{"id":661,"date":"2023-06-19T10:10:50","date_gmt":"2023-06-19T10:10:50","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=661"},"modified":"2023-06-19T10:10:50","modified_gmt":"2023-06-19T10:10:50","slug":"14-jahre-als-blinde-tv-frau","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/14-jahre-als-blinde-tv-frau\/","title":{"rendered":"14 Jahre als blinde TV-Frau"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Anja-Koebel-Paul-Jenny.jpg\" alt=\"Zu sehen ist eine Szene im MDR Studio. Auf einem kleinen runden Podest sitzen Jennifer Sonntag und Anja K\u00f6bel in Sesseln. zwischen ihnen steht F\u00fchrhund Paul mit orangener Kenndecke. Beide Frauen haben sich Paul zugewendet und streicheln ihn. Am linken Bildrand ist au\u00dferdem eine Kamera zu erkennen.\" class=\"wp-image-663\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Anja-Koebel-Paul-Jenny.jpg 1024w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Anja-Koebel-Paul-Jenny-300x200.jpg 300w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/06\/Anja-Koebel-Paul-Jenny-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Mit F\u00fchrhund Paul und Anja K\u00f6bel im Studio; Foto: Jennifer Sonntag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Heute m\u00f6chte ich gemeinsam mit meiner treuen Community eine ganz besondere Sendung anschalten: Eine R\u00fcckschau auf meine letzten 14 Jahre als blinde TV-Frau. Bei MDR-\u201eSelbstbestimmt!\u201c moderierte ich von 2008-2022, mit euch an meiner Seite, eigene Fernsehformate. Mein aktuelles Portrait im TV ist <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/video\/mdr-videos\/c\/video-680274.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> zu finden. \u00dcber 90 prominenten G\u00e4sten durfte ich meine \u201eSonntagsFragen\u201c stellen. Diese Marke gab es nicht nur als Interview-Fenster im Magazin, sondern auch als Langfassung mit eigenem Sendeplatz, was aufgrund meiner Blindheit damals eigentlich noch undenkbar war. Sp\u00e4ter blickte ich in <a href=\"https:\/\/www.mdr.de\/selbstbestimmt\/mit-anderen-augen-106.html\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">meiner Kolumne \u201eMit anderen Augen\u201c<\/a> auf Inklusion und Teilhabe.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Was ich mir in all den Jahren w\u00fcnschte, war eine blinde Kollegin im deutschen Fernsehen, die etwas \u00c4hnliches machte wie ich und mit der ich mich austauschen konnte. Ich h\u00e4tte sie gern gefragt: \u201eWie machst du das mit deiner Garderobe, deinen Maskenbildnerinnen, deinen Kamera-Teams, deinen Moderationskarten und mit der Recherche optischer Inhalte? Auch fehlten mir, als wir anfingen, weibliche Rollenmodelle, die ebenfalls gerade ihr Sehverm\u00f6gen verloren hatten und Medienprodukte umsetzten, die man einer erblindeten Frau eben nicht zutraute. Gleichzeitig modelte ich f\u00fcr verschiedene Projekte und arbeitete mit ganz unterschiedlichen Fotograf*innen zusammen, sodass ich in reger Reibung mit meiner Sichtbarkeit blieb. Visuelle Medien faszinierten und schmerzten mich zugleich. Ich erfand viele Tricks und Kniffe, um mich darin zu orientieren und um damit arbeiten zu k\u00f6nnen. F\u00fcr blinde Fernsehjournalistinnen gab es kein Studienmaterial, weil man nat\u00fcrlich davon ausging, dass Fernsehen nur Sehende machen. Aber mein Credo war stets: Fernsehen und Nichtsehen widersprechen sich nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lernte im Laufe der