{"id":535,"date":"2023-01-19T10:34:31","date_gmt":"2023-01-19T10:34:31","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=535"},"modified":"2023-03-22T11:00:43","modified_gmt":"2023-03-22T11:00:43","slug":"umwelt-und-tod","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/umwelt-und-tod\/","title":{"rendered":"&#8222;Umwelt und Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ob sein letzter Look Polyester enthielt, haben wir uns damals nicht gefragt<\/h2>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich in anderen Lebensbereichen ein differenziertes Klimabewusstsein ausgepr\u00e4gt habe, reflektiere ich mein \u201eBestattungswissen\u201c in dieser Hinsicht weniger eifrig. Ern\u00e4hrung, Verpackung, Mode- und Kosmetikindustrie, Energieverbrauch und Reisen, das alles hinterfrage ich bewusst, aber wie ist es mit unserer letzten Reise? Es ist Zeit, auch dieses Thema mit Fingerspitzengef\u00fchl anzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Thema Erdbestattung war ich erstmals nach dem Suizid eines guten Freundes konfrontiert. Damals lag unser Fokus noch wenig auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit bedeutete f\u00fcr einige aus der Szene, unseren Freund inklusive Grabbeigaben so lange wie m\u00f6glich vor dem Verfall zu sch\u00fctzen. Es wurde sogar \u00fcber ein Sargmodell beraten, was diesen Prozess m\u00f6glichst lange verz\u00f6gern k\u00f6nnte. Hier kollidierten bereits verschiedene Einstellungen und Glaubensrichtungen der Involvierten. Bei einigen schwang der Wunsch mit, unser Freund m\u00f6ge mit seinen Dreingaben in ein anderes Reich \u00fcbergehen oder irgendwann damit wieder auferstehen. Ich konnte die Sargbestattung wegen dieser Auseinandersetzung auch weniger gut verarbeiten, da ich mir nun st\u00e4ndig vor dem geistigen Auge vorstellte, welches Bild der Verstorbene, mit Hut und Didgeridoo ausgestattet, unter der Erde wohl gerade abgab. Ob sein letzter Look Polyester enthielt, haben wir uns damals nicht gefragt und die Natur wird an den Stahlkappen in seinen Boots ganz sch\u00f6n zu kauen haben. Aber wir sammelten ihm Naturblumen, das war sein Wunsch im Abschiedsbrief, an regionalen Orten, die er liebte. Und wie ich heute wei\u00df, l\u00e4gen wir da wenigstens in diesem Punkt ganz vorne bei der Gestaltung klimafreundlicher Bestattungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Bewusster in Ber\u00fchrung mit Umweltaspekten in diesem Kontext kam ich zur Urnenbeisetzung meiner Oma. Da ich nicht sehen kann, wurde mir erlaubt, die Urne nach der Trauerfeier zu erf\u00fchlen. Meine Mutter fl\u00fcsterte mir ins Ohr, dass diese Urne biologisch abbaubar sei. Sie hatte sie nicht deshalb ausgesucht, sondern weil sie meiner Oma gestalterisch gefallen h\u00e4tte und weil ich beim Abschiednehmen darauf eine Applikation zum Ertasten vorfinden w\u00fcrde. F\u00fcr mich war das in doppelter Hinsicht ein stimmiges Gef\u00fchl, weil meine Oma in dieser sch\u00f6nen Urne w\u00fcrdig bestattet wurde und dennoch nicht f\u00fcr immer darin eingesperrt bleiben sollte. Unstimmigkeiten hingegen kamen bei der Lieferung des Grabsteins auf, zweimal das falsche Modell und in dieser schwierigen Lage schwand unser Vertrauen zum Steinmetz. Inzwischen wei\u00df ich, dass man auch auf dieses Gesch\u00e4ft mit Bedacht blicken muss und dass an einem Gro\u00dfteil der Grabsteine auf Deutschen Friedh\u00f6fen Kinderarbeit und Ausbeutung klebt. W\u00e4hrend wir privilegiert sterben, k\u00f6nnen andere nicht mal im Ansatz privilegiert leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Erstmals selbst eine Bestattung in die Hand nehmen musste ich, als meine H\u00fcndin verstarb. Hier z\u00e4hlten ganz andere Gedanken der Nachhaltigkeit. Meine Hunde sind f\u00fcr mich enge Lebensbegleiter und es war f\u00fcr mich klar, dass ich das geliebte Wesen nicht \u201ebeim Tierarzt\u201c lassen w\u00fcrde. Da es blindheitsbedingt f\u00fcr mich zu umst\u00e4ndlich gewesen w\u00e4re, \u201eMetaxa\u201c regelm\u00e4\u00dfig auf einem Tierfriedhof zu besuchen, war ich dankbar f\u00fcr die M\u00f6glichkeit, sie in einer kleinen Urne zu mir zu holen. Menschen, die keine so emotionale Bindung zu Tieren haben, mag das befremden, aber auch mein aktueller Blindenf\u00fchrhund, der hoffentlich noch lange an meiner Seite bleibt, ist mir ein so