{"id":700,"date":"2023-12-02T16:20:57","date_gmt":"2023-12-02T16:20:57","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=700"},"modified":"2023-12-02T16:20:57","modified_gmt":"2023-12-02T16:20:57","slug":"menstruieren-fuer-fortgeschrittene","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/menstruieren-fuer-fortgeschrittene\/","title":{"rendered":"Menstruieren f\u00fcr Fortgeschrittene"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG-20230817-WA0001-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-679\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG-20230817-WA0001-768x1024.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG-20230817-WA0001-225x300.jpg 225w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG-20230817-WA0001-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/IMG-20230817-WA0001.jpg 1200w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag mit blauer Kontrollfl\u00fcssigkeit; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eDie Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverst\u00e4ndnisse\u201c, erfuhren wir in der Fernsehwerbung der 90-er Jahre und lernten die blaue Kontrollfl\u00fcssigkeit kennen. Blaues Blut? Wenn ich als Blinde ausnahmsweise von der Farbe reden darf, war das schon mal das erste Missverst\u00e4ndnis.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich war es selbstverst\u00e4ndlich, dass niemand etwas von der echten Fl\u00fcssigkeit mitbekommen sollte, das hatten auch blinde und sehbehinderte M\u00e4dchen eingesehen. Wenn man auch sonst wenig \u00fcber K\u00f6rperliches vermittelt bekam, wurde einem doch klar zu verstehen gegeben, was eher versteckt werden sollte, n\u00e4mlich generell unbequeme Fragen zum Frausein. Wenn die Menstruation ohnehin schon als unsauber und unhygienisch galt, dann wird ja besonders bei behinderten Frauen darauf geachtet worden sein, dass \u201eMann\u201c davon hoffentlich nichts riechen kann. Eben wie der Slogan suggerierte: \u201eDamit die Regel sauber und diskret abl\u00e4uft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Wahrscheinlich werden einige Herren nun aus dem Text aussteigen oder um es mit der Chemnitzer Band \u201eBlond\u201c zu sagen: \u201edu gehst dich schlagen, redest \u00fcber dein Glied, rede ich von meinen Tagen, vergeht dir der Appetit\u201c. Dabei k\u00f6nnen blutige Laken auch M\u00e4nner betreffen. Deshalb gehe ich das Thema zun\u00e4chst aus umgekehrter Perspektive an, denn in ausgelieferten Situationen sitzen wir alle im selben Boot. Ich arbeitete in einer Einrichtung, in der mit der Intimsph\u00e4re eines blinden Rehabilitanden sehr leger umgegangen wurde. Eine Wohnheimmitarbeiterin fotografierte die vollgebluteten Laken eines schwer an Diabetes erkrankten Mannes, der die Verletzungen an seinen F\u00fc\u00dfen nicht gesp\u00fcrt und die Blutung blindheitsbedingt nicht gesehen hatte. Diese Fotos wurden dann samt seines Namens ins betriebliche Intranet gestellt. Zu welchem Zweck erfuhr ich auch von der zust\u00e4ndigen Abteilungsleiterin nicht. Durch meine \u00d6ffentlichkeitsarbeit hatte ich viel Publikumsverkehr in meinem B\u00fcro und war schockiert, als diese Dateien pl\u00f6tzlich zwischen meinen Terminkalendern auftauchten. Ich empfand das als Blo\u00dfstellung. Ein wirklich wunder Punkt. Ich stellte mir vor, wie ich mich als blinde Frau f\u00fchlen w\u00fcrde, wenn ich aus anderen Gr\u00fcnden versehentlich in ein Laken bluten und mein Menstruationsunfall dann auf diese Weise in einer Einrichtung f\u00fcr alle sichtbar w\u00fcrde.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Das f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig zu der Frage: Wie macht das eine blinde Frau eigentlich mit dem Menstruationsmanagement? Als sehbehindertes M\u00e4dchen wusste ich: Wenn\u2018s ordentlich wehtut geht\u2019s los. Ich erinnere mich an unsere Klassenfahrt nach London. Partystimmung und H\u00f6llentrip zugleich. \u201eBlond\u201c wissen, wovon ich rede: \u201eVier Stunden Fahrt mit Schmerzen im Flixbus. Glaub mir, die Periode ist kein Luxus.