{"id":849,"date":"2025-01-09T11:58:41","date_gmt":"2025-01-09T11:58:41","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=849"},"modified":"2025-01-22T13:05:27","modified_gmt":"2025-01-22T13:05:27","slug":"mein-erster-fernsehauftritt","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/mein-erster-fernsehauftritt\/","title":{"rendered":"Mein erster Fernsehauftritt"},"content":{"rendered":"<div class=\"wp-block-image\">\n<figure class=\"aligncenter size-full\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"291\" height=\"378\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Punkerin.jpg\" alt=\"Das Bild zeigt eine Frau, die alternative Punk-Kleidung tr\u00e4gt. Sie tr\u00e4gt schwarze Stiefel, schwarze Str\u00fcmpfe, wei\u00dfe Unterw\u00e4sche und ein schwarzes Oberteil. Im Hintergrund ist eine verwischte Wand mit einem gro\u00dfen, rot gespr\u00fchten Anarchie-Symbol (A in einem Kreis) zu sehen. Der Fokus liegt auf ihrem Stil und der rebellischen \u00c4sthetik, mit einem eher dunklen, kontrastreichen Farbschema.\" class=\"wp-image-857\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Punkerin.jpg 291w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/Punkerin-231x300.jpg 231w\" sizes=\"(max-width: 291px) 100vw, 291px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Punkerin; bearbeiteter Ausschnitt des Covers vom H\u00f6rbuch &#8222;M\u00e4rchenland im M\u00fcll&#8220; (periplaneta)<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n<p>Wer glaubt, ich erz\u00e4hle jetzt spannende Storys \u00fcber mein erstes TV-Casting oder meine fr\u00fchen Promi-Talks, der irrt. Auf dem Fernsehbildschirm landete ich bereits viele Jahre zuvor und das ziemlich unfreiwillig. Spielort? Halle Hauptbahnhof. B\u00fchnenoutfit: Frisch gef\u00e4rbtes Punkerpink im Haar, Lederjacke mit reichlich Edding-Beschriftung und Kettengerassel, Sid-Vicious-Vorh\u00e4ngeschloss um den Hals, instabile Hose, daf\u00fcr stabiles Stiefelwerk. Das Requisit: eine Flasche hochprozentigen Getr\u00e4nkeinhalts, die ich theatralisch zum Munde f\u00fchrte. Tada, das Intro der Story stand! Sie hatten ihre B\u00fcrgerschreckikone. Auf jeden Fall ein stimmiges Klischee f\u00fcr die Kamera, wenn man Punks und Aussteigerkids rund um den Hauptbahnhof abfilmen wollte. F\u00fcr mich nicht so stimmig, weil ich nicht gefragt wurde. Vielleicht war das die Zeit, in der ich begann, mit Journalist*innen Probleme zu bekommen, denn ich hatte ihretwegen Probleme bekommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich hatte die Sendung jeder gesehen. Es war ja auch Spiegel-TV. Und ich staunte selbst nicht schlecht, wie gro\u00df die mich gezogen hatten. Im Passantengewimmel hatte ich das Kamera-Team erst registriert, als es schon zu sp\u00e4t war. Sie hatten mich im Kasten. Zoom, der Abschaum von Halle, rein in die Wohnzimmer der Menschen, die sich angesichts dieses Kontrasts wie etwas Besseres f\u00fchlen konnten, wollten oder sollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei erlebte ich mich zu diesem Zeitpunkt alles andere als asozial, ich definierte mich sogar als hoch sozialen Menschen. Ich absolvierte gerade im Rahmen meines Fachabis f\u00fcr Sozialwesen ein Praktikum in einem Pflegeheim. Dort f\u00fctterte, wusch und windelte ich drei Tage in der Woche alte Menschen, teilte am Morgen die Gebisse und Medikamente aus und befeuchtete kurz vor Feierabend die Lippen der Sterbenden mit Zitronenst\u00e4bchen. Da ich