{"id":852,"date":"2025-01-09T12:39:36","date_gmt":"2025-01-09T12:39:36","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=852"},"modified":"2025-02-06T14:55:58","modified_gmt":"2025-02-06T14:55:58","slug":"wo-sind-all-die-anderen-blinden-tv-frauen","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/wo-sind-all-die-anderen-blinden-tv-frauen\/","title":{"rendered":"Wo sind all die anderen blinden TV-Frauen?"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/656573389745f65f456cc76b-768x1024.jpg\" alt=\"Eine elegante Frau in schwarzer Kleidung sitzt auf einem Hocker vor einer gelben Wand, beleuchtet von einem hellen LED-Licht. Sie h\u00e4lt einen zusammengeklappten Blindenstock in den H\u00e4nden. Im Vordergrund ist eine professionelle Fernsehkamera zu sehen, die auf die Person gerichtet ist. Der Raum ist modern eingerichtet, mit einem grauen Sofa und einem gemusterten Teppich im Hintergrund.\" class=\"wp-image-853\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/656573389745f65f456cc76b-768x1024.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/656573389745f65f456cc76b-225x300.jpg 225w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/656573389745f65f456cc76b-1152x1536.jpg 1152w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/656573389745f65f456cc76b-1536x2048.jpg 1536w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/656573389745f65f456cc76b-1200x1600.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2025\/01\/656573389745f65f456cc76b.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 768px) 100vw, 768px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag vor der Kamera; Foto: privat<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als kleines M\u00e4dchen stellte ich mir manchmal vor, wie es w\u00e4re, eine Fernsehmoderatorin zu sein. Ich bestaunte die Frauen auf dem Bildschirm, die so versiert auf ihr Blatt und mir dann wieder direkt ins Gesicht blickten. Die Erwachsenen sagten zu mir, dass man f\u00fcr einen solchen Beruf \u201egute\u201c Augen br\u00e4uchte. Ich war bereits hochgradig sehbehindert und w\u00fcrde zuk\u00fcnftig erblinden. So verga\u00df ich diesen Kindheitswunsch f\u00fcr eine sehr lange Zeit. Heute bereitet es mir gro\u00dfes Vergn\u00fcgen, dem kleinen M\u00e4dchen von damals \u201eHigh Five\u201c zu geben, denn viele Jahre sp\u00e4ter moderierte ich als blinde TV-Frau meine eigenen Fernsehformate.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was ich vermisste: Ein Rollenmodell \u201eBlinde Fernsehmoderatorin\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Was ich vermisste, als ich begann vor der Kamera zu arbeiten, war eine blinde Kollegin im deutschen Fernsehen, ein weibliches Rollenmodell, von dem ich lernen konnte. Ich h\u00e4tte sie gern gefragt: \u201eWie machst du das mit deiner Garderobe, deinen Maskenbildnerinnen und Dreh-Teams, mit der Recherche optischer Inhalte und deinen Moderationskarten? Kurz vor meiner Erblindung hatte ich in einem Dokumentarfilm eine charismatische blinde Nachrichtensprecherin gesehen, die f\u00fcrs spanische Fernsehen arbeitete, ein Bild, was sich in meine Netzh\u00e4ute brannte. Warum fand ich das nicht in Deutschland? Obwohl ich gerade mein Augenlicht verlor, blieb ich in engem Dialog mit dem Sehen und der Sichtbarkeit. Bilderwelten faszinierten und schmerzten mich zugleich. Ich entwickelte eigene Tricks und Kniffe, um mich darin zu orientieren und um damit arbeiten zu k\u00f6nnen. F\u00fcr blinde Fernsehjournalistinnen gab es kein Studienmaterial und keine ad\u00e4quaten Hilfsmittel, weil man nat\u00fcrlich davon ausging, dass Fernsehen nur Sehende machen. Aber mein Credo war stets: Fernsehen und Nichtsehen widersprechen sich nicht!