{"id":847,"date":"2025-01-09T11:50:40","date_gmt":"2025-01-09T11:50:40","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=847"},"modified":"2025-01-09T11:56:09","modified_gmt":"2025-01-09T11:56:09","slug":"heimat-und-tod","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/heimat-und-tod\/","title":{"rendered":"&#8222;Heimat und Tod&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Als sie fortging<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich lag auf dem aufgeklappten Schlafsofa meiner Oma und kuschelte mich eng an sie. Am Vorabend hatten wir in einem Nachrichtenbeitrag einen Tross fl\u00fcchtender Menschen gesehen. Die traurigen Fernsehbilder mussten sie getriggert haben. Sie begann im Schutze zahlreicher Sofakissen ihre fr\u00fche Lebensgeschichte in meine hellwachen Kinderohren hineinzuerz\u00e4hlen, eine Geschichte von verlorener Heimat, zerst\u00f6rter Jugend, Trauma und Tod.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch die Vertreibung aus Schlochow bei Danzig wurde 1945 ein gro\u00dfer Teil unserer Familie ausgel\u00f6scht. Meine Oma berichtete von ihrem Vater, der sich in einem so schlechten Zustand befunden hatte, dass sie ihn in einer Schubkarre transportieren mussten. Die Folgen der Vertreibung \u00fcberstand er nicht. Unterwegs hatten sie sich mit Bauchtyphus angesteckt. Es passierte, als sie vollkommen ausgehungert in ein Haus eingekehrt waren, um dort etwas zu Essen zu bekommen. Sie erinnerte sich, dass sie zusammen mit Mutter und Tante in ein Bett gelegt wurde. Als meine Oma von ihren unz\u00e4hligen Toiletteng\u00e4ngen zur\u00fcckgekehrt war, fand sie beide Frauen nicht mehr vor. Auch sie hatten nicht \u00fcberlebt. Aus dem Buch der Familie interpretiere ich, dass es au\u00dferdem noch eine Schwester getroffen haben musste. Dies ist nat\u00fcrlich nur eine Facette von kriegsbedingtem Leid, die in unserer Erinnerungskultur nicht kontextlos betrachtet werden darf.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Eltern meiner Oma hatten vor der Vertreibung aus Schlochow einen Bauernhof betrieben. Sie erz\u00e4hlte mir oft, wie sie als kleines M\u00e4dchen die K\u00fche geh\u00fctet und ihnen aus Blumen Kr\u00e4nze geflochten hatte, die sich die Tiere munter von den H\u00e4lsen futterten. Sie berichtete vom Buttern und vom Backen. Die Brote wurden in einen gro\u00dfen Frau-Holle-Ofen geschoben. In den schneereichen Wintern spannten die Kinder die beiden Pferde Lise und Lotte vor den Schlitten und lie\u00dfen die Gl\u00f6ckchen rasseln. Im Sommer setzte sich meine Oma gern an die nahegelegene Ostsee und erfreute sich an den Wellen, die ihre F\u00fc\u00dfe sanft umsp\u00fclten. In der Schule schrieben sie damals noch auf Schiefertafeln. Ihren geliebten Vater hatte meine Oma daf\u00fcr gesch\u00e4tzt, dass er die Bediensteten nicht am \u201eGesindetisch\u201c, sondern gemeinsam mit der Familie speisen lie\u00df. Ihre Mutter hatte unabh\u00e4ngig von der sp\u00e4teren Vertreibung bereits zwei kleine M\u00e4dchen verloren. Eine Tochter wurde wenige, die andere nur einen Tag alt. Das war seinerzeit nicht selten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit etwa elf Jahren fand sich meine Oma in einem Kinderheim wieder, in dem es alles andere als heimelich war. Wegen des Ungezieferbefalls hatten sie allen eine \u201eBombe\u201c rasiert. Man sch\u00fcttete ihnen mitten auf den Tisch einen Haufen hei\u00dfer Kartoffeln. In den Bauch bekamen nur diejenigen etwas, die besonders schnell mit den Fingern pellen konnten. Trotz Parkinson h\u00e4tte meine Oma wohl bis ins hohe Alter noch jeden Wettbewerb gewonnen. Leider erlebte sie in der Pflegefamilie, von der sie aufgenommen wurde, durch ihre Stiefmutter und deren S\u00f6hne Tyrannei und Schikane, sodass ihre Wunden hier nicht heilen konnten. Sie diente der Familie wohl als Haushaltshilfe. Ich frage mich heute, ob meine Oma nach ihrer fr\u00fchen Kindheit in Schlochow jemals wieder die M\u00f6glichkeit hatte, eine Schule zu besuchen. Das Leben meinte es eine kurze Zeit gut mit ihr, als sie bei Menschen \u201ein Stellung\u201c kam, bei denen sie sich zuhause f\u00fchlen konnte. Aus Angst vor gewaltvoller Enteignung verlie\u00dfen diese Vertrauten jedoch in einer Nacht- und Nebelaktion Haus und Hof und meine Oma blieb mit blutendem Herzen und einem Abschiedsbrief wieder allein zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie lernte meinen Opa kennen. Auch er wurde mit seiner Familie vertrieben, aus dem nahegelegenen Danzig. Seine Schwester hatte Vergewaltigungen durch sowjetische Soldaten erlitten. Meine Gro\u00dfeltern unternahmen