wichtiger Gef\u00e4hrte, dass ich ihm auch \u00fcber seinen Tod hinaus noch sehr verbunden sein werde. Interessant ist f\u00fcr mich deshalb die Idee von Mensch-Tier-Friedh\u00f6fen, die es leider in unserer Region noch nicht gibt. Es w\u00e4re ein gro\u00dfer Wunsch, nicht irgendwo in der Ferne begraben zu sein, sondern auf dem heimischen Friedhof, wo wir zusammen die wundervollsten Spazierg\u00e4nge erlebten. Leider ist es auch nicht nachhaltig, wenn man f\u00fcr alternative Bestattungsw\u00fcnsche weit reisen muss. Ich hoffe irgendwann, mit meinen treuen Begleitern gemeinsam auf unserem Friedhof in einem klimafreundlichen Urnengrab vereint zu sein und m\u00f6chte auch deshalb die Asche meiner Hunde aufbewahren.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber das Thema Bestattung, auch \u00fcber die eigene, nachzudenken, ist bereits ohne Klimaschutz im Hinterkopf eine Herausforderung. Ich m\u00f6chte meine Lieben oder mich selbst weder im Feuer noch unter der Erde sehen. Dass beides die Umwelt immens belastet steht au\u00dfer Frage. Verbrennungsmethoden mit wenig CO2-Aussto\u00df und menschliche Kompostierung ohne klassisches Erdm\u00f6bel, f\u00fcr die Umwelt machen diese klimabewussten Bestattungsmethoden schon einen entscheidenden Unterschied, entscheiden kann ich mich aber dennoch schwerlich, was die emotional vertr\u00e4glichere L\u00f6sung f\u00fcr mich w\u00e4re. Vielleicht im wahrsten Wortsinn Aufl\u00f6sen, am besten in klimaneutralen Wohlgefallen, in einer Lauge, wie es bei der alkalischen Hydrolyse umgesetzt wird? Aber als br\u00e4unliche Schlotze durch den Abfluss wegbestattet zu werden, wenn auch vergleichsweise umweltbewusst, ist aktuell auch keine reizvolle Vorstellung f\u00fcr mich. Dann vielleicht doch lieber die Promession, eine \u00f6kologische Bestattungsvariante, bei der mensch in ein Bad aus fl\u00fcssigem Stickstoff getaucht und anschlie\u00dfend gefriergetrocknet wird? Durch dieses Verfahren pulverisiert der K\u00f6rper, was meiner romantischen Idee, am Ende meiner Tage in Zauberstaub zu zerfallen, am n\u00e4hesten kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Und gibt es letztlich nicht auch etwas von uns, was nicht in Staub zerfallen oder in der Unsichtbarkeit verschwinden muss? Unser Engagement, unsere Werke, unser digitales Erbe? Alles was wir im positiven Sinne bewegt, bewirkt oder mitgestaltet haben, was anderen geholfen hat oder die Gesellschaft positiv mitpr\u00e4gte? Ist das nicht auch nachhaltig? Das wurde mir sehr bewusst bei meiner Mitwirkung an einem Projekt des Halleschen Stadtmuseums. In den \u201eGeschichten, die fehlen\u201c gab es Raum f\u00fcr einen pers\u00f6nlichen Museumstisch und das war gleichzeitig eine wertvolle \u00dcbung: Schon zu Lebzeiten mit Bedacht Objekte aus dem eigenen Wirkungsfeld auszuw\u00e4hlen, die f\u00fcr Menschen in 100 Jahren vielleicht einmal bedeutsam erscheinen k\u00f6nnten, diese Erfahrung ist tiefgreifend f\u00fcr das gesamte weitere Leben. Was soll von uns bleiben? Was haben wir mit Herzblut und Sch\u00f6pferkraft in die Welt gebracht? Was d\u00fcrfen wir auch immer wieder neu hinterfragen? Es ist letztlich nicht nur interessant, was wir von der Welt hatten, sondern die Welt von uns.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kolumne erschien in der Novemberausgabe 2022 der \u201eDRUNTER + DR\u00dcBER\u201c, zum Thema \u201eUmwelt und Tod\u201c. Das aktuelle Magazin f\u00fcr Endlichkeitskultur gibt\u2019s hier als Print- und Digitalfassung (nicht f\u00fcr Screen Reader geeignet):<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-369\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-768x1024.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-225x300.jpg 225w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1200x1600.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1980x2640.jpg 1980w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag mit schwarzem Eis; Foto: Wolfgang Sonntag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob sein letzter Look Polyester enthielt, haben wir uns damals nicht gefragt W\u00e4hrend ich in anderen Lebensbereichen ein differenziertes Klimabewusstsein ausgepr\u00e4gt habe, reflektiere ich mein \u201eBestattungswissen\u201c in dieser Hinsicht weniger eifrig. 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