Zeit verschiedene Redaktionen, Produktionsfirmen, Gewerke und Arbeitsweisen kennen, was meinen Horizont extrem erweiterte. Da ich zus\u00e4tzlich B\u00fccher schrieb, nahmen parallel zu meiner Fernseharbeit auch viele Medienschaffende aus dem Bereich Print, Audio und Online Kontakt zu mir auf. Sie f\u00fchrten Interviews mit mir und machten Beitr\u00e4ge \u00fcber mich. Auf diese Weise begann ich, mich auch f\u00fcr die andere Seite zu interessieren. Neben dem literarischen Schreiben, fing ich selbst an, journalistisch zu denken und zu texten. Das hatte aber nicht nur einen positiven Hintergrund. Neben Journalist*innen, die durchaus zeitgem\u00e4\u00df und realistisch \u00fcber behinderte Menschen berichteten, begegnete ich immer wieder ableistischen Vorstellungen und Formulierungen. Man kam schon mit einer fertigen Schablone auf mich zu und in die sollte ich dann meine Geschichte hineinerz\u00e4hlen. Es reizte mich, nicht nur als Protagonistin, sondern auch als Journalistin aktiver zu werden. Menschen mit Behinderungen, die zunehmend mit ihrer Arbeit in den sozialen Medien sichtbarer wurden, empowerten mich hier immens.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Barrieren f\u00fcr blinde Journalist*innen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>In journalistischen Fortbildungen stie\u00df ich jedoch h\u00e4ufig auf das bekannte Problem, dass blinde Menschen \u00fcberwiegend als Protagonist*innen, nicht aber als Journalist*innen vorgesehen waren. Zum Thema barrierefreie Studienmaterialien war noch viel Aufkl\u00e4rungsarbeit n\u00f6tig. Digital ist leider nicht automatisch auch barrierefrei. Einige Fernakademien, die sich barrierefrei w\u00e4hnten, hatten dabei eher Mobilit\u00e4tseinschr\u00e4nkungen im Blick. Ich arbeite aber z.B. am PC mit einem Screenreader, der oft auf hunderte Seiten Lesestoff gar nicht zugreifen kann, wenn sie nicht barrierefrei angelegt sind. Das Material muss also so mitgedacht werden, dass eine l\u00fcckenlose Navigation mittels Tastenkombinationen m\u00f6glich ist. Wenn Bilder keinen Alternativtext enthalten, bleiben sie f\u00fcr mich tote Informationen. Von einer Journalistenschule erhielt ich die R\u00fcckmeldung, ich solle die Aufgaben, die ich nicht barrierefrei erf\u00fcllen kann, mit meinem Partner oder mit Freunden bew\u00e4ltigen. Das fand ich r\u00fcckschrittlich, da mein Partner voll berufst\u00e4tig ist und ich die Studienmodule selbstbestimmt absolvieren wollte. Bei einer anderen Akademie biss ich auf Granit, als ich z.B. um eine Alternativaufgabe f\u00fcr blinde Studierende bat. Ich versuchte h\u00f6flich zu erkl\u00e4ren, dass es f\u00fcr mich so sei, als w\u00fcrde ein sehender Mensch bei entscheidenden Studienaufgaben nur Braille-Schrift vorfinden, die er nicht lesen kann. Hin und wieder w\u00fcrde dann ein blinder Bekannter mal etwas daraus vorlesen. So lie\u00dfe sich kein anspruchsvolles Unterrichtsmaterial mit komplexen Pr\u00fcfungsaufgaben bew\u00e4ltigen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Oft fehlte ein grundlegendes Verst\u00e4ndnis davon, dass vollblinde Menschen am PC nicht auf Maus und Monitor zugreifen k\u00f6nnen und die Hilfsmitteltechnik auf Strukturen angewiesen ist, die von den Erstellenden des Weiterbildungsmaterials zuvor definiert werden m\u00fcssen. Das ist vorher nur eine kleine Flei\u00dfaufgabe die mitl\u00e4uft, im Nachhinein jedoch ein immenser Aufwand. Es gelang mir mal besser und mal schlechter, in