{"id":497,"date":"2022-09-29T06:49:07","date_gmt":"2022-09-29T06:49:07","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=497"},"modified":"2025-04-29T13:47:35","modified_gmt":"2025-04-29T13:47:35","slug":"depressionen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/depressionen\/","title":{"rendered":"Depressionen machen keinen Bogen um behinderte Menschen"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"724\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-724x1024.jpg\" alt=\"Erbarmungslos haben sich die gr\u00fcnen Schlingpflanzen um ihre Beine gelegt, um sie tiefer in das dunkle Wasser zu ziehen. Den Blick verzweifelt nach oben gerichtet, wo nur einzelne Lichtstrahlen die Wasseroberfl\u00e4che durchbrechen. Den Mund ge\u00f6ffnet, die Arme nach oben gereckt, als w\u00fcrde sie nach Hilfe rufen. Ihre langen schwarzen Haare und ihr blaues Kleid schweben elegant im Wasser, w\u00e4hrend sie mit dem Tode ringt.\" class=\"wp-image-510\" style=\"width:610px;height:862px\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-724x1024.jpg 724w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-212x300.jpg 212w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-768x1086.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-1086x1536.jpg 1086w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-1448x2048.jpg 1448w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-1200x1697.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-1980x2801.jpg 1980w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Ertrinken-01-scaled.jpg 1810w\" sizes=\"(max-width: 724px) 100vw, 724px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Illustration von Franziska Appel f\u00fcr das Buch &#8222;Seroqu\u00e4lm\u00e4rchen&#8220; von Jennifer Sonntag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-larger-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><strong>Triggerwarnung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Kolumne geht es um das Thema Depressionen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Vollkommen zu Recht wollen wir Menschen mit Behinderungen nicht als dauertraurige Tr\u00f6pfe wahrgenommen werden, die ihr tristes Dasein in Trostlosigkeit hinter vergilbten Gardinen verbringen. Damit steigt der Druck, sich aktiv und engagiert, lebenshungrig und selbstbestimmt zu zeigen. Wenn wir f\u00fcr depressiv oder traumatisiert gehalten werden, nur weil wir eine Behinderung haben, f\u00fchlen sich viele von uns falsch verstanden, denn Behinderung ist zun\u00e4chst kein Grund f\u00fcr Depressionen.<\/p>\n\n\n\n<p>Depressive Menschen ohne Behinderung hingegen habe ich manchmal sagen h\u00f6ren, sie w\u00fcnschten sich lieber ein Bein ab, als den H\u00f6llentrip der Depression. Das kann ich nachf\u00fchlen, m\u00f6chte aber mit der Vorstellung aufr\u00e4umen, dass Menschen mit sichtbaren Behinderungen nicht auch von Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen betroffen sein k\u00f6nnen. Dabei kann die Behinderung, muss aber nicht, ein belastender Faktor sein, insbesondere durch dauerhafte und sch\u00e4digende Stigmatisierungserfahrungen. Wird die Depression unabh\u00e4ngig von der Behinderung ausgel\u00f6st, kann es dennoch sein, dass auch eine vormals gut verarbeitete Behinderung nun schwerer wiegt und nicht mehr so gut kompensiert werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst finde es problematisch, dass wir Menschen mit Behinderungen selten offen \u00fcber Depressionen sprechen k\u00f6nnen. Wir trennen hier noch sehr stark: Auf der einen Seite sind die behinderten Menschen, auf der anderen Seite diejenigen mit Depressionen. Beides kommt aber auch gekoppelt vor, was nicht nur die Behindertenszene selbst, sondern auch das Hilfesystem nicht ausreichend ber\u00fccksichtigen. Liegt es daran, dass wir, sollten wir \u00fcber die Behinderung hinaus mit einer Depression leben, uns nicht auch noch mit diesem Stigma sichtbar machen wollen? Schon Menschen ohne Behinderung, die \u00fcber psychische Belastungen sprechen, haben noch ausreichend \u00c4ngste vor Vorurteilen in der Gesellschaft. Vielleicht will jene Gesellschaft dann erst recht den Doppel-Whopper Depression plus Behinderung auch in doppelter Hinsicht \u00fcbersehen, weil Behinderung allein schon befremdet? Wenn schon ein \u201eBehinderter\u201c inkludiert werden soll, dann doch bitte einer, der permanent gut drauf ist und andere zu positiven Sichtweisen inspiriert?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich w\u00fcnsche mir in der Behinderten-Community schon sehr lange Menschen, die Gesicht f\u00fcr das Thema Depression zeigen, \u00e4hnlich wie es in den Communitys nichtbehinderter Menschen Promis wie Kurt Kr\u00f6mer, Nora Tschirner oder Torsten Str\u00e4ter tun. Warum? Weil Depressionen auch in unseren Kreisen kein Zeichen von Charakterschw\u00e4che sind, sondern im Gegenteil eben auch sehr engagierte und \u201estarke\u201c, lebenshungrige und selbstbestimmte Menschen betroffen sein k\u00f6nnen. Weil Depressionen gut behandelbar sind, wenn man dar\u00fcber spricht. Weil Depressionen t\u00f6dlich sein k\u00f6nnen, wenn man sie nicht behandelt. Und weil ich von einer schweren Depression betroffen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte \u00fcber Depression plus Behinderung sprechen, weil ich lange als die souver\u00e4ne Powerfrau wahrgenommen wurde, von der \u201edas\u201c keiner gedacht h\u00e4tte. Und genau das halte ich f\u00fcr gef\u00e4hrlich. Ich h\u00e4tte es ja selbst nicht gedacht und meine eigenen Vorurteile, was Depressionen betraf, standen mir reichlich im Weg. Diese Krankheit kannte ich nur von au\u00dfen und konnte sie mir an mir selbst nicht vorstellen. Und im \u00dcbrigen, souver\u00e4n kann Frau auch mit Depression sein. Vielleicht wirkte ich sogar in meinen verzweifeltesten Momenten noch zu \u201egefasst\u201c, weshalb man mir nicht anmerkte, wie schlecht es mir wirklich ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Allzu oft habe ich vom alten Rehasystem eingetrichtert bekommen: \u201eDu musst immer zehnmal besser sein als die Sehenden, um in der Gesellschaft etwas wert zu sein!\u201c Kann sein, dass man einem die eigene Not dann auch zehnmal schlechter ansieht. Sozial erw\u00fcnschte \u00dcberkompensation w\u00e4re wohl eine passende Bezeichnung daf\u00fcr. Das war es jedoch nicht, was eine Depression bei mir ausl\u00f6ste. Ich hatte eher das Problem, dass dasselbe Rehasystem, was Menschen mit Behinderung eine hohe Kompensationsf\u00e4higkeit abverlangte, einem wiederum die hart erk\u00e4mpften Erfolge dann nicht g\u00f6nnte. Was wollte man? Potenziale behinderter Menschen sichtbar machen und sobald sie dann wirklich einer sah, das Licht schnell wieder ausknipsen? Im n\u00e4chsten Teil meiner Kolumne beschreibe ich, wie ich am Arbeitsplatz zwischen diesen Fronten zerrieben wurde. Er ist <a href=\"https:\/\/dieneuenorm.de\/kolumne\/missgunst-und-maskottchenrolle\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> verlinkt.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">zum blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Triggerwarnung In dieser Kolumne geht es um das Thema Depressionen. Vollkommen zu Recht wollen wir Menschen mit Behinderungen nicht als dauertraurige Tr\u00f6pfe wahrgenommen werden, die ihr tristes Dasein in Trostlosigkeit hinter vergilbten Gardinen verbringen. 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