{"id":541,"date":"2023-01-19T11:52:50","date_gmt":"2023-01-19T11:52:50","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=541"},"modified":"2023-03-22T11:04:18","modified_gmt":"2023-03-22T11:04:18","slug":"musik-und-tod","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/musik-und-tod\/","title":{"rendered":"&#8222;Musik und Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kein Grab zu tief f\u00fcr die Musik<\/h2>\n\n\n\n<p>Musik und Tod, das waren bereits zwei entscheidende Zutaten in meiner Kinderzimmerdeko. Sid Vicious, fotokopiert aus raren Sex-Pistols-Fanzines, p\u00f6belte von s\u00e4mtlichen W\u00e4nden und meine Barbies wurden als Nancy-Spungen-Doubles in einen lackledernen Junkie-Look gezaust. Meine Schulheftr\u00e4nder waren verziert mit Totenkopflogos von Lieblingsbands. War ich ein Kind von Traurigkeit? Vielleicht war ich es genau deshalb nicht, weil ich als junge Punkerin ein Ventil fand f\u00fcr meine Angst vor Verlust und Verg\u00e4nglichkeit. Und den gr\u00f6\u00dften Trost fand ich in Musik und Subkultur.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBorn to lose\u201c hatte mehr mit mir zu tun, als ich mir damals eingestehen wollte. Unsere Szene bestand aus Kids, die alle irgendetwas verloren hatten, die kleine und gro\u00dfe Tode starben. Einige hatten ihre Eltern oder ihr Zuhause verloren und lebten auf der Stra\u00dfe, andere b\u00fc\u00dften dort durch Prostitution viel zu fr\u00fch ihre Unschuld ein und andere durch Drogen ihr junges Leben, ich hingegen sollte bald mein Augenlicht verlieren, ich wusste nur noch nicht wann. Bis das soweit sein w\u00fcrde, rebellierte ich gegen soziale Missst\u00e4nde in der Gesellschaft, sah inzwischen \u00e4hnlich gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig aus, wie meine umgepunkten Barbies und so klang auch die Musik, die ich h\u00f6rte. Das warf Fragen auf in der Lehrerschaft und irritierte Familienmitglieder. Einen deutlichen Push hatte meine Auseinandersetzung mit D\u00fcsterthemen damals auch durch meine unfreiwillige Au\u00dfenseiterinnenrolle an einem Gymnasium erfahren. Je weniger ich dazugeh\u00f6ren konnte, je lauter ihr h\u00e4misches Lachen, umso lauter wurde auch die Musik unter meinen Kopfh\u00f6rern. W\u00e4hrend sich meine Mitsch\u00fcler*innen konkurrenzk\u00e4mpfend in eine erfolgreiche Zukunft visualisierten, konnte ich im wahrsten Wortsinn zunehmend intensiver mit dem Finger dran f\u00fchlen, dass Zerbrechlichkeit, Sterblichkeit und Verlorenheit ebenso zum Leben geh\u00f6rten und dass eben dieses Leben manchmal etwas anderes mit einem vorhatte, als man sich w\u00fcnschte.<\/p>\n\n\n\n<p>War das ein Grund, alles \u201eschwarz\u201c zu sehen? Auch wenn mein Musikgeschmack mit eintretender Erblindung wirklich zunehmend schw\u00e4rzer wurde und sich \u00dcberg\u00e4nge von der Punk- zur Gothicszene formten, machte mich gerade das zu einem lebensbejahenden und vielseitig interessierten Menschen. Das war durchaus erhellend. Ich wurde s\u00fcchtig nach Erkenntnis und suchte in all den B\u00fcchern, die ich bald nicht mehr lesen konnte, nach Antworten auf meine brennenden Fragen zwischen Leben und Tod. Die Soundtracks meiner Jugend und die&nbsp; Aufgaben, die sie mir mitgegeben hatten, nahm ich mit in mein Studium. Ich durfte nun lernen, etwas gegen die sozialen Missst\u00e4nde zu tun, von denen ich Augenzeugin geworden war. Durch Beruf und Berufung er\u00f6ffnete sich ein neuer, erf\u00fcllender Sinn, wenn auch mein Sehsinn vor sich hin starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Na, die Ohren waren mir geblieben. Meine geliebte Musik konnte ich noch h\u00f6ren, auch wenn ich ehrlicherweise darunter litt, meine Lieblingsbands auf der B\u00fchne nicht mehr zu sehen. Ich war eine junge Frau voller Lust und Leidenschaft und manch Augenschmaus sollte mir nun entgehen. Aber ich gab es nicht auf, mit meinem damaligen Partner zu so vielen Konzerten wie m\u00f6glich zu fahren und erhielt nun oft Gelegenheit, mit Bands zu sprechen oder einen H\u00e4ndedruck zu erheischen, eine Art gef\u00fchlte Autogrammkarte. So lernte ich auch die Leipziger Indie-Band Lament kennen, deren einstiger und langj\u00e4hriger Keyboarder Dirot heute der Mann an meiner Seite ist. K\u00fcrzlich hatten wir einen merkw\u00fcrdig verbindenden Moment: Ich zitierte wie aus dem Nichts einige Zeilen aus dem Lament-Song \u201eLast Dance of Summer\u201c und Dirot meinte: \u201eKomisch, das Lied ging mir auch gerade durch den Kopf, weil ich dr\u00fcber nachgedacht habe, was mal auf meiner Beerdigung gespielt werden soll\u201c. Uff, seit seinem Unfall vor fast zwei Jahren kann ich solche Aussagen nicht mehr mit denselben Ohren h\u00f6ren, wie zuvor. Und seit ich wei\u00df, wie Depression schmeckt, tanze ich anders zum Schneewittchen-Song \u201eDer Tod hat sich verliebt\u201c. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sid Vicious p\u00f6belt heute nicht mehr von meinen W\u00e4nden, aber die Kombination Musik und Tod ist auch heute noch eine Verschwisterung, die mir in Kunst und Kultur, Musik und Literatur mehr Kraft gibt, als dass sie schreckt. \u00c4ngste werden besprechbar, integrierbar und weniger bedrohlich. Z\u00e4suren haben mich fr\u00fch erwachsen und heute noch ein bisschen dem\u00fctiger gemacht. Im Laufe der Jahre habe ich meine Lieblingslieder um die Klangfarben meines Lebens erg\u00e4nzt. So halte ich es nun schlie\u00dflich auch mit dem Casper-Song \u201eAriel\u201c, in dem es hei\u00dft, dass \u201eNoten ewig leben\u201c und in diesem Sinne ist \u201ekein Grab zu tief f\u00fcr die Musik\u201c. Aber bis dahin glaube ich fest daran \u201edass ein Song noch immer Leben retten kann\u201c und \u201edass den Liedern die man liebt, immer Frieden inne liegt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kolumne erschien in der Maiausgabe 2022 der \u201eDRUNTER + DR\u00dcBER\u201c, zum Thema \u201eMusik und Tod\u201c. Zur Printausgabe der \u201eDRUNTER + DR\u00dcBER\u201c, dem Magazin f\u00fcr Endlichkeitskultur, geht\u2019s hier: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber\/\" target=\"_blank\">https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-369\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-768x1024.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-225x300.jpg 225w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1200x1600.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1980x2640.jpg 1980w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag mit schwarzem Eis; Foto: Wolfgang Sonntag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kein Grab zu tief f\u00fcr die Musik Musik und Tod, das waren bereits zwei entscheidende Zutaten in meiner Kinderzimmerdeko. 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