Eigeninitiative die nicht barrierefreien Lernhefte in lesbaren Text umzuwandeln. Manchmal gerieten Seiten und Spalten durcheinander, Inhalte wurden chaotisch vermischt und ich musste mir viel im Kopf zusammenreimen, da mein Screenreader wesentliche Informationen nicht aufrufen konnte. Ich finde es wichtig, dass Menschen mit Behinderung die einzelnen Bildungsmodule auch nach Interessensgebiet, nicht nach Zug\u00e4nglichkeit, ausw\u00e4hlen k\u00f6nnen. So entschied ich mich teilweise f\u00fcr Module, die zwar besser lesbar, f\u00fcr mich aber fachlich weniger relevant waren. Gerade im Journalismus ist es entscheidend, Barrierefreiheit mitzudenken, auch in den Ausbildungsmaterialien. Hier begegneten mir auch noch h\u00e4ufig ableistische Formulierungen, die noch heute an junge Journalist*innen weitergegeben werden. Ich freue mich immer zu erleben, wenn wir gemeinsam an mehr Teilhabe und Inklusion arbeiten k\u00f6nnen und nat\u00fcrlich wachse ich auch mit meinen Erkenntnissen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Mein Weg ins Fernsehen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich sehe mich aufgrund meines sozialp\u00e4dagogischen Hintergrundes eher als Fachjournalistin und das ist eine authentische M\u00f6glichkeit, meine langj\u00e4hrige Berufserfahrung in meine Medienarbeit integrieren zu k\u00f6nnen. Anders w\u00fcrde das f\u00fcr mich nicht funktionieren, weil es Bereiche und Akteur*innen im Journalismus gibt, mit denen ich hadere und mit denen ich mich weniger identifizieren kann. Mein Fernseh-Team entdeckte mich damals auch tats\u00e4chlich an meinem Arbeitsplatz, an dem ich als Sozialp\u00e4dagogin aktiv war. Der MDR war zu Besuch in unserer Einrichtung und wollte urspr\u00fcnglich dort eine Langzeitdoku zur Rehabilitation blinder Menschen drehen, dann kam aber alles anders. Das Team wurde von der damaligen Chefetage auch in mein B\u00fcro geschickt. Ich hatte als erblindete junge Frau wohl einen f\u00fcr die Sendung relevanten Blick auf die Dinge und durch meinen Gothic-Style einen selbstbestimmten Look. Das veranlasste die Fernsehmenschen spontan dazu, die Kamera anzuschmei\u00dfen und einen Probedreh mit mir zu machen. Kurz darauf begleitete mich die Sendung \u201eSelbstbestimmt!\u201c dann f\u00fcr ein erstes Portrait in Beruf und Alltag und kam sogar mit aufs Wave-Gotik-Treffen. Danach erhielt ich die Anfrage der Redaktion, ob ich Lust h\u00e4tte, prominenten Menschen aus Sicht einer blinden Frau unkonventionelle Fragen zu stellen. Kameras und mich verbindet eine tiefe Kontr\u00e4rfaszination. Deshalb war mein erster Gedanke: \u201eMit Menschen arbeiten kann ich, das ist ja mein Beruf. Promis sind Menschen,&nbsp; ich muss eben nur die Kameras vergessen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Styling und &#8222;Blindenbrille<\/strong>&#8222;<\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn ich heute gefragt werde, was ich an meiner Fernseharbeit als besonders herausfordernd empfand, dann war es sicher die Kontroverse an sich, als blinde Frau \u00fcberhaupt f\u00fcr ein visuelles Medium zu arbeiten. Aber diese Aufgabe habe ich gern angenommen. Es geh\u00f6rte zum Konzept, dass ich f\u00fcr meine Looks selbst verantwortlich war. Das bedeutete, dass ich mich, ohne pr\u00fcfend in den Spiegel schauen zu k\u00f6nnen, immer wieder eigenen Kleiderschrankfragen stellte. Ich kam ja schon fernsehfertig angezogen zum Drehort und wenn wir mehrere Themen produzierten, hatte