{"id":796,"date":"2024-08-26T07:18:02","date_gmt":"2024-08-26T07:18:02","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=796"},"modified":"2024-09-04T11:27:51","modified_gmt":"2024-09-04T11:27:51","slug":"sex-und-tod","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/sex-und-tod\/","title":{"rendered":"&#8222;Sex und Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Vorsicht zerbrechlich<\/h2>\n\n\n\n<p>Seit seinem Unfall wei\u00df ich, dass man einen Menschen nicht nur ganz nah sp\u00fcren kann, wenn man mit ihm verbunden ist, sondern auch, wenn man von ihm getrennt wird. Dieses Gef\u00fchl hat mich auf einen Schlag vernichtet, als ich sp\u00fcrte, dass da gerade etwas Schlimmes passiert ist, dass da etwas Gewaltvolles unser festes Band zerrei\u00dft. Es war, als w\u00fcrde auch ich in diesem Moment um mein, um unser Leben k\u00e4mpfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir lebten viele Jahre nicht nur als Kreativ-, sondern auch als Liebespaar. Unser gemeinsames Buch \u201eLiebe mit Laufmaschen\u201c war nicht nur literarisches Credo, wir entwickelten uns auch im Alltag am reizvollen Riss, der dem gewohnten Entwurf entgegenstand. In vielen unserer erotischen Texte thematisierten wir die Liebe und das Leben als fragiles Konstrukt, wobei Sex und Tod nah beieinander schwangen. Heute lese ich seine Geschichten mit einem tiefen Schmerz. So findet sich z.B. in Dirots Text \u201eVorsicht zerbrechlich\u201c das kalte Gef\u00fchl von Verlust und Verlorensein in einer winterlichen Frauenlandschaft wieder:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eIch bin gerade sehr unsanft und ungrazil die B\u00f6schung runtergerutscht.<br>Frierend bleibe ich stehen, lange war es nicht mehr so kalt, auch in mir \u2013&nbsp; Stalingrad unter Null. Die B\u00f6schung, deren Schneehaut ich zwei Furchen zuf\u00fcgte, hat eine Zwillingsschwester, mit der sie gemeinsam eine ICE-Trasse rahmt \u2013&nbsp; endlos lang und makellos. Der sich optisch verj\u00fcngende Abstand beider Seiten f\u00fchrt zu einer schwarzen H\u00f6hlung: dem Tunnel. \u00dcber der Tunnelkrone ein kleiner kultivierter Bewuchs, der wohl Niederwild und gefiederten Br\u00fctern Unterschlupf gew\u00e4hrt, dahinter eine Senke und in der Ferne zwei sanfte H\u00fcgel mit bebauten Gipfeln \u2013 <strong>&nbsp;<\/strong>wohl der Grund, weswegen dieser Tunnel getrieben wurde. Das alles durch den Schnee elfenbeinfarben koloriert, dar\u00fcber ein nachtblauer Postkarten-Sternenhimmel. Jetzt sexualisiere ich selbst bitterkalte und menschenleere Landschaften! Und sieht diese Landschaft nicht aus wie sie, so elfenbeinfarben, so perfekt? Der Unterschied war einzig und allein jene kleine rosafarbene Knospe in ihrem Unterholz, die ihre gesamte Ebene zum Beben bringen konnte, wenn man sie nur sanft ber\u00fchrte \u2026 Doch hier bleibt alles kalt und unbeweglich.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bei einem Autor fragt man sich oft, wen er wohl beschreibt in seinen Texten. Ich fragte mich das auch immer wieder. Was war eine Geschichte, was war ich, was waren wir darin? Und was war er in meinen Geschichten? Wenn ich seine Zeilen heute lese sehe ich ihn, wie er ohne mich, ohne uns darin zur\u00fcckbleibt, so wie ich es nach seinem Unfall gef\u00fchlt habe:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eSie war die Liebe meines Lebens, leider begegnete sie mir erst in dessen Mitte. Ich war desillusioniert von Beziehungen und hatte eben aus diesem Grund eine langj\u00e4hrige Versorgungsgemeinschaft hinter mich gebracht. Ich wei\u00df<strong> <\/strong>nicht, ob es \u00fcberhaupt jemals Liebe gewesen war, aber wenn, dann war sie aus dieser Beziehung gewichen, wie das Blut aus einem gesch\u00e4chteten Schaf. Es war schwer, noch mal neu anzufangen und h\u00e4tte ich gewusst, was es bedeutet \u2013&nbsp; wer wei\u00df, ob ich den Mut dazu gehabt h\u00e4tte. Ich bin kein Held, nicht einer, der Schmerzen heroisch in Kauf nimmt. Ein Mensch, der schwer verletzt wurde, muss sich das nicht sehenden Auges noch einmal antun. Dann kam sie und alles&nbsp; wurde anders. Abseitigkeit kommt von Innen und Abseitigkeit schwei\u00dft zusammen \u2013&nbsp; und ist ein Garant f\u00fcr Treue. Heute wei\u00df ich, dass unser Gl\u00fcck keinen Haken hatte \u2013&nbsp; leider zu sp\u00e4t, sonst w\u00e4re man entspannter gewesen und h\u00e4tte r\u00fcckhaltloser genossen, wenn nicht sogar noch tiefer geliebt. Doch, ich habe geliebt \u2013&nbsp; zum ersten Mal.