sp\u00e4ter von Halle aus mit einem gemieteten Auto eine Reise in ihre alte Heimat und besuchten auch das Geburtshaus meiner Oma. Ich erinnere mich an ein Foto, was sie h\u00fctete, wie einen Schatz. Wenn sie es mir zeigte, deutete sie mit dem Finger auf die teils zugemauerten Fenster und f\u00fcllte die inzwischen polnisch bewohnten Zimmer mit ihren Kindheitserinnerungen. Eine \u00fcberlebende Schwester meiner Oma war zum Zeitpunkt der Flucht erst vier Jahre alt. Sie hatten einander im Erwachsenenalter \u00fcber das DRK wiedergefunden. Von meiner Mutter wei\u00df ich, dass mein Uropa \u201eins Wasser gegangen ist\u201c, als sie selbst neun Jahre alt war. Hut, Stock und Brille hatte der von Krieg und Krankheit schwer gezeichnete Mann zuvor fein s\u00e4uberlich am Saaleufer abgelegt. Er war als guter Schwimmer bekannt. Vielleicht hatte er gehofft, seine verlorene Heimat im Suizid wiederzufinden?<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beziehung meiner Gro\u00dfeltern stand unter keinem guten Stern. Mein Opa entpuppte sich als Trinker und Schl\u00e4ger. Warum wurde er, der selbst Zeuge von so viel Gewalt und Zerst\u00f6rung war, ausgerechnet seiner Familie gegen\u00fcber zum T\u00e4ter? Vielleicht hatte er aus seinen Kindheitserlebnissen auch einen tiefsitzenden Knacks mitgenommen, was nichts entschuldigt. Verletzte Menschen verletzen Menschen. Meine Mutter f\u00fchlt sich noch heute in Alptr\u00e4umen von ihrem pr\u00fcgelnden Vater verfolgt, ruft laut um Hilfe und wacht schwei\u00dfgebadet mit der Angst auf, er w\u00fcrde betrunken neben ihrem Bett stehen. Fr\u00fcher hatte er versucht, sie mit dem Kopfkissen zu ersticken und mit einem Hammer zu attackieren, sodass sie nicht nur einmal bei den Ratten im Keller schlafen musste. Nun war sie auf der Flucht. Diese Ehe brachte auch aus meiner gebeutelten Oma den eigenen Kindern gegen\u00fcber nicht gerade die ad\u00e4quatesten Verhaltensweisen hervor. Wenn er ihr das Gesicht zerschlug, sagte sie zu seinem Schutz, dass sie auf der Treppe gest\u00fcrzt sei. Irgendwann drehte sie aus \u00dcberforderung den Gashahn auf und h\u00e4tte wohl in Kauf genommen, meine Mutter und ihre zwei Geschwister zur\u00fcckzulassen. Mir f\u00e4llt ein Zitat der Band Kraftklub ein: \u201eDoch da gibt es Unterschiede, die du irgendwann bemerkst\u201c. Ich sehe heute die Blessuren, die unsere Familie diesbez\u00fcglich pr\u00e4gten und mir wird bewusst, dass wir entscheidende Privilegien einfach nicht hatten.<\/p>\n\n\n\n<p>Je \u00e4lter ich werde, umso mehr denke ich \u00fcber die Lebensl\u00e4ufe meiner Oma und meiner Mutter nach. Wir drei Frauen hatten aus jeweils unterschiedlichen Gr\u00fcnden anspruchsvolle Kindheiten mit unterschiedlichen Herausforderungen: meine Oma die todbringende Vertreibung aus ihrer Heimat, meine Mutter ihren gewaltt\u00e4tigen Vater und ein nicht sicheres Elternhaus, ich meine schleichende Erblindung und den unverarbeiteten Ballast der vorherigen Generationen. Reproduziertes Trauma pr\u00e4gt auch das eigene Verhalten und Erleben. Irgendwie haben wir alle auf unsere Weise ein St\u00fcck Heimat verloren und mussten eine neue finden. Aber in diesen Geschichten steckt auch unendlich Liebe und Lachen. \u201eSo viel kaputt, aber so vieles nicht\u201c (Wir sind Helden). Wir hatten eine ureigene und oft auch urkomische Kreativit\u00e4t und Fantasie, f\u00fcr die wir kein Geld brauchten. &nbsp;Mit meiner Oma war ich eng verkoppelt und bin es auch noch nach ihrem Tod. Sie schenkte mir die Sicherheit und Geborgenheit, die heile Welt, die sie ihren Kindern damals nicht geben konnte. Ja, man kann sagen, dass ich, wenn ich an Heimat denke, meine Oma vor mir sehe, dann f\u00fchle ich mich aufgehoben, zwischen all ihren bunten Sofakissen in meinem Kopf. Sie, die ihre Heimat verloren hat, wird mir immer Heimat bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Kolumne erschien in der Novemberausgabe 2024 der \u201eDRUNTER + DR\u00dcBER\u201c, zum Thema \u201eHeimat und Tod\u201c. Das aktuelle Magazin f\u00fcr Endlichkeitskultur gibt\u2019s <a href=\"https:\/\/gluecklicher-montag-shop.de\/product-category\/drunterdrueber\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">hier<\/a> (externer Link) als Print- und Digitalfassung:<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als sie fortging Ich lag auf dem aufgeklappten Schlafsofa meiner Oma und kuschelte mich eng an sie. Am Vorabend hatten wir in einem Nachrichtenbeitrag einen Tross fl\u00fcchtender Menschen gesehen. Die traurigen Fernsehbilder mussten sie getriggert haben. 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