Sch\u00fclerin war und nicht Pflege-Azubi, sollte ich laut Praktikumsvertrag eigentlich nur die Arbeitsprozesse im Altenheim kennenlernen, mitlaufen und verschriftlichen, aber ich wurde vollst\u00e4ndig in den Betrieb mit eingebunden. Meine anderen Sinne mussten kr\u00e4ftig mithelfen, weil ich bereits verdammt schlecht sehen konnte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ich war ein Integrationsexperiment der Nachwendezeit<\/h3>\n\n\n\n<p>Vom Sozialverhalten meiner Mitmenschen war ich allerdings wenig \u00fcberzeugt. Ich war ein schulisches \u201eIntegrationsexperiment\u201c der Nachwendezeit gewesen und bin mit 14 Jahren in ein System hineingepuzzelt worden, was daf\u00fcr einfach noch nicht bereit war. Die Lehrerschaft sprach damals von einer Ellenbogengesellschaft und viele meiner Mitsch\u00fcler*innen definierten sich \u00fcber Trend- und Markenklamotten oder r\u00fchmten sich mit den vermeintlich besseren Berufen ihrer Eltern. Unser Gymnasium lag in einem Neubauviertel, nahe an sozialen Brennpunkten, was Konkurrenzgedanken und Mobbing denen gegen\u00fcber beg\u00fcnstigte, die anders aussahen oder irgendwie nicht zum Sound dieser Schule passten. Ich war eine Teenagerin mit starken Brillengl\u00e4sern, die \u201eHalbblinde\u201c, die man verlachte, einkesselte, mit ekligen Dingen bewarf und der man absichtlich Stolperfallen in den Weg stellte. Dabei hatte ich mich so auf das neue Schuljahr gefreut, war eine der wenigen, die aus der Glasglocke der Sehbehindertenschule auf ein \u201enormales\u201c Gymnasium gehen durften. Auf der Regelschule jedoch war man auf meine Augenerkrankung wenig vorbereitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schikanen gingen manchmal schon an der Haltestelle los, bevor ich \u00fcberhaupt richtig angekommen war. Ich traute mich nicht allein ins Geb\u00e4ude hinein, selbst j\u00fcngere Sch\u00fcler*innen stellten sich mir in den Weg und lie\u00dfen mich die Treppen hoch- und runterstolpern, sodass ich die Orientierung verlor. Oft fand ich meinen Rucksack und die R\u00e4ume nicht, war ungeschickt, unbeholfen, ich wollte, aber ich konnte nicht dazu geh\u00f6ren. Ich tr\u00e4ume heute noch manchmal davon, den Anschluss zu verpassen, dann stehe ich allein im Klassenraum und sehe nicht, wo die anderen hingegangen sind. So vers\u00e4ume ich im Geiste die n\u00e4chste Unterrichtsstunde oder eine wichtige Klassenarbeit. Mein Schulalltag wurde damals zu einem gehetzten Hinterherrennen. Meine ohnehin gesch\u00e4digten Augen waren st\u00e4ndig \u00fcberlastet. F\u00fcr Klassenarbeiten bekam ich zwar etwas l\u00e4nger Zeit, das f\u00fchrte jedoch zu Missgunst und Neid bei Mitsch\u00fcler*innen, die vorher eigentlich ok zu mir waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hofpausen dienten nicht der Erholung, sondern mussten von den sehbehinderten Sch\u00fcler*innen daf\u00fcr genutzt werden, sich unz\u00e4hlige Buchseiten f\u00fcr den Unterricht mit dem Kopierer vergr\u00f6\u00dfern zu lassen. Bei meiner Augenkrankheit, einem immer enger werdenden Tunnelblick, halfen Vergr\u00f6\u00dferungen nicht und bewirkten eher das Gegenteil. Leider gaben die damaligen Beratungslehrer*innen diesbez\u00fcglich nicht die n\u00f6tigen Informationen \u00fcber die verschiedenen Sehbehinderungen weiter. Was bei der einen&nbsp;ratsam ist, kann bei einer anderen kontraproduktiv sein. Damals konnte ich das noch nicht reflektieren, zweifelte an mir, weil andere sehbehinderte