{"id":666,"date":"2023-06-19T10:15:59","date_gmt":"2023-06-19T10:15:59","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=666"},"modified":"2023-06-19T10:16:22","modified_gmt":"2023-06-19T10:16:22","slug":"inklusion-in-der-schule","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/inklusion-in-der-schule\/","title":{"rendered":"Inklusion in der Schule"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Inklusion in der Schule geht anders: \u201cOpfer bringen\u201d nicht falsch verstehen<\/h2>\n\n\n\n<p>Als Inklusionsbotschafterin wurde ich oft gefragt, welche Erfahrungen ich mit dem Thema Inklusion in der Schule gemacht habe. Meine pers\u00f6nliche Geschichte ist ein Beispiel daf\u00fcr, wie Inklusion an der Schule nicht laufen sollte. Ich habe sie deshalb oft lieber nicht erz\u00e4hlt, um Inklusionsgegner*innen nicht in die Karten zu spielen. Heute denke ich, dass ich gerade als Bef\u00fcrworterin der Inklusion von meinen Erfahrungen berichten muss, damit sich aus den Fehlern von damals ableiten l\u00e4sst, wie wir es heute besser machen k\u00f6nnen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich selbst war ein schulisches \u201cIntegrationsexperiment\u201d der Nachwendezeit und bin in ein System hineingepuzzelt worden, was daf\u00fcr einfach noch nicht bereit war. Die Lehrerschaft sprach von einer Ellenbogengesellschaft und viele meiner Mitsch\u00fcler*innen definierten sich \u00fcber Trend- und Markenklamotten oder r\u00fchmten sich mit den vermeintlich besseren Berufen ihrer Eltern. Unser Gymnasium lag in einem Neubauviertel, nahe an sozialen Brennpunkten, was Konkurrenzgedanken und Mobbing denen gegen\u00fcber beg\u00fcnstigte, die anders aussahen oder irgendwie nicht zum Sound dieser Schule passten. Ich war ein Teenager mit dicken Brillengl\u00e4sern, die \u201cHalbblinde\u201d, die man verlachte, mit ekligen Dingen bewarf und der man absichtlich Stolperfallen in den Weg stellte. Dabei hatte ich mich so auf das neue Schuljahr gefreut, war eine der wenigen, die aus der Glasglocke der Sonderschule auf ein \u201enormales\u201c Gymnasium gehen durften. Auf der Regelschule jedoch war man auf meine Augenerkrankung wenig vorbereitet.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schikanen gingen manchmal schon an der Haltestelle los, bevor ich \u00fcberhaupt richtig angekommen war. Ich traute mich nicht allein ins Geb\u00e4ude hinein, selbst j\u00fcngere Sch\u00fcler stellten sich mir in den Weg und lie\u00dfen mich die Treppen hoch- und runterstolpern, sodass ich die Orientierung verlor. Oft fand ich meinen Rucksack und die R\u00e4ume nicht, war ungeschickt, unbeholfen,&nbsp;ich wollte, aber ich konnte nicht dazu geh\u00f6ren. Ich tr\u00e4ume heute noch manchmal davon, den Anschluss zu verpassen, dann stehe ich allein im Klassenraum und sehe nicht, wo die anderen hingegangen sind. So vers\u00e4umte ich im Geiste die n\u00e4chste Unterrichtsstunde oder eine wichtige Klassenarbeit. Mein Schulalltag wurde damals zu einem gehetzten Hinterherrennen. Meine ohnehin gesch\u00e4digten Augen waren st\u00e4ndig \u00fcberlastet. Als sehbehindertes Integrationskind bekam man zwar f\u00fcr Klassenarbeiten etwas l\u00e4nger Zeit, das f\u00fchrte jedoch zu Missgunst und Neid bei Mitsch\u00fclerinnen, die vorher eigentlich nett oder neutral zu mir waren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sehbehinderte Sch\u00fcler*innen konnten ihre Hofpausen daf\u00fcr nutzen, sich um vergr\u00f6\u00dferte Kopien von Unterrichtsmaterialien zu bem\u00fchen. Bei meiner Sehbehinderung, einem immer enger werdenden Tunnelblick, halfen Vergr\u00f6\u00dferungen jedoch nicht und bewirkten eher das Gegenteil. Hier h\u00e4tte ich mir auch mehr Kompetenz der Beratungslehrer*innen gew\u00fcnscht, was die einzelnen Augenerkrankungen sehbehinderter Integrationskinder betraf. Was bei der einen Sehbehinderung hilft, kann bei einer anderen kontraproduktiv sein. Damals konnte ich das noch nicht reflektieren, zweifelte an mir, weil andere sehbehinderte Kinder besser zurechtkamen. So konnte sich eine Freundin, die noch ein besseres r\u00e4umliches Sehen hatte, an der Schule auch besser orientieren.