ich zwei oder drei Outfits dabei, die auf den Punkt sein mussten. Das war aufw\u00e4ndig f\u00fcr mich, denn ich plante das alles eigenst\u00e4ndig zuhause und stellte mir im Kopf vor, was wie vor der Kamera wirken k\u00f6nnte. Ein Fauxpas passierte mir nur einmal, als ich in der Eile zwei verschiedenfarbige High Heels einpackte, die sich auf den ersten Griff relativ gleich anf\u00fchlten. Ein kleiner Schmerz ist, dass mich das Publikum im Laufe der Jahre erwachsener werden sah, w\u00e4hrend ich meine Beitr\u00e4ge ja selbst nie anschauen konnte. Das bedeutete auch Kontrollverlust. Sollte ich irgendwann mal sehen k\u00f6nnen, w\u00e4re ich sicher schwer \u00fcberrascht, wie sich das alles visuell so darstellte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meinen Visagistinnen hatte ich einen engen Dialog. Make-up und Haare stimmten wir passend zu meinen Looks ab. Manchmal hatte ich Freude an diesem optischen Aufwand, hielt er mich doch in Verbindung mit der sehenden Welt, manchmal wurde er mir zur Last, ging es mir doch um den Inhalt. Und warum mussten Moderatorinnen sich \u00fcberhaupt so viele Gedanken um Ihre Optik machen, sogar ich als Blinde, w\u00e4hrend das bei M\u00e4nnern in der Maske viel schneller erledigt war? Heute reibe ich mich zunehmend an diesem Klischee. Eine intensive Zeit in meinem Leben ging es mir aber eben gerade darum zu zeigen, dass mir meine Optik nicht egal ist, nur weil ich nicht sehen kann. Diese Hintergrundprogramme liefen bei mir immer mit. Anfangs wehrte ich mich auch dagegen, meine Augen hinter einer dunklen Brille zu verstecken, besonders, wenn es andere von mir erwarteten. Die Idee, eine \u201eBlindenbrille\u201c aufzusetzen, wurde immer mal wieder an mich herangetragen, um dem Publikum besser vermitteln zu k\u00f6nnen, dass ich nicht sehen kann. Inzwischen trage ich die Brille selbstbestimmt, das war aber ein Prozess.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Herausforderungen und L\u00f6sungen<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Herausfordernd waren f\u00fcr mich auch zu optisch gedachte Ideen, die ich zwar immer gern ausprobierte, die aber oft blind nicht funktionierten. Hier mussten meine Teams und ich experimentieren, um herauszufinden, was f\u00fcr eine blinde Moderatorin authentisch ist. F\u00fcr unser erstes Intro sollte ich z.B. auf einer gro\u00dfen Freitreppe, wie auf einem Schwebebalken, eine lange Stufe quer entlang balancieren.&nbsp; Das sah zwar interessant aus, mir wurde dabei aber ziemlich schwindlig. Inzwischen bin ich etwa genauso lange blind, wie ich sehen konnte. Damals war ich frisch erblindet und entsprach innerlich oft eher der Sehenden in mir, als der Blinden. Jetzt ist es umgekehrt. Sehendes Verhalten k\u00fcnstlich zu imitieren ist mir inzwischen fremd geworden. Das Fixieren der Kamera ist z.B. ohne Sehrest auf Dauer extrem m\u00fchsam, weil es unnat\u00fcrlich f\u00fcr blinde Augen ist. Mir wurde von dieser Konzentration regelrecht \u00fcbel. Wir lernten, dass die Kameras meinen Blick einfangen m\u00fcssen, nicht mein Blick die Kameras. Mein Team gew\u00f6hnte sich ab, mir gegen\u00fcber mit Handzeichen zu kommunizieren und verbalisierte f\u00fcr mich relevante Abl\u00e4ufe. Au\u00dferhalb unserer Sendung arbeitete ich nur sehr ausgesucht f\u00fcr andere Formate und blieb bei meinen bew\u00e4hrten Produktionsfirmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal nahmen meine prominenten G\u00e4ste hilfesuchend