Sch\u00fcler*innen besser zurechtkamen. So konnte sich eine Freundin, die noch ein gr\u00f6\u00dferes r\u00e4umliches Sehen hatte, an der Schule auch besser orientieren. In einem gemeinsamen Referat durften wir einmal \u00fcber das Thema Behinderung sprechen. Aber ausgerechnet ein M\u00e4dchen, dessen Mutter Augen\u00e4rztin war, hetzte besonders gegen uns Integrationssch\u00fcler*innen. Eine Brille h\u00e4tten schlie\u00dflich viele und die seien auch nicht behindert. Ich lebte jedoch mit der unheilbaren Augenkrankheit Retinopathia pigmentosa, die perspektivisch zur Erblindung f\u00fchren w\u00fcrde und schon heftig an meiner Netzhaut knabberte. Da half auch keine Brille.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Erfahrung, nicht dazuzugeh\u00f6ren<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Gymnasium wurde von einer Lehrerin unserer Sehbehindertenschule beraten, die mich einmal so heftig in den Hintern getreten hatte, dass ich in die Ecke fiel. Sie war eine kr\u00e4ftige Frau und ich hatte nichts entgegenzusetzen. Ich traute mir nur selten, zuhause davon zu erz\u00e4hlen, denn das h\u00e4tte ich dann in der Schule als Retourkutsche zu sp\u00fcren bekommen. Diese Lehrerin hatte sogar einmal gesagt, sie wolle mir Zyankali ins Getr\u00e4nk mixen. Klar h\u00e4tte sie das nicht gemacht. Aber warum \u00fcberhaupt gedacht und warum fand ich das alles damals so normal von einer so genannten \u201eVertrauenslehrerin\u201c? Ich war mir h\u00f6chst peinlich, meine Probleme schienen mir unl\u00f6sbar und \u00fcberdimensional. Ich erkannte das Tafelbild nicht mehr, konnte mit dem Sehrest nur holpernd laut vorlesen und traute mir nichts mehr zu. Wenn ich irgendwo dagegen lief oder \u00fcber etwas stolperte, machte ich mich immer wieder zum Gesp\u00f6tt bestimmter Mitsch\u00fcler*innen. Ich zog mich zunehmend in mich zur\u00fcck. Da wir nicht von Kindesbeinen an zusammengewachsen waren und es keine engen Freundschaften gab, blieb ich Au\u00dfenseiterin. Manche aus meiner Klasse haben auch das ganze Schuljahr lang nicht ein Wort mit mir gewechselt. Wenn es auch einzelne Bem\u00fchungen gab, \u00fcberwog doch die Erfahrung, nicht dazuzugeh\u00f6ren. Zur Klassenfahrt traute ich mich am Ende nicht mitzufahren. In der betreffenden Woche sollte ich in eine der Parallelklassen gehen. Gleich am ersten Tag wurde ich dort so durchgemobbt, dass ich den Rest der Woche drau\u00dfen auf der Parkbank verbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wusste nicht mehr ein noch aus. Ich wollte keinen entt\u00e4uschen, nicht die Integrationslehrer*innen, meine Mitsch\u00fcler*innen, aber vor allem nicht meine Eltern. Sie hatten in der Umschwungszeit nach der Wende ganz eigene Herausforderungen zu stemmen. Mein Vater hatte zu DDR-Zeiten Autoschlosser gelernt und war nun Tag und Nacht als Fernfahrer unterwegs. Meine Mutter musste von der Kinderg\u00e4rtnerin zur Sozialarbeiterin umschulen und k\u00fcmmerte sich um andere Wendeopfer. Ich wollte, dass sie stolz auf mich sind und ihnen wegen meiner Behinderung nicht unangenehm sein. Ich hatte verinnerlicht, dass ich sie mit Leistung gl\u00fccklich machen konnte. Wenn jedoch wegen meiner Augen etwas nicht funktionierte und ich Verzweiflung zeigte, gefror meine Mutter zu Eis und mein Vater wurde richtig w\u00fctend, was auch mit ihrer eigenen Geschichte zu tun hatte. Sie, die immer f\u00fcr mich da waren, wurden in solchen Momenten f\u00fcr mich Fremde. Ich schloss