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich war mir h\u00f6chst peinlich, meine Probleme schienen mir unl\u00f6sbar und \u00fcberdimensional. Ich erkannte das Tafelbild nicht mehr, konnte mit dem Sehrest nur holpernd laut vorlesen und traute mir nichts mehr zu. Wenn ich irgendwo davon lief oder \u00fcber etwas stolperte, machte ich mich immer wieder zum Gesp\u00f6tt bestimmter Mitsch\u00fcler*innen. Ich zog mich zunehmend zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Klassenfahrt traute ich mich am Ende nicht mitzufahren. In der betreffenden Woche sollte ich in eine der Parallelklassen gehen. Gleich am ersten Tag wurde ich dort so gemobbt, dass ich den Rest der Woche drau\u00dfen auf der Parkbank verbrachte. Ich wusste nicht mehr ein noch aus. Ich wollte keinen entt\u00e4uschen, nicht die Integrationslehrer*innen, nicht meine Eltern, alle, die an das Experiment geglaubt hatten. Mit den Einsernoten ging es runter auf Vier, ich musste zur\u00fcck in die Sonderschule, Triumph f\u00fcr alle, die mich in der \u201cNormalschule\u201d scheitern sahen. Ich war froh, dass ich nun wieder mit meinen alten Freund*innen zusammen sein konnte, die aber von meinen Erfahrungen wenig ahnten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Bei meinem Fach-Abi klappte es dann besser. Ich ging erneut an eine Regelschule. In der 11. Klasse waren meine Mitsch\u00fcler*innen auch etwas erwachsener und wollten alle in soziale Berufe. Mobbing war kein Thema. Die fachliche Ausrichtung entsprach meinen Potenzialen und meinem sp\u00e4teren Studienwunsch. Ich schrieb wieder Einsen. Auch wenn man mir an dieser Schule wohlgesonnener war, erlitt ich hier meine ersten merklichen Erblindungssch\u00fcbe. An manchen Tagen sah ich so schlecht, dass ich nicht wusste, wie ich Exkursionen oder gar den eigenen Schulweg bew\u00e4ltigen sollte. Als Kind war ich oft besch\u00e4mt worden, wenn ich zugab, etwas nicht zu sehen. Ich solle mich nicht anstellen, wie der erste Mensch im Weltall, wurde dann von den Erwachsenen gesagt. So hatte ich \u00dcberspielen und \u00dcberkompensieren gelernt, jedoch keine echten Empowerment-Strategien. Das wirkte sich nun aus.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich tat, als ob ich klar k\u00e4me, weil das sozial erw\u00fcnscht war, und fand allerlei komische Ausreden, um nicht zugeben zu m\u00fcssen, dass ich etwas nicht sah. Bei schlechten Lichtverh\u00e4ltnissen lief ich blind vor Blend- und Schattenw\u00e4nden und meine Gef\u00fchle kamen nicht hinterher. Zu meinem eigenen Abiball ging ich nicht aus Angst, \u00fcber Tische und B\u00e4nke zu stolpern. Bat ich darum, mich unterhaken zu d\u00fcrfen, war man irritiert, weil mir nicht anzusehen war, wie zerst\u00f6rt meine Netzhaut inzwischen war. Die Phase zwischen hochgradiger Sehbehinderung und Erblindung war kommunikativ wirklich schwierig, weil meine Mitmenschen meinen Zustand nicht einordnen konnten und sagten: \u201eDa hat sie schon eine dicke Brille auf und kann trotzdem nicht gucken.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Halt gab mir in dieser Zeit die Punk-Szene. Ich machte meine Hausaufgaben zwischen den bunten Jungs und M\u00e4dels, die ich nach der Schule in der City traf. Hier hatte jeder irgendetwas zu verlieren, ich eben mein Augenlicht. Meine Clique, ein ganz sch\u00f6n r\u00fcder Haufen,\u00a0hatte mich stark gegen die Welt gemacht. Ich wei\u00df nicht, ob ich in diese extreme Szene gegangen w\u00e4re, wenn ich in der 9. Klasse bei den Marken-M\u00e4dels besser weggekommen w\u00e4re. Punkerin zu sein hat mich aber auf jeden Fall davon abgehalten, mich resigniert im Kinderzimmer zu verkriechen. In meinem Buch \u201cM\u00e4rchenland im M\u00fcll\u201d beschrieb ich sp\u00e4ter unter dem Pseudonym Constanze S. diese f\u00fcr mich sehr zerrissene Zeit in zerrissenen Klamotten, zwischen Erblindungssch\u00fcben und Subkultur. <a href=\"https:\/\/www.periplaneta.com\/Produkt\/kuenstler\/jennifer-sonntag\/maerchenland-im-muell\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Hier<\/a> geht\u2019s zur Audio-Fassung meines Buches.