{"id":748,"date":"2024-03-07T10:25:40","date_gmt":"2024-03-07T10:25:40","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=748"},"modified":"2024-03-07T10:34:04","modified_gmt":"2024-03-07T10:34:04","slug":"seelenstreichler","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/seelenstreichler\/","title":{"rendered":"&#8222;Tiere und Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Seelenstreichler<\/h2>\n\n\n\n<p>Sie ist schwarz und f\u00fchlt sich etwas rundlich an, wie meine H\u00fcndin selbst, die jetzt in ihr wohnt. Ich habe die Urne nach dem Wesen des geliebten Tieres ausgew\u00e4hlt. Das Gef\u00e4\u00df hat eine sanftm\u00fctige, warme Ausstrahlung und ich streichle gern dar\u00fcber, als sei es \u201eMetaxas\u201c Kopf. Sie steht neben einer Skulptur, die einen schlafenden Hund darstellt, auf einem Schrank, der bedeutsame Kleidungs- und Schmuckst\u00fccke enth\u00e4lt. Meine H\u00fcndin soll Teil meines Gef\u00fchlslebens und meiner Alltagswelt bleiben und mir war wichtig, dass sie wieder zu mir nachhause kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich traue mir selten, den Deckel der Urne zu lupfen. Zu viel Respekt habe ich vor dem, was das geliebte Tier nun ist. Ich dachte ich m\u00fcsse verbrennen und erfrieren zugleich, als ich dieses T\u00fctchen Asche erstmals in den H\u00e4nden hielt, mit einem Schamottstein darin, f\u00fcr die Identifikation. Auch wenn ich sie nun in diesem Zustand ber\u00fchren kann, begreifen kann ich es noch immer nicht, dass dies meine zu Asche gewordene H\u00fcndin ist. Sie bleibt f\u00fcr mich mein Lebensschatz, voller Vielgestalt, Lebendigkeit, ich kann sie in meinem Herzen und in meinen Gedanken empfinden, weit \u00fcber physische Grenzen hinaus. Meine Eltern hatten am Ende meines Abiturs der Anschaffung eines Hundes zugestimmt, da eine unheilbare Augenkrankheit mir gerade das Leben versaute. Solange ich Verantwortung f\u00fcr den Hund hatte, kam ich nicht auf dumme Gedanken. Und wenn ich blind w\u00fcrde, ich schwor, das Tier nicht im Stich zu lassen. Auch wenn ich nach au\u00dfen stark und gefasst wirkte, habe ich Metaxas Fell doch oft ordentlich durchgeheult. Es gab Phasen, in denen sie mein einziger Halt war. Zum Gl\u00fcck ist es nicht so, wie es \u00fcberholte Trauermodelle besagen, dass wir Mensch oder Tier nach dem Versterben loslassen m\u00fcssen, sondern dass wir uns weiterhin verbunden f\u00fchlen k\u00f6nnen. Wenn ich es auch vermisse, den atmenden und durchbluteten K\u00f6rper meiner H\u00fcndin zu sp\u00fcren, erlebe ich es als heilsam, dass ich sie nicht verliere, solange ich sie liebe.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn etwas Einschneidendes passiert, erinnert man sich oft noch Jahre sp\u00e4ter daran, was in diesen Momenten gesagt wurde oder mit wem man sie geteilt hat. Bei schlimmen Ereignissen manchmal intensiver, als bei sch\u00f6nen. Obwohl, oder gerade, weil ich meiner H\u00fcndin so nahe war, durfte ich entscheiden, wann der Tierarzt kommen sollte. Meine Familie hatte mich intensiv dabei unterst\u00fctzt, meine tierische Begleiterin zu pflegen. Auch wenn ich mich zuvor lange gefragt hatte, wann der richtige Zeitpunkt w\u00e4re \u201ees\u201c zu tun, sp\u00fcrte ich ihn am Ende sehr deutlich. Metaxa hatte es geschafft, sich noch einmal auf ihren Lieblingssessel zu begeben. Wir hatten ihn f\u00fcr die alte Dame tiefer gelegt, weil sie keine H\u00f6hen mehr bew\u00e4ltigen konnte. Dort ber\u00fchrte ich sie letztmals in ihrem Hundek\u00f6rper, den ich mir Millimeter f\u00fcr Millimeter einpr\u00e4gte. Sie lag friedlich hin drapiert