daraus, dass ich schuld bin, weil ich sie traurig gemacht hatte. Tr\u00e4nen machten Angst, sie triggerten auch bei meinen engsten Menschen unangenehme Gef\u00fchle. Deshalb schritten wir lieber zur Tagesordnung \u00fcber und ich \u00fcbernahm diese \u00e4u\u00dferen Verh\u00e4rtungen, denen ich mein sp\u00e4teres Pokerface zu verdanken hatte. Einmal hatte ich mich so wahnsinnig gesch\u00e4mt, als ich mit leeren H\u00e4nden aus der Kaufhalle zur\u00fcckgekommen war, weil ich in den Regalen nichts mehr erkennen konnte. Auch die Verk\u00e4uferin hatte mich gedem\u00fctigt, als ich sie wegen meiner Augen um Hilfe bat. Das war mir schon mehrfach passiert. Auf dem R\u00fcckweg hatte sich auch noch eine Gruppe Jugendlicher \u00fcber mich lustig gemacht, weil ich \u00fcber eine Hundeleine gefallen war. Zuhause angekommen begegnete mir statt Trost und Verst\u00e4ndnis Schimpf und Schelte. Ich kam mir vor, wie der letzte Trottel und hatte furchtbare Angst vor meiner Erblindung. Ich verdr\u00e4ngte diese Gef\u00fchle, denn der Versuch, dar\u00fcber zu sprechen, war in pr\u00e4genden Situationen gescheitert. Damit sie meinen Erblindungsprozess nicht so schwer nahmen, wurde ich sp\u00e4ter durch mein scheinbar \u00fcberlegenes Verhalten oft zur Tr\u00f6sterin meiner Eltern. Inzwischen haben wir viel voneinander gelernt und ihnen gilt meine unendliche Liebe und Dankbarkeit. Ich wei\u00df, dass sie zu jeder Zeit das allerbeste, was ihnen m\u00f6glich war, f\u00fcr mich getan haben. Aber wie in vielen Familien war es damals noch nicht so \u00fcblich, \u00fcber unbequeme Themen zu reden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Erblindungssch\u00fcbe<\/h3>\n\n\n\n<p>Mein Notendurchschnitt auf dem Gymnasium hatte jedenfalls ordentlich gelitten, so auch mein Selbstwertgef\u00fchl. Ich musste zur\u00fcck in die Sehbehindertenschule. Triumph f\u00fcr alle, die mich in der \u201eNormalschule\u201c scheitern sahen. Ich war froh, dass ich nun wieder mit meinen alten Freund*innen zusammen sein konnte, die aber von meinen Erfahrungen wenig ahnten. Bei meinem Fachabitur klappte es dann besser. Ich ging mit 16 erneut an eine Regelschule. In der 11. Klasse waren meine Mitsch\u00fcler*innen auch etwas erwachsener und wollten alle in soziale Berufe. Mobbing war kein Thema. Die fachliche Ausrichtung der Ausbildung entsprach ganz meinen Potenzialen und meinem sp\u00e4teren Studienwunsch. Auch wenn man mir an dieser Schule wohlgesonnener war, erlitt ich hier meine ersten merklichen Erblindungssch\u00fcbe. An manchen Tagen sah ich so schlecht, dass ich nicht wusste, wie ich Exkursionen oder gar den eigenen Schulweg bew\u00e4ltigen sollte. Als Kind war ich oft besch\u00e4mt worden, wenn ich zugab, etwas nicht zu sehen. Ich solle mich nicht anstellen, wie der erste Mensch im Weltall, wurde dann von den Erwachsenen gesagt. So hatte ich \u00dcberspielen und \u00dcberkompensieren gelernt, jedoch keine echten Empowerment-Strategien. Das wirkte sich nun aus. Ich tat, als ob ich klar k\u00e4me, weil das sozial erw\u00fcnscht war und fand allerlei komische Ausreden, um nicht zugeben zu m\u00fcssen, dass ich etwas nicht sah. Bei ung\u00fcnstigen Lichtverh\u00e4ltnissen lief ich blind vor Blend- und Schattenw\u00e4nde und meine Gef\u00fchle kamen nicht hinterher. Zu meinem eigenen Abiball ging ich nicht aus Angst, \u00fcber Tische und B\u00e4nke zu stolpern. Bat ich darum, mich unterhaken zu d\u00fcrfen, war man irritiert, weil mir nicht anzusehen war, wie zerst\u00f6rt meine Netzhaut inzwischen war. Die Phase zwischen hochgradiger Sehbehinderung und Erblindung war kommunikativ wirklich schwierig, weil meine Mitmenschen meinen Zustand nicht einordnen konnten und sagten: \u201eDa hat sie schon eine Brille auf und kann trotzdem nicht gucken.