{"id":513,"date":"2022-10-10T17:21:45","date_gmt":"2022-10-10T17:21:45","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=513"},"modified":"2023-03-22T11:08:05","modified_gmt":"2023-03-22T11:08:05","slug":"zwischen-missgunst-und-maskottchenrolle","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/zwischen-missgunst-und-maskottchenrolle\/","title":{"rendered":"Zwischen Missgunst und Maskottchenrolle"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"748\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Angst-01.jpg\" alt=\"Ver\u00e4ngstigt hat sie sich in ihrem gr\u00fcnen Kleid auf dem Boden zusammengerollt. Mit ihren H\u00e4nden verbirgt sie ihr Gesicht vor den d\u00fcsteren Schatten und Fetzen, die von allen Seiten aus der Dunkelheit nach ihr greifen.\" class=\"wp-image-514\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Angst-01.jpg 1024w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Angst-01-300x219.jpg 300w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/10\/Angst-01-768x561.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Illustration von Franziska Appel f\u00fcr das Buch &#8222;Seroqu\u00e4lm\u00e4rchen&#8220; von Jennifer Sonntag <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote has-larger-font-size is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p><strong>Triggerwarnung<\/strong><br>In dieser Kolumne geht es um das Thema Depressionen.<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p><em>In dieser Kolumne berichte ich davon, wie sich meine Depression entwickelte und welche Rolle meine damalige Arbeit dabei spielte. \u00dcber das Tabuthema \u201cDepressionen und Behinderung\u201d habe ich bereits eine Kolumne geschrieben, die man <a href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/depressionen\/\" data-type=\"page\" data-id=\"497\">h<\/a><a href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/depressionen\/\" data-type=\"page\" data-id=\"497\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ie<\/a><a href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/depressionen\/\" data-type=\"page\" data-id=\"497\">r<\/a> findet.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Meine vormals gut verarbeitete Behinderung wog durch beklemmende Umst\u00e4nde am Arbeitsplatz pl\u00f6tzlich tonnenschwer. Zu meiner Blindheit gesellte sich eine schwere Depression. Beides beeinflusste sich ung\u00fcnstig. Heute kann ich nicht sagen, ob ich jemals von einer so einschneidenden Depression betroffen gewesen w\u00e4re, wenn ich mich selbstwirksamer und weniger hilflos am Arbeitsplatz gef\u00fchlt h\u00e4tte.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Depression ist eine eigenst\u00e4ndige Erkrankung, die unterschiedliche Ausl\u00f6ser haben kann. Entscheidender Ausl\u00f6ser war bei mir damals meine dienstliche Zwickm\u00fchle. Mir war es in meinem langj\u00e4hrigen Beruf als Sozialp\u00e4dagogin eine Herzenssache, Kraft und Mut an andere behinderte Menschen weiterzugeben und das gab mir dann auch viel Energie zur\u00fcck. Da ich immer das Glas halb voll sah, wollte ich nicht wahrhaben, nach einem Vorgesetztenwechsel und ver\u00e4nderten Rahmenbedingungen Opfer von Mobbing, Missgunst und Neid am Arbeitsplatz geworden zu sein. Ich nahm auch Personen in Schutz, die meine Erfolge klein machten, bis ich selbst all meine Freudenstrahlen verlor.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich arbeitete in einer Einrichtung f\u00fcr behinderte Menschen, die in erster Linie von nichtbehinderten Vorgesetzten geleitet und gestaltet wurde. F\u00fcr mich war das viele Jahre kein Problem, bis Akteure aus diesem System ihre H\u00f6rner gegen mich richteten. Heute denke ich, dass ich als gut qualifizierte Frau mit Behinderung, die auch B\u00fccher schrieb und Fernsehen machte, wegen ihrer Betroffenensicht und erfolgreichen \u00d6ffentlichkeitsarbeit auch au\u00dferhalb unseres Hauses diesem Rehasystem ein Dorn im Auge war.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich all die Jahre tolle Kolleg*innen hatte und jeden Tag mit gewohntem Optimismus im Herzen zur Arbeit fuhr, setzten entscheidende Personen effiziente Giftspritzen. Echte Anerkennung von au\u00dfen versteckte ich zunehmend intern, aus Angst vor Neid. Das war eine st\u00e4ndige Schere im Kopf, denn viele G\u00e4ste kamen ja in unser Haus, weil sie mich durch meine \u00d6ffentlichkeitsarbeit kannten. Auch zerriss es mich andererseits, dass mein Name und meine Behinderung zum Abgreifen von F\u00f6rdergeldern genutzt wurden, um dar\u00fcber Personen als vermeintliche Sozialp\u00e4dagog*innen einzustellen, die gar nicht qualifiziert waren. F\u00fcr diese Maskottchenrolle war ich gut genug, w\u00e4hrend ich innerbetrieblich nach Zweckerf\u00fcllung hinten herunter fiel. Wo Inklusion drauf stand, war keine drin.