<\/p>\n\n\n\n<p>In meinem Talk-Format \u201eSonntagsFragen\u201c, welches ich insgesamt 10 Jahre f\u00fcr MDR-\u201eSelbstbestimmt!\u201c moderieren durfte, interviewte ich \u00fcber 90 prominente Gespr\u00e4chsg\u00e4ste aus Film und Fernsehen, Sport und Politik, Kultur und Musik. Ich bekam neben der Magazinfassung sogar einen Sendeplatz f\u00fcr ein eigenst\u00e4ndiges Format. Sp\u00e4ter sprach ich dann in meiner MDR-Kolumne innerhalb unserer Sendung \u201eMit anderen Augen\u201c \u00fcber Themen, die mich rund um Inklusion und Teilhabe, Barrierefreiheit und Selbstbestimmung bewegten. Meine Talk- und Kolumnenformate wurden insgesamt 14 Jahre auch auf vielen anderen Programmen der ARD-Senderfamilie \u00fcbertragen. Ich dachte damals, dass wir es geschafft h\u00e4tten und blinde Menschen nun viel h\u00e4ufiger als Moderator*innen oder Schauspieler*innen im Fernsehen zu sehen sein w\u00fcrden. Ich ahnte nicht, wie ich mich geirrt hatte.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Mehr Blinde beruflich beim Fernsehen, wie ich mich geirrt hatte!<\/h3>\n\n\n\n<p>Anfangs sah ich mich nicht als Journalistin, denn ich hatte mich f\u00fcr das Studium der Sozialp\u00e4dagogik entschieden und bereits pr\u00e4gende Jahre in diesem Beruf gearbeitet. Ich hatte ein \u00fcberwiegend komisches Bild von Journalist*innen, da sie ein \u00fcberwiegend komisches Bild von mir hatten. Im Rahmen meiner Moderatorinnenrolle beim Fernsehen wurde es mir jedoch immer wichtiger, etwas gegen Ableismus in der Medienlandschaft zu tun. Ich qualifizierte mich stetig journalistisch weiter und fragte mich zunehmend, warum es so wenige von uns nicht nur vor der Kamera, sondern auch hinter den Kulissen gab. Auch wir wollten uns zu gesellschaftspolitischen Belangen \u00e4u\u00dfern und zu unseren Themen sollte schon gar nicht ohne uns \u00fcber uns gesprochen werden. Aber wie kam ich nun von der Sozialp\u00e4dagogik zum Fernsehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fernsehen war zu Gast in der Einrichtung, f\u00fcr die ich damals als Sozialp\u00e4dagogin im Bereich der \u00d6ffentlichkeits- und Rehabilitationsarbeit t\u00e4tig war. Urspr\u00fcnglich sollte eine Langzeitdoku zur Rehabilitation blinder Menschen entstehen. Dann kam aber alles anders. Das Team wurde auch in mein B\u00fcro geschickt. Ich hatte als erblindete junge Frau wohl einen f\u00fcr den Zeitgeist relevanten Blick auf die Dinge und durch meinen Gothic-Style einen selbstbestimmten Look. Au\u00dferdem hatte ich bereits meine ersten beiden B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht: eines \u00fcber die Stra\u00dfenpunk- und Drogenszene meiner Heimatstadt und eines \u00fcber mein Erblinden als junge Frau. Das veranlasste die Fernsehmenschen spontan dazu, die Kamera anzuschmei\u00dfen und einen Probedreh mit mir zu machen. Kurz darauf begleitete mich die Sendung \u201eSelbstbestimmt!\u201c dann f\u00fcr ein erstes Portrait in Beruf und Alltag und kam sogar mit aufs Wave-Gotik-Treffen. Danach erhielt ich die Anfrage der Redaktion, ob ich Lust h\u00e4tte, prominenten Menschen aus meiner Sicht als junge Autorin unkonventionelle Fragen zu stellen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">\u201eMit Menschen arbeiten kann ich und Promis sind auch nur Menschen\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Mein erster Gedanke war: \u201eMit Menschen arbeiten kann ich, das ist ja mein Beruf. Promis sind auch nur Menschen\u201c. Dann ging es zum Casting ins damalige \u201eHier ab 4\u201c-Studio nach Leipzig. Das war aufregend, denn das Studio kannte ich selbst nur als Zuschauerin aus dem Nachmittagsfernsehen. Ich wurde dann tats\u00e4chlich f\u00fcr das geplante Format genommen, die \u201eSonntagsFragen\u201c standen und wir drehten die ersten beiden Piloten mit Enie van de Meiklokjes in Berlin und Reinhold Messner in S\u00fcd Tirol.