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Die Punk-Szene gab mir immensen Halt<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Punk-Szene gab mir immensen Halt. Sie war auch der Grund f\u00fcr meinen Entschluss, gegen Unrecht und soziale Missst\u00e4nde anzugehen und mich in diesem T\u00e4tigkeitsfeld ausbilden zu lassen. Ein naives Popcorn-Girl wurde aus mir nicht mehr. Ich wollte Streetworkerin werden. Nicht die beste Vision, wenn man gerade drohte zu erblinden. Ich machte meine Hausaufgaben zwischen den bunten Jungs und M\u00e4dels, die ich nach der Schule in der City traf. \u201eBorn to lose\u201c hatte mehr mit mir zu tun als ich mir damals eingestehen wollte. Unsere Szene beherbergte Kids, die alle irgendetwas verloren hatten. Einige hatten ihre Eltern oder ihr Zuhause verloren und lebten auf der Stra\u00dfe, andere b\u00fc\u00dften dort durch Prostitution viel zu fr\u00fch ihre Unschuld ein und andere durch Drogen ihr junges Leben. Ich hingegen sollte bald mein Augenlicht verlieren, ich wusste nur noch nicht genau wann. W\u00e4hrend sich die Terrort\u00fcsschen auf dem Gymnasium konkurrenzk\u00e4mpfend in eine erfolgreiche Zukunft visualisiert hatten, konnte ich im wahrsten Wortsinn zunehmend intensiver mit dem Finger dran f\u00fchlen, dass Zerbrechlichkeit, Sterblichkeit und Verlorenheit ebenso zum Leben geh\u00f6rten und dass eben dieses Leben manchmal etwas anderes mit einem vorhatte, als man sich w\u00fcnschte. Meine Clique, ein ganz sch\u00f6n r\u00fcder Haufen, hatte mich stark gegen die Welt gemacht. Ich wei\u00df nicht, ob ich in diese extreme Szene gegangen w\u00e4re, wenn ich in der 9. Klasse bei den Marken-M\u00e4dels besser weggekommen w\u00e4re. Punkerin zu sein hat mich aber auf jeden Fall davon abgehalten, mich resigniert im Kinderzimmer zu verkriechen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Inklusion gelingt nur durch Inklusion<\/h3>\n\n\n\n<p>Ich bin als sehbehinderte Sch\u00fclerin mit dem Leit(d)Satz aufgewachsen: \u201eDu musst immer zehnmal besser sein als die Menschen ohne Behinderung, um in der Gesellschaft etwas wert zu sein\u201c. Ich nahm mir die Worte der Erwachsenen sehr zu Herzen und sah nicht wie unfair es war, die Verantwortung allein auf den Schultern eines behinderten Kindes abzuladen. Es geht nicht darum, dass jeder Mal geh\u00e4nselt wird, das vertr\u00e4gt man in einem gesunden Klassenkollektiv, es geht um verhinderte Dazugeh\u00f6rigkeit, was die Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung eines Menschen nachhaltig st\u00f6ren kann. Heute wei\u00df ich, dass viele Zahnr\u00e4der ineinander greifen m\u00fcssen, damit Inklusion an der Schule gelingen kann: die passenden Hilfsmittel, die Haltungen der Mitsch\u00fcler*innen und deren Umfelder gegen\u00fcber behinderten Menschen, die Unterst\u00fctzungsm\u00f6glichkeiten der eigenen Eltern, die Qualifikation der Lehrer*innen, die Mitarbeit der Beh\u00f6rden, die Ber\u00fccksichtigung sozialer Brennpunkte, die politische Situation. Meine Erfahrungen sollen aber kein \u201egefundenes Fressen\u201c f\u00fcr Inklusionsgegner*innen sein. Wenn etwas nicht gut gemacht ist, m\u00fcssen wir es eben besser machen, nicht weglassen. Inklusion gelingt nur durch Inklusion! Sch\u00fcler*innen sind aber keine Experimente, deshalb \u201eOpfer bringen\u201c nicht falsch verstehen!