und ich probierte sanft, ob wirklich keine Luft mehr aus ihrer Nase entwich. Sie war wundersch\u00f6n, Welpe und Greisin zugleich unter meinen H\u00e4nden, der Kreis schloss sich, sie musste nicht mehr leiden. Bei einem toten Tier entleert sich die Blase. Das befremdete mich nicht. Ich blieb bei ihr, bis sie abgeholt wurde. Mein Vater verhob sich an ihr. Keine Muskelspannung mehr im Tier, keine Gegenwehr. Die Tierbestatterin besprach mit uns die Formalit\u00e4ten und wir suchten die Urne aus. Ich war so froh, dass ich dieses Hundeding mit meinem Paps durchziehen konnte. Das h\u00e4tte ich nie alleine geschafft. Geteiltes Leid ist halbes Leid, das sp\u00fcrte ich jetzt deutlich wie nie. Meine Strickjacke, die ich zum Abschied getragen hatte, roch noch lange nach Metaxa. Erst als wir kurz darauf ihren Sessel auf die M\u00fclldeponie fuhren, rissen meine Seelenw\u00e4nde ein.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte alles im Vorfeld so gut es ging bedacht. Eine Hundesitterin hatte uns in Metaxas letzter Lebensphase unterst\u00fctzt, da keiner von uns den pflegebed\u00fcrftigen Hund mit an den Arbeitsplatz nehmen konnte. Die Nummer des nahegelegenen Tierbestatters hatte ich beim Tierarzt erfragt und l\u00e4ngst f\u00fcr den Notfall in der Schublade. In Metaxas besten Jahren hatte ich auch den Tierfriedhof \u201eAm Goldberg\u201c in Halle besucht, ein wundersch\u00f6ner Ort. Ich hatte mich jedoch f\u00fcr die Take-Home- Version entschieden, um sp\u00e4ter mit der Asche flexibler zu sein. Meine Meerschweinchen haben wir in unserer Gartenanlage beerdigt. Ich f\u00fcrchtete bei jedem Umgraben, Kr\u00fcmel, Pepsi und Mucki w\u00fcrden in welchem Zustand auch immer, wieder zu Tage treten. Ein so gro\u00dfer Labrador wie Metaxa war dort nicht unterzubringen. Wenn ich auch als Kind Tauben, Katzen und Ratten in allen Verwesungsstadien gesehen und ohne Scheu mit Sezierst\u00f6ckchen von allen Seiten begutachtet hatte, es w\u00e4re ein Alptraum gewesen, dem eigenen Tier so begegnen zu m\u00fcssen. Im Biologiekabinett erkundete ich voller Faszination den reichen Bestand ausgestopfter Tiere, da unsere Schule f\u00fcr uns sehbehinderte Kinder so etwas bereithalten durfte, w\u00fcrde mein eigenes aber nie pr\u00e4parieren lassen. Ich finde es jedoch legitim, dass andere f\u00fcr sich diese Entscheidung treffen, weil sie die \u00e4u\u00dferliche Gestalt des geliebten Wesens erhalten wollen. F\u00fcr jeden ist etwas anderes verbindend oder eben absurd. Die einen lassen sich einen Pfotenabdruck von ihrem toten Hund anfertigen, die anderen verstreuen seine Asche an den gewohnten Gassi- oder Urlaubsorten und wieder anderen hilft die Geschichte von der Regenbogenbr\u00fccke. Mein diesbez\u00fcglich gr\u00f6\u00dfter Wunsch ist es, mit meinen Hunden zusammen auf dem Gertraudenfriedhof in Halle vereint zu sein, wo wir viele Jahre die sch\u00f6nsten Spazierg\u00e4nge in verwunschener Natur erlebten. Leider ist die gemeinsame Beisetzung in meiner Heimatstadt noch nicht m\u00f6glich. Einen Mensch-Tier-Friedhof gibt es beispielsweise in Aschersleben. Manche Menschen finden es piet\u00e4tlos, dass Tiere auf dem Friedhof begraben werden. Ich finde es piet\u00e4tlos, das piet\u00e4tlos zu finden.