<strong> <\/strong>Zum letzten Mal. In der Zeit die wir hatten, habe ich niemals diese Neugier nach einer Anderen versp\u00fcrt, weil ich jeden Tag mit ihr das Neue neu erfahren habe. Und heute habe ich keine Neugier mehr, weil \u2013selbst wenn es an das heranreichte, was ich kennenlernen durfte \u2013 nie diese Vertrautheit aufk\u00e4me. Bei ihr hatte ich das Gef\u00fchl, dass das was wir taten, all ihre W\u00fcnsche erf\u00fcllte, wie auch meine.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich hatte ihn so oft mit ihm getanzt, den leidenschaftlichen W\u00f6rter- und K\u00f6rpertango im inspirierenden Schlagabtausch. Das hatte uns doch zusammen gef\u00fchrt: die Geschichten,&nbsp; die Musik, die Bilder, die sichtbaren und die unsichtbaren. Unsere Storys hatten ineinander gegriffen wie Zahnr\u00e4der, mit denen wir gigantische Maschinen in Gang zu setzen vermochten. Da war eine gro\u00dfe Sehnsucht in meinem Herzen, nach Vertrautheit, nach ihm und mir und Ewigkeit. Er war meine Chance, im Anderssein Geborgenheit zu finden.&nbsp; Unser Credo: Jeder hat seine Abgr\u00fcnde, Hauptsache man trifft sich im selben Kellergew\u00f6lbe. Wir fanden unser Gl\u00fcck im selben Kellergew\u00f6lbe, wohl wissend, dass es im Dunkeln besonders laut zerbrechen kann. Was w\u00fcrden wir noch sein, wenn wir uns verlieren w\u00fcrden? So schloss Dirot seinen Text mit diesen Zeilen:<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>\u201eDas Leben hat einfach keinen Geschmack mehr. Ich habe auch keine Lust, eine Entt\u00e4uschung zu erleben, oder andere zu entt\u00e4uschen, oder zu schockieren. Leicht, fast unmerklich, bebt der Schnee. Das muss der ICE sein. Ich habe meinen Standort strategisch g\u00fcnstig gew\u00e4hlt. Selbst wenn der Lokf\u00fchrer mich sieht, wird es zu sp\u00e4t sein. [\u2026] Erschrocken \u00fcber diese Gedanken halte ich inne. Ich drehe mich um und stapfe zur\u00fcck nach Hause. Vielleicht ist ja auch bei ihr der \u00c4rger verflogen.\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Diese Geschichte hat einen Kippschalter, das Leben hat ihn oft nicht. Deshalb wei\u00df ich umso mehr zu sch\u00e4tzen, dass es auch bei uns diesen Kippschalter oft gab, wie bei seinem Unfall. \u201eIhr Freund lebt\u201c, hatte die Schwester gesagt, bevor seine Not-OP eingeleitet wurde. Schwester Jenny, ich werde nie ihren Namen vergessen, denn sie hei\u00dft wie ich. Monstr\u00f6s der Gedanke, dass wir diesen Kippschalter irgendwann nicht mehr auf \u201eLeben\u201c stellen k\u00f6nnen und einer von uns vor dem anderen gehen muss. Trostvoll die Vision, dass gerade die Geschichten, die vom Leben und vom Lieben gezeichnet sind, in unserer Fantasie, in unseren Gedanken und Gef\u00fchlen unsterblich sind und somit auch unsere Verbundenheit. Der einzige Tod, den ich jedoch bis dahin in unserer Beziehung leben m\u00f6chte, ist der &#8222;petite mort&#8220;!<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kolumne erschien in der Maiausgabe 2024 der \u201eDRUNTER + DR\u00dcBER\u201c, zum Thema \u201eSex und Tod\u201c. Das aktuelle Magazin f\u00fcr Endlichkeitskultur gibt\u2019s hier als Print- und Digitalfassung (nicht f\u00fcr Screen Reader geeignet): <a href=\"https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"484\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Jenny-und-Dirk-484x1024.jpg\" alt=\"Auf dem Bild sind zwei Personen zu sehen, eine Frau und ein Mann. Die Frau tr\u00e4gt ein schwarzes Kleid mit roten Herzmotiven, eine rote Baskenm\u00fctze und eine rote herzf\u00f6rmige Sonnenbrille. Sie h\u00e4lt eine CD in der Hand, auf der &quot;Liebe mit Laufmaschen&quot; steht. Der Mann tr\u00e4gt ein schwarzes T-Shirt und eine schwarze Schirmm\u00fctze. Er h\u00e4lt ein Buch mit dem Titel &quot;Liebe mit Laufmaschen&quot; in der Hand. Beide stehen vor einer hellen Wand. (Bildbeschreibung von Be My AI)\" class=\"wp-image-804\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Jenny-und-Dirk-484x1024.jpg 484w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Jenny-und-Dirk-142x300.jpg 142w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Jenny-und-Dirk-727x1536.jpg 727w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2024\/09\/Jenny-und-Dirk.jpg 757w\" sizes=\"(max-width: 484px) 100vw, 484px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag mit ihrem Partner Dirk Rotsch; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorsicht zerbrechlich Seit seinem Unfall wei\u00df ich, dass man einen Menschen nicht nur ganz nah sp\u00fcren kann, wenn man mit ihm verbunden ist, sondern auch, wenn man von ihm getrennt wird. 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