fchrlichen Bildbeschreibung versehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzende Links zu unserem Projekt:<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.mz.de\/lokal\/halle-saale\/jennifer-sonntag-blinde-erfolgreiche-schriftstellerin-will-kein-mitleid-1502190\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.mz.de\/lokal\/halle-saale\/jennifer-sonntag-blinde-erfolgreiche-schriftstellerin-will-kein-mitleid-1502190<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/kobinet-nachrichten.org\/2018\/09\/25\/mitteldeutscher-inklusionspreis-verliehen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/kobinet-nachrichten.org\/2018\/09\/25\/mitteldeutscher-inklusionspreis-verliehen\/https:\/\/kobinet-nachrichten.org\/2018\/09\/25\/mitteldeutscher-inklusionspreis-verliehen\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.liebemitlaufmaschen.de\/1171-2\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.liebemitlaufmaschen.de\/1171-2\/https:\/\/www.liebemitlaufmaschen.de\/1171-2\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">zum blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir alle sind Kunst, gezeichnet vom Leben. Ich jedoch war schon immer auf die sinnlichste Weise vom Lieben gezeichnet und ich habe die Liebe gezeichnet. Nicht selten verwirrte ich meine sehenden Zeitgenossen mit meinen Wortbildern oder Bildworten, die man einer blinden Frau so fassettenreich nicht zutraute, auch in ihrer Absonderlichkeit oder Erotik. Am Anfang war [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":322,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-407","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/407"}],"collection":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=407"}],"version-history":[{"count":7,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/407\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":643,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/407\/revisions\/643"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=407"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}