<br>Es geh\u00f6rte zum Konzept der Sendung, dass ich f\u00fcr meine Looks selbst verantwortlich war und eben gerade als blinde Frau zeigte, dass ich einen selbstbestimmten Stil lebte. Das bedeutete, dass ich mich, ohne pr\u00fcfend in den Spiegel schauen zu k\u00f6nnen, immer wieder eigenen Kleiderschrankfragen stellte. Ich kam fernsehfertig angezogen zum Drehort und wenn wir mehrere Themen produzierten, hatte ich zwei oder drei Outfits dabei, die auf den Punkt sein mussten. Das war aufw\u00e4ndig f\u00fcr mich, denn ich plante das alles eigenst\u00e4ndig und stellte mir im Kopf vor, was wie vor der Kamera wirken k\u00f6nnte. Ein Fauxpas passierte mir nur einmal, als ich in der Eile zwei verschiedenfarbige High Heels einpackte, die sich auf den ersten Griff relativ gleich anf\u00fchlten. Ein kleiner Schmerz ist, dass mich das Publikum im Laufe der Jahre erwachsener werden sah, w\u00e4hrend ich meine Beitr\u00e4ge ja selbst nie anschauen konnte. Das bedeutete auch Kontrollverlust. Sollte ich irgendwann wieder sehen k\u00f6nnen, w\u00e4re ich sicher schwer \u00fcberrascht, wie sich meine Arbeit visuell darstellte. Schade fand ich auch, dass viele davon ausgingen, dass das Fernsehen mich einkleidete und mir dieses Thema vollkommen abgenommen wurde. Aber das ging mir auch bei inhaltlichen Aspekten so und ich musste manchmal erkl\u00e4ren, dass ich die Interviews selbstst\u00e4ndig ausarbeitete und dann der Redaktion schickte, nicht umgekehrt.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ber\u00fchrungs\u00e4ngste und Vorurteile gegen\u00fcber behinderten TV-Professionals<\/h3>\n\n\n\n<p>Es gibt noch reichlich Ber\u00fchrungs\u00e4ngste und Vorurteile, auch im Fernsehbetrieb selbst. Manche Kolleg*innen fremdelten auch bis zum Schluss mit meiner Behinderung. Das liegt auch daran, dass in Fernsehredaktionen zu wenige Menschen mit Behinderungen arbeiten und noch viel Bewusstseinsbildung n\u00f6tig ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu meinen Visagistinnen hatte ich einen engen Dialog. Make-up und Haare stimmten wir passend zu meinen Looks ab. Manchmal hatte ich Freude an diesem optischen Aufwand, hielt er mich doch in Verbindung mit der sehenden Welt, manchmal wurde er mir zur Last, ging es mir doch um den Inhalt. Und warum mussten Moderatorinnen sich \u00fcberhaupt so viele Gedanken um Ihre Optik machen, sogar oder gerade ich als Blinde? Eine intensive Zeit in meinem Leben ging es mir extrem darum zu zeigen, dass mir meine Optik nicht egal ist, nur weil ich nicht sehen kann. Diese Hintergrundprogramme liefen bei mir immer mit. Und nat\u00fcrlich kann es dir in dieser Branche passieren, dass du mit Anfang 40 von einer Kollegin ersetzt wirst, die Anfang 20 ist, egal wieviel M\u00fche du dir gibst. Vielleicht sind solche Mechanismen beim Thema Behinderung sogar noch drastischer, denn die Frauenbewegung hat den Aspekt Behinderung lange nicht mitgedacht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich wehrte mich anfangs dagegen, mich mit Blindenklischees wie einer dunklen Sonnenbrille im Fernsehen zu zeigen, besonders, wenn es andere von mir erwarteten. Die