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht jedem ist ein Herz f\u00fcr Tiere gegeben und ich lernte schon als Kind, dass manche Menschen meine tiefe Trauer nicht verstanden, wenn eines meiner Haustiere gestorben war. Erster Todesfall: Hansi, der Wellensittich. Er war pl\u00f6tzlich nicht mehr da, als ich von der Klassenfahrt zur\u00fcckkehrte. Da war es zum ersten Mal, dieses grausame Gef\u00fchl, was einen ergreift, wenn jemand stirbt, den man liebt. Die Welt erscheint pl\u00f6tzlich verzerrt und in anderen Farben. Im Schulbus lachte man mich aus f\u00fcr meine Tr\u00e4nen. Als Stadtkind zog es mich zu meiner Oma aufs Dorf, weil es dort so viele Tiere gab. Aber die wurden nicht zum Streicheln gehalten und die frisch geborenen K\u00e4tzchen, die wir Kinder eben noch anschauen durften, wurden nicht selten im n\u00e4chsten Moment ertr\u00e4nkt oder gegen die Wand geklatscht. Die Dorfjungs jagten uns Stadtm\u00e4dchen mit den Krallen und K\u00f6pfen toter H\u00fchner und wir hatten ein ganzes Familienalbum voll mit Fotos vom Schweineschlachten, zum Gl\u00fcck in schwarz\/wei\u00df. Als Kind hat mich das noch nicht davon abgehalten, Wurst und Fleisch gen\u00fcsslich mitzufuttern und ich konnte das lebende vom toten und das geliebte vom fremden Tier trennen. Heute reflektiere ich das bewusst und ern\u00e4hre mich \u00fcberwiegend vegetarisch bis vegan. Diese Gedanken macht sich zugegebenerma\u00dfen mein Hund nicht, der w\u00fcrde sich ungebremst quer durch die n\u00e4chstgelegene Schlachteplatte fressen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ja, ich habe wieder einen Hund, auch wenn ich mir das nach diesem unbeschreiblichen Trennungsschmerz nicht vorstellen konnte. Inzwischen wei\u00df ich, dass ich mich von Metaxa nicht getrennt f\u00fchlen muss. Getreu dem T-Shirt-Spruch \u201eOhne Hund ist alles doof!\u201c konnte auch ich mir ein Leben ohne Vierbeiner nicht vorstellen. Was mir jedoch Sorgen bereitete: Mit Metaxas Leben war \u00fcber die Jahre auch mein Augenlicht verronnen, ich war mittlerweile vollst\u00e4ndig erblindet. W\u00fcrde ich einen jungen Hund bew\u00e4ltigen k\u00f6nnen? Die L\u00f6sung? Blindenf\u00fchrhund Paul! Er ist daf\u00fcr ausgebildet, mich als blindes Frauchen im Alltag zu unterst\u00fctzen. Da an diesem Tier nicht nur mein Herz, sondern in vielen Situationen im wahrsten Wortsinn mein Leben h\u00e4ngt, ist er f\u00fcr mich mehr, als \u201enur\u201c ein Hund. Es ist monstr\u00f6s mir vorzustellen, dass er einmal sterben wird. Was mich tr\u00f6stet ist die Erfahrung, dass Verbundenheit und Liebe nicht vergehen. Mein Hund liegt gerade ganz nah bei mir und wundert sich, warum Frauchen beim Schreiben dieses Textes so viel geweint hat. Ich glaube, wir brauchen jetzt erstmal einen Spaziergang, um das Leben in vollen Z\u00fcgen zu erschnuppern.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kolumne erschien in der Novemberausgabe 2023 der \u201eDRUNTER + DR\u00dcBER\u201c, zum Thema \u201eTiere und Tod\u201c. Das aktuelle Magazin f\u00fcr Endlichkeitskultur gibt\u2019s <a href=\"https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> als Print- und Digitalfassung (nicht f\u00fcr Screen Reader geeignet)<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-369\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-768x1024.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-225x300.jpg 225w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1200x1600.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-1980x2640.jpg 1980w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2022\/06\/schwarzes-eis-scaled.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag mit schwarzem Eis; Foto: Wolfgang Sonntag<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seelenstreichler Sie ist schwarz und f\u00fchlt sich etwas rundlich an, wie meine H\u00fcndin selbst, die jetzt in ihr wohnt. 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