<\/p>\n\n\n\n<p>In meinen Punk-Jahren rebellierte ich gegen meine anstehende Erblindung, die Werte, mit denen ich mich nicht identifizieren konnte, gegen diese absurde Scheinheiligkeit in der erbl\u00fchenden kapitalistischen Gesellschaft. Spiegel-TV machte es nicht besser. Wem sollte hier eigentlich der Spiegel vorgehalten werden? V\u00f6llig klar, am Praktikumsplatz wurde hinter meinem R\u00fccken heftig geredet. Und ausgerechnet jetzt erfuhr ich an einer Stelle Solidarit\u00e4t, wo ich nicht damit gerechnet h\u00e4tte. Ich h\u00f6rte, wie meine Pflegedienstleiterin mich verteidigte: \u201eHabt ihr mal in ihr Zeugnis geschaut? Sie ist unsere einzige Praktikantin, die mit einem Einserdurchschnitt hier eingestiegen ist. Und sie ist sich nicht zu fein, die Toiletten sauber zu machen. Das M\u00e4dchen ist hochgradig sehbehindert, auch wenn man ihr das nicht anmerkt. Sie sieht nur noch f\u00fcnf Prozent, aber versteckt sich nicht vor der Arbeit. Andere sitzen im Aufenthaltsraum und tratschen.\u201c Wow, das tat gut und ich sollte in meinem Werdegang noch \u00f6fter erfahren, wie entscheidend es f\u00fcr die eigene Lebensperspektive sein kann, ob ein Mensch f\u00fcr einen Partei ergreift oder sich dem Mob anschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<p>An diesem Praktikumsplatz jedenfalls hingen entscheidende Punkte f\u00fcr mein Abitur. Mein unfreiwilliger TV-Auftritt h\u00e4tte mir hier also m\u00e4chtig was versauen k\u00f6nnen. Ich habe heute noch Probleme mit dem Abfilmen von Menschen, von denen Journalist*innen glauben, auf diese \u201eSozialopfer\u201c k\u00f6nne man draufhalten, denn die werden sich juristisch nicht wehren. Die Absicht ist die Inszenierung einer Freakshow und die Spaltung der Gesellschaft, nicht die Aufkl\u00e4rung eines Missstands. Ich war damals weit davon entfernt, selbst Journalistin zu sein, denn dieser Berufsstand war f\u00fcr mich der Endgegner. Aber ich wollte meine Situation und die Lebenswelt meiner Freund*innen authentisch erz\u00e4hlen. Deshalb beschrieb ich sp\u00e4ter in meinem Buch \u201eM\u00e4rchenland im M\u00fcll\u201c unter dem Pseudonym Constance S. diese f\u00fcr mich sehr zerrissene Zeit in zerrissenen Klamotten, zwischen Erblindungssch\u00fcben und Subkultur. Und ich ver\u00e4nderte Namen, Geschlechter und Orte so, dass vulnerable Personen gesch\u00fctzt blieben. Auch die Situationen auf den Fotos stellten wir nach.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine erste freiwillige Begegnung mit dem Fernsehen sah dann ganz anders aus. Aber eine Parallele gab es doch. Auch hier war es mein au\u00dfergew\u00f6hnlicher Look, von dem sich das visuelle Medium angezogen f\u00fchlte.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer glaubt, ich erz\u00e4hle jetzt spannende Storys \u00fcber mein erstes TV-Casting oder meine fr\u00fchen Promi-Talks, der irrt. Auf dem Fernsehbildschirm landete ich bereits viele Jahre zuvor und das ziemlich unfreiwillig. Spielort? Halle Hauptbahnhof. B\u00fchnenoutfit: Frisch gef\u00e4rbtes Punkerpink im Haar, Lederjacke mit reichlich Edding-Beschriftung und Kettengerassel, Sid-Vicious-Vorh\u00e4ngeschloss um den Hals, instabile Hose, daf\u00fcr stabiles Stiefelwerk. 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