Idee, eine \u201eBlindenbrille\u201c aufzusetzen, wurde immer mal wieder an mich herangetragen, um dem Publikum besser vermitteln zu k\u00f6nnen, dass ich nicht sehen kann. Manche Zuschauer*innen verstanden nicht, dass ich eine blinde Moderatorin bin und wir \u00fcberlegten immer wieder, wie wir es kenntlich machen k\u00f6nnten, um Irritationen zu vermeiden. Inzwischen trage ich die Brille aus eigener Entscheidung \u00f6ffentlich sehr selbstbestimmt, da sie meine Augen entspannt. Das war jedoch ein Prozess und ich w\u00fcrde sie f\u00fcr andere weder auf- noch absetzen, denn entscheidend ist, womit ich mich aktuell sicher und wohlf\u00fchle. \u00dcbergriffig fand ich den Anruf einer Zuschauerin beim Publikumsservice. Sie bat um einen R\u00fcckruf, weil sie sich an meinen Augen st\u00f6rte. Sie trug mir spezielle \u00dcbungen auf, die meine Blindheit reduzieren und meinen Blick wieder in Ordnung bringen sollten.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Vertrautwerden mit dem beruflichen Kamera-Alltag und seinen Herausforderungen<\/h3>\n\n\n\n<p>Herausfordernd waren f\u00fcr mich zu optisch gedachte Ideen, die ich zwar immer gern ausprobierte, die aber oft blind nicht funktionierten. Hier mussten meine Teams und ich experimentieren, um herauszufinden, was f\u00fcr eine blinde Moderatorin authentisch ist. F\u00fcr unser erstes Intro sollte ich z.B. die gro\u00dfe Freitreppe auf dem Uniplatz in Halle quer entlang balancieren und dabei l\u00e4chelnd moderieren. Das sah imposant aus, ich f\u00fchlte mich aber unsicher wie auf einem Schwebebalken. Einmal sollte ich mit meinen Moderationskarten aus dem gl\u00e4sernen Fahrstuhl des MDR-Hochhauses herauskommen und auf die Kamera zulaufen. Der Fahrstuhl hielt aber in allen m\u00f6glichen Etagen ohne akustische Ansage, sodass ich moderierend auf kein Kamera-Team, aber auf verschiedene verst\u00f6rte Menschengruppen zulief. In einem M\u00f6belhaus suchte sich das Team die Glasabteilung mit vielen zerbrechlichen Deko-Objekten als Drehort aus. Mit dem Stock durch Glasdeko pendeln, dabei moderieren und l\u00e4cheln und den \u201eBlickkontakt\u201c zum Kameramann nicht verlieren. Was wird wohl schiefgegangen sein? Inzwischen bin ich etwa genauso lange blind, wie ich sehen konnte. Damals war ich frisch erblindet und entsprach innerlich oft eher der Sehenden in mir, als der Blinden. Jetzt ist es umgekehrt. Sehendes Verhalten k\u00fcnstlich zu imitieren ist mir fremd geworden. Das Fixieren der Kamera ist z.B. ohne Sehrest auf Dauer extrem m\u00fchsam, weil es unnat\u00fcrlich f\u00fcr blinde Augen ist. Mir wurde von dieser Konzentration regelrecht \u00fcbel. Wir lernten, dass die Kameras meinen Blick einfangen m\u00fcssen, nicht mein Blick die Kameras. Mein Team gew\u00f6hnte sich ab, mir gegen\u00fcber mit Handzeichen zu kommunizieren und verbalisierte f\u00fcr mich relevante Abl\u00e4ufe.<\/p>\n\n\n\n<p>Manchmal nahmen meine prominenten G\u00e4ste hilfesuchend Augenkontakt zum Kamera-Team auf, statt zu mir. Sie mussten sich erst daran gew\u00f6hnen, mit einer blinden Moderatorin zu sprechen, die ihre Mimik und Gestik nicht sah. Der gr\u00f6\u00dfte Teil meiner Gespr\u00e4chspartner*innen konnte sich aber sehr gut in die Interview-Situation fallen lassen. Oft wurde mir sogar r\u00fcckgemeldet, dass meine Art dazu einlud, sich auch tiefsinnigeren Fragen zu stellen. Unsere Sendung hatte damals noch keine Audiodeskription, also keine H\u00f6rbeschreibung f\u00fcr blinde Menschen. Ich bat meine G\u00e4ste in meinen \u201eSonntagsFragen\u201c deshalb darum, sich