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchlte mich zunehmend weggebissen. Nahestehende Menschen in meinem Umfeld hatten diese Dynamiken schon l\u00e4nger beobachtet. Ich freute mich dennoch immer wieder auf meine Arbeit, versuchte immer wieder von vorn, Harmonie herzustellen und hoffte, dass durch noch mehr eigene Bem\u00fchungen am Ende alles gut werden w\u00fcrde. Aus Angst vor meinem Chef und seiner Art mir gegen\u00fcber, bekam ich schlie\u00dflich kein Wort mehr heraus. Unterst\u00fctzende Kolleg*innen f\u00fchrten mich durch den Hintereingang in ihre B\u00fcros, weil sie nicht riskieren wollten, dass er uns zusammen sah. Mit Abstand betrachtet waren das pathologische Strukturen, die auf Dauer krank machen mussten, egal, wie sehr ich auch an mir arbeitete.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da sich die dauerhaft belastende Situation nicht kommunikativ aufl\u00f6sen lie\u00df, geriet ich schleichend in eine gesundheitliche Abw\u00e4rtsspirale, die in einen langen Krankenhausaufenthalt m\u00fcndete. Ich hatte dienstlich vertrauensvollen Kontakt zur Schwerbehindertenbeauftragten, zum Betriebsrat und zum betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) aufgenommen und f\u00fchlte mich von vielen langj\u00e4hrigen Kolleg*innen verstanden, da ihnen das Vorgehen der betreffenden Personen auch aus anderen Arbeitsbereichen gr\u00f6\u00dftenteils bekannt war. Insgesamt war es f\u00fcr mich als behinderte Arbeitnehmerin jedoch schwer, Dinge anzusprechen, die sich andere und viel gestandenere Mitarbeiter*innen nicht zu sagen trauten. Versuchte ich es dennoch, wurde es oft schlimmer, man vertuschte die Situation oder stauchte mich zusammen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vom BEM eingeleiteten Hilfestellungen wurden von der Leitung boykottiert, so wurde z.B. mein Heimarbeitstag zum Vor- und Nachbereiten meiner Kurse gestrichen, den ich seit Jahren transparent dokumentierte. Auch wurde das Modell zur stufenweisen Wiedereingliederung nicht nach der Empfehlung des Krankenhauses und in Abstimmung mit mir umgesetzt. Letztlich wurde sogar der Datenschutz gebrochen, indem die Gesch\u00e4ftsf\u00fchrung meinen vertraulichen Anruf auf Lautsprecher stellte, ohne dass ich es wusste.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchlte mich in dieser schweren Zeit endg\u00fcltig von der Leitungsebene im Stich gelassen. Dabei konnte ich in all den Jahren f\u00fcr meinen Arbeitgeber zahlreiche Konzepte und Kursmodule entwickeln und wichtige Projekte mit ins Rollen bringen, tausende G\u00e4ste in eigenen Veranstaltungen betreuen und anderen Kolleg*innen Arbeitspl\u00e4tze erm\u00f6glichen. Auch wenn ich f\u00fcr diese Berufsjahre sehr dankbar bin und mir heute \u00fcberwiegend bewusst machen m\u00f6chte, was ich Positives mitnehmen kann, war dieser Lebensbruch schlimmer f\u00fcr mich, als meine eigene Erblindung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die stufenweise Wiedereingliederung scheiterte an der Kooperationsbereitschaft des Betriebes und der Heimarbeitstag war gestrichen, sodass ich keine andere Chance sah, als aus gesundheitlichen Gr\u00fcnden meine Arbeitsstunden vertraglich zu reduzieren. Die Stimmung am Arbeitsplatz verbesserte sich nicht, sodass ich zum Schluss v\u00f6llig geschw\u00e4cht mein Arbeitsverh\u00e4ltnis k\u00fcndigte.<\/p>\n\n\n\n<p>Geschw\u00e4cht hatte mich nicht nur die Situation am Arbeitsplatz, sondern auch der vorangegangene Kampf um einen Klinikplatz, von dem ich bald im dritten Teil meiner Kolumne erz\u00e4hlen m\u00f6chte. Obwohl ich mich inzwischen mit meiner schweren Depression kaum noch \u00fcber Wasser halten konnte, lehnten mich die angefragten Kliniken wegen meiner Blindheit ab. Das h\u00e4tte ich nicht f\u00fcr m\u00f6glich gehalten, da ich gl\u00fccklicherweise nie zuvor in meinem Leben auf diese Art von Hilfe angewiesen war. Es ersch\u00fctterte mich sehr, auf so wenig Inklusion und Barrierefreiheit im Gesundheitssystem zu sto\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">zum blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>TriggerwarnungIn dieser Kolumne geht es um das Thema Depressionen. In dieser Kolumne berichte ich davon, wie sich meine Depression entwickelte und welche Rolle meine damalige Arbeit dabei spielte. \u00dcber das Tabuthema \u201cDepressionen und Behinderung\u201d habe ich bereits eine Kolumne geschrieben, die man hier findet. 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