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich f\u00fchle mich heute Sch\u00fcler*innen sehr nahe, die glauben zu scheitern, weil eigentlich ein System scheitert, was f\u00fcr Inklusion noch nicht bereit ist. Die Verantwortung f\u00fcr gelingende Inklusion darf nicht allein beim behinderten Kind liegen. Es geht nicht darum, dass jede*r Mal geh\u00e4nselt wird, das vertr\u00e4gt ein gut inkludierter Mensch. Ich meine, symbolisch oder direkt gesprochen, eher Kids, die nicht einmalig in die M\u00fclltonne gesteckt werden, sondern jahrelang. Das zerst\u00f6rt die Entwicklungsm\u00f6glichkeiten eines jeden Menschen nachhaltig und manchmal sogar den ganzen Menschen. Meine Erfahrungen sollen kein \u201egefundenes Fressen\u201c f\u00fcr Inklusionsgegner*innen sein. Wenn etwas nicht gut gemacht ist, m\u00fcssen wir es eben besser machen, nicht weglassen. Inklusion gelingt nur durch Inklusion! Sch\u00fcler*innen sind aber keine Experimente, deshalb \u201eOpfer bringen\u201c bitte nicht falsch verstehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Wie Inklusion gelingen kann, zeigt ein Erfahrungsbericht im<a href=\"https:\/\/www.pro-retina.de\/pro-retina\/blind-verstehen-der-pro-retina-podcast\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"> PRO RETINA-Podcast \u201eBlind verstehen\u201c<\/a>, in <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/episode\/3ry2IvarDkDcPDLeAcJYue\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Folge 43<\/a>. Niko ging seit der 5. Klasse als sehbehinderter Sch\u00fcler auf eine kleine Privatschule und spricht mit seiner damaligen Lehrerin Katalin Dienes \u00fcber hilfreiche Schutzfaktoren. Auch zwei weitere Podcast-Folgen von \u201cBlind verstehen\u201d kann ich empfehlen: <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/episode\/2DoIRJhUrUSFaWIzN68nAa\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Folge 44<\/a> und <a href=\"https:\/\/open.spotify.com\/episode\/7hrDCuGpSPvzlB1uijrBOc\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Folge 45<\/a> mit dem Thema \u201cSchule im Blick \u2013 Eltern betroffener Kinder berichten\u201d.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Parameter finde ich impulsgebend f\u00fcr den Diskurs:&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\">\n<li>Worauf sollte sich die Lehrerschaft einstellen?&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Wie reagieren die Mitsch\u00fcler*innen?&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Welche Innovationen gibt es im Hilfsmittelbereich inzwischen?&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Welche Rolle spielen die Eltern und die Beh\u00f6rden?&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Erfordern Art und Schwere der Sehbehinderung ein jeweils anderes methodisches Herangehen?&nbsp;<\/li>\n\n\n\n<li>Ist das behinderte Kind ausreichend empowert, durch innere und \u00e4u\u00dfere Schutzfaktoren?<\/li>\n<\/ul>\n\n\n\n<p>Erg\u00e4nzende Links zum Beitrag:<\/p>\n\n\n\n<p>Hier findet ihr mein <a href=\"https:\/\/kobinet-nachrichten.org\/2018\/04\/10\/aus-integrationsfehlern-lernen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kobinet-Interview mit Dorothee Feuerstein<\/a>, die ebenfalls von ihren Erfahrungen als \u201eIntegrationsexperiment\u201c berichtet.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link has-background-color has-secondary-background-color has-text-color has-background wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Inklusion in der Schule geht anders: \u201cOpfer bringen\u201d nicht falsch verstehen Als Inklusionsbotschafterin wurde ich oft gefragt, welche Erfahrungen ich mit dem Thema Inklusion in der Schule gemacht habe. 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