\u201c Aber muss das so laufen? \u00dcber hilfreiche Medikamente oder Ma\u00dfnahmen zur Schmerzregulation kam ich damals nicht mit \u201eErwachsenen\u201c ins Gespr\u00e4ch. Das war f\u00fcr beide Seiten viel zu peinlich. Atteste wegen Regelschmerzen im Sportunterricht waren als Ausrede verp\u00f6nt. M\u00fctter und Lehrerinnen hatten es oft selbst nicht anders gekannt oder kaum fempowernde Worte in der Handtasche. Z\u00e4hne zusammenbei\u00dfen und durch! Kein Junge musste Klassenarbeiten oder Abiturpr\u00fcfungen unter starken Organschmerzen bestehen. Aber das hat damals keiner hinterfragt. Weil ich heftige Menstruationsschmerzen f\u00fcr normal hielt, thematisierte ich sie erst sehr sp\u00e4t bei der Frauen\u00e4rztin. Inzwischen werden diese Themen auch medial aus der Pfui-Ecke geholt. Stichwort Endometriose. Information und Aufkl\u00e4rung zielt heute nicht nur darauf ab, etwas m\u00f6glichst \u201ediskret\u201c f\u00fcr die anderen verschwinden zu lassen, sondern selbst den eigenen K\u00f6rper besser zu verstehen und ernstzunehmen. Allerdings berichtete k\u00fcrzlich eine junge Frau in einem feministischen Podcast, dass sie ihrer Gyn\u00e4kologin die Menstruationstasse erkl\u00e4ren musste, nicht umgekehrt. Gerade im Umgang mit behinderten Frauen und M\u00e4dchen ist zwischen Wegschweigen und Blo\u00dfstellen ein zeitgem\u00e4\u00dfer Dialog angemessen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Beispiel f\u00fcr die ung\u00fcnstige Kombination aus Wegschweigen und Blo\u00dfstellen ist das Malheur einer blinden Frau, mit deren Geschichte ich konfrontiert wurde, als ich selbst noch nicht ganz blind war. Sie hatte nach dem Toilettengang am Arbeitsplatz eine blutige Klobrille hinterlassen. Anstatt das mit ihr vertraulich zu besprechen und gemeinsam nach einer L\u00f6sung zu suchen, wurde im Kollegenkreis gel\u00e4stert und man mied den Umgang mit ihr. Sie ahnte lange nichts davon. Mich hat das im Zuge meiner eigenen Erblindung sehr besch\u00e4ftigt. Kraft meines Sehrestes bekam ich das ja alles noch irgendwie hin. Ich fragte mich: beschmierte Klobrille, Tropfen auf den Fliesen, Flecken an der Kleidung, wie ist das alles zu kontrollieren ganz ohne Augenlicht? Und dann noch die blinde und m\u00f6glichst spurenfreie Handhabung der Hygieneartikel, wie war das zu bew\u00e4ltigen? Es ist ja nicht damit getan zu merken, ab wann frau menstruiert, sondern auch, wie ernst es diesmal der Uterus mit seiner \u201ebloody Release\u201c meint. Trotz gewissenhafter Kalenderf\u00fchrung wird Frau ja oft in den ung\u00fcnstigsten Momenten von der Unregelm\u00e4\u00dfigkeit der Regel \u00fcberrascht. Viele von uns kennen den Moment, den \u201eBlond\u201c in ihrem Song besingen: \u201eDas Leben ist grad ziemlich geil. Ich habe eine gute Zeit. Und genau dann kicken meine Tage rein\u201c. Wenn Frau blind ist, braucht sie in diesen Augenblicken erst recht ein gutes Fingerspitzengef\u00fchl.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Weil ich die Sauberkeit einer Toilette leider wirklich mit den H\u00e4nden checken muss, ist es umgekehrt f\u00fcr mich oft schlimm, die Hinterlassenschaften \u201eeigentlich\u201c sehender Menschen an K\u00f6rper oder Kleidung zu haben. Das \u00dcbelste, was einer blinden Frau in dieser Hinsicht passieren kann, ist ein schmutziges Dixi-Klo auf einem Festivalgel\u00e4nde ohne Waschbecken. Ich muss jetzt mal ins Detail gehen. Gerade wenn man sich Produkte in den K\u00f6rper einf\u00fchren muss, d\u00fcrfte klar werden, warum das nicht nur ekelhaft, sondern auch ernsthaft gesundheitsgef\u00e4hrdend ist. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, dass weibliche Bed\u00fcrfnisse hier generell besser mitgedacht werden.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Menstruationsbelange blinder Frauen gibt es nur rare Informationen. Vor vielen Jahren fragte mich das Jungsheft, ein Erotikmagazin, was von zwei Frauen gemacht wird: \u201eWoran merkst Du, dass Du Deine Tage hast?\u201c Das fand ich mal einen erfrischenden Tabuzonenkiller. Im Interview ging es zwar um mein Buch \u201eLiebe mit Laufmaschen\u201c, in dem ich als Schriftstellerin erotischer Literatur ziemlich offen mit Sexualit\u00e4t umging, aber beim Thema Periode wurde ich rot<strong><em>.<\/em><\/strong> Meine Antwort: \u201eBlinde haben doch sowas gar nicht\u2026 Nein, Spa\u00df! So sehr man Schmerzen hasst, hier k\u00f6nnen sie ein guter Hinweis sein. Schmerzt es nicht zuverl\u00e4ssig, verbraucht man auch schon mal \u2018ne Packung Tampons vergebens, weil die ganze Zeit gar nichts war. Sehr frustrierend! Notfalls m\u00fcssen die anderen Sinne helfen. Frau darf da kreativ sein\u2026\u201c. Konkretere Alltagstricks finden sich auf einer Beratungsseite des Blinden- und Sehbehindertenverbandes:<strong> \u201e<\/strong>F\u00fcr einige blinde Frauen ist es manchmal nicht leicht, das Einsetzen ihrer Menstruation zu erkennen: Ein Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Ausfluss und dem Menstruationsblut ist der Geruch; zudem ist das Blut klebriger. Dies l\u00e4sst sich besonders gut durch Zerreiben zwischen den Fingern feststellen.\u201c&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBlond\u201c singen am Ende ihres Songs: \u201eIst aber alles halb so schlimm, weil ich immerhin nicht schwanger bin.\u201c Was aber tun, wenn die Menstruation ausbleibt? Einer sehenden Frau gibt es Sicherheit, dann einen Schwangerschaftstest durchzuf\u00fchren, ganz f\u00fcr sich allein, bei dem erstmal nur sie das Ergebnis vor Augen hat. Blinde Frauen erfahren nie zuerst, was der Test anzeigt, weil es bislang keinen barrierefreien Schwangerschaftstest gibt. Die Selbstbestimmung liegt dann darin sich zu fragen, wem man den bepinkelten Streifen am liebsten unter die Nase halten will: der Mutter, der Nachbarin oder dem Typen, dem man eigentlich den Laufpass gegeben hat? Blinde Frauen werden leider noch viel zu oft als Kundinnen, als Patientinnen und auch als Feministinnen \u00fcbersehen. Das gilt auch f\u00fcr Frauen mit anderen Behinderungen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Angestiftet zu dieser Kolumne hat mich dankenswerterweise mein Buch- und Lebenspartner Dirk Rotzsch, ohne dessen m\u00e4nnliches Mutmachen ich meine Perspektive zu diesem delikaten Thema wohl nie aufgeschrieben h\u00e4tte. Fempowert hat mich eine meiner Lieblingsbands \u201eBlond\u201c, aus deren Song \u201eEs k\u00f6nnte grad nicht sch\u00f6ner sein\u201c ich im Text mehrfach zitierte. Wie gro\u00dfartig, dass wir heute zusammen zu unseren Themen lauter werden und sogar in vollen Konzerts\u00e4len dazu moshen k\u00f6nnen, auch mit Menschen ohne \u201eMenstruationshintergrund\u201c. H\u00f6rt oder schaut gern mal in den Clip hinein: <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed is-type-video is-provider-youtube wp-block-embed-youtube wp-embed-aspect-16-9 wp-has-aspect-ratio\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"BLOND - Es k\u00f6nnte grad nicht sch\u00f6ner sein\" width=\"580\" height=\"326\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/hzxxc8pgU-U?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eDie Geschichte der Menstruation ist eine Geschichte voller Missverst\u00e4ndnisse\u201c, erfuhren wir in der Fernsehwerbung der 90-er Jahre und lernten die blaue Kontrollfl\u00fcssigkeit kennen. 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