selbst optisch zu beschreiben. Das fiel sogar Menschen, die sehr visuell arbeiteten, oft nicht leicht. Ich war manchmal ein bisschen traurig, wenn so eine Antwort kam wie: \u201eIch habe zwei Arme, zwei Beine und einen Kopf\u201c. Ob man einen sehenden Menschen nach seinem Aussehen fragen darf, wird in der Blindenszene kontrovers diskutiert. Ich fand die Frage f\u00fcr meine Medienarbeit wichtig, denn gerade bei Personen des \u00f6ffentlichen Lebens f\u00fchlte ich ein Informationsdefizit mangels optischer Beschreibung. Manchmal kannte ich Prominente auch noch aus meiner sehenden Zeit und sie hatten sich inzwischen visuell extrem ver\u00e4ndert. Hier wollte ich nicht auf etwas Bezug nehmen, was gar nicht mehr dem aktuellen Bild entsprach. Ironische Antworten irritierten mich, weil ich sie f\u00fcr bare M\u00fcnze nahm. Mein verbales Herantasten an meinen Gespr\u00e4chsgast und meine etwas anderen Fragen waren bewusster Teil des Konzepts. Manchmal boten mir Personen ihr Gesicht zum Ertasten an. Dieses Angebot nehme ich allerdings wenn \u00fcberhaupt nur in sehr vertrauten Situationen an und nicht in \u00f6ffentlichen Kontexten. Meine prominenten G\u00e4ste besuchte ich an ihren Wohn- oder Wirkst\u00e4tten, sp\u00e4ter drehten wir im MDR-Hochhaus in Leipzig. Im Vorfeld hatte ich oft viel Bild- und Videomaterial f\u00fcr meine Interviews zu \u201esichten\u201c. Die Recherche war gerade in den Anfangsjahren noch wenig barrierefrei. Damals konnte ich mit meiner Hilfsmitteltechnik auf viele Webseiten nur eingeschr\u00e4nkt zugreifen. Filme und B\u00fccher meiner G\u00e4ste, die mir zugearbeitet wurden, lagen nicht in blindengerechten Formaten vor. Mit meinen Zuschauer*innen hatte ich stets eine enge Verbindung, ich bekam Mails und Anrufe, die mir viel bedeuteten und ich wurde auch regelm\u00e4\u00dfig auf der Stra\u00dfe angesprochen, was mich sehr ber\u00fchrte. Gerade mit meiner blinden Community k\u00e4mpfte ich lange um Audiodeskription, da ich nicht nur Medienschaffende, sondern selbst immer auch Medienschauende war.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Ausblick: \u201eMich als blinde TV-Frau weniger einsam f\u00fchlen\u201c<\/h3>\n\n\n\n<p>Menschen mit Behinderungen sind in der Medienlandschaft zwar sichtbarer geworden, besonders in den sozialen Medien, allerdings erlebe ich noch immer zu wenige blinde Personen vor Film- und Fernsehkameras. Blindheit in Serien wird fast ausschlie\u00dflich von sehenden Darsteller*innen nachgespielt und \u201eechte\u201c blinde Menschen sieht man allenfalls als Talk-Show-G\u00e4ste und nicht als Moderator*innen in eigenen Formaten. Um mich als blinde TV-Frau weniger einsam zu f\u00fchlen, begebe ich mich nun au\u00dferhalb Deutschlands auf die Suche nach blinden Menschen, die vor der Kamera arbeiten oder gearbeitet haben. Bei meiner Recherche ist mir auch wieder die spanische Nachrichtensprecherin eingefallen, die sich kurz vor meiner Erblindung in meine Netzh\u00e4ute gebrannt hatte. Ihren Namen habe ich bereits herausgefunden: Nuria del Saz. Ein blinder Freund von mir lernt gerade Spanisch und kann mir bei der Kontaktaufnahme helfen. Mir brennen schon unz\u00e4hlige Fragen an sie unter den N\u00e4geln. Ich kann nur hoffen, dass Frauen wie Nuria und ich in ein paar Jahren keine Aliens mehr sind.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">ZUm Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als kleines M\u00e4dchen stellte ich mir manchmal vor, wie es w\u00e4re, eine Fernsehmoderatorin zu sein. 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