Blickkontakt zum Kamera-Team auf, statt zu mir. Sie mussten sich erst daran gew\u00f6hnen, mit einer blinden Moderatorin zu sprechen, die ihre Mimik und Gestik nicht sah. Der gr\u00f6\u00dfte Teil meiner Gespr\u00e4chspartner*innen konnte sich aber sehr gut in die Interview-Situation fallen lassen. Oft wurde mir sogar r\u00fcckgemeldet, dass meine Art dazu einlud, sich auch tiefsinnigeren Fragen zu stellen. Unsere Sendung hatte damals noch keine Audiodeskription. Ich bat meine G\u00e4ste in meinen \u201eSonntagsFragen\u201c deshalb immer, sich selbst optisch zu beschreiben. Das fiel sogar Menschen, die sehr visuell arbeiteten, oft nicht leicht. Ich war manchmal ein bisschen traurig, wenn so eine Antwort kam wie: \u201eIch habe zwei Arme, zwei Beine und einen Kopf\u201c. Ob man einen sehenden Menschen nach seinem Aussehen fragen darf, wird in der Blindenszene kontrovers diskutiert. Ich fand die Frage f\u00fcr meine Arbeit wichtig, denn gerade bei Personen des \u00f6ffentlichen Lebens f\u00fchlte ich ein Informationsdefizit mangels optischer Beschreibung. Manchmal kannte ich Prominente auch noch aus meiner sehenden Zeit und sie hatten sich inzwischen visuell extrem ver\u00e4ndert. Hier wollte ich nicht auf etwas Bezug nehmen, was gar nicht mehr dem aktuellen Bild entsprach. Ironische Antworten irritierten mich, weil ich sie f\u00fcr bare M\u00fcnze nahm. Mein verbales Herantasten an meinen Gespr\u00e4chsgast und meine etwas anderen Fragen waren bewusster Teil des Konzepts. Egal ob Schauspieler*innen, Musiker*innen, Sportler*innen oder Politiker*innen, im Vorfeld hatte ich oft viel Bild- und Videomaterial f\u00fcr meine Interviews zu \u201esichten\u201c. Die Recherche war gerade in den Anfangsjahren noch wenig barrierefrei. Damals konnte ich mit meiner Hilfsmitteltechnik auf viele Webseiten nur eingeschr\u00e4nkt zugreifen. Filme und B\u00fccher meiner prominenten G\u00e4ste, die mir zugearbeitet wurden, lagen nicht in blindengerechten Formaten vor. Was ich in meinem 14. Jahr aber endlich noch erleben durfte und wof\u00fcr ich mich in meiner gesamten Zeit beim MDR gemeinsam mit unseren blinden Zuschauer*innen eingesetzt habe: Die Sendung \u201eSelbstbestimmt!\u201c hat nun endlich eine Audiodeskription.<\/p>\n\n\n\n<p>Oft versteht man den eigenen Werdegang erst im R\u00fcckblick. Als kleines M\u00e4dchen hatte ich kein Interesse daran, einmal Prinzessin oder Prima Ballerina zu werden, aber ich stellte mir manchmal vor wie es w\u00e4re, eine Fernsehansagerin zu sein. So nannte man das fr\u00fcher. Ich bestaunte die Frauen auf dem Bildschirm, die so versiert auf ihr Blatt und mir dann wieder direkt ins Gesicht blickten. Ich war schon stark sehbehindert und meine Mutter sagte,\u00a0 dass man f\u00fcr diesen Beruf gesunde Augen brauche. Die hatte ich nun wirklich nicht und verga\u00df diesen Kindheitswunsch, als die Milchz\u00e4hne ausgefallen waren, \u00fcber eine sehr lange Zeit. Ich sah mich nicht im Fernsehen und fokussierte mich sp\u00e4ter, mit einsetzendem Erblindungsprozess, darauf, Sozialp\u00e4dagogik zu studieren. Heute bereitet es mir gro\u00dfes Vergn\u00fcgen, dem kleinen M\u00e4dchen von damals ein \u201eHigh Five\u201c zu geben.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute m\u00f6chte ich gemeinsam mit meiner treuen Community eine ganz besondere Sendung anschalten: Eine R\u00fcckschau auf meine letzten 14 Jahre als blinde TV-Frau. 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