{"id":900,"date":"2026-03-06T15:16:04","date_gmt":"2026-03-06T15:16:04","guid":{"rendered":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/?page_id=900"},"modified":"2026-03-07T18:33:27","modified_gmt":"2026-03-07T18:33:27","slug":"keine-richtige-frau","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/einblicke\/keine-richtige-frau\/","title":{"rendered":"Keine richtige Frau"},"content":{"rendered":"\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-683x1024.jpg\" alt=\"Jennifer Sonntag sitzt auf einer wei\u00dfen Bank vor einem Schaufenster. Sie tr\u00e4gt ein kurzes schwarzes Kleid mit einer schwarzen Corsage. Ihr linker Arm ist mit einem langen schwarzen Handschuh bekleidet. Ihr Kinn hat sie sinnierend auf ihre rechte Hand gest\u00fctzt. Sie hat die Beine \u00fcbereinander geschlagen. Ihre langen schwarzen Haare tr\u00e4gt sie offen und mit einem schwarzen Faszinator (kleiner Hut zum in die Haare stecken) verziert.\" class=\"wp-image-683\" srcset=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-683x1024.jpg 683w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-200x300.jpg 200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-768x1152.jpg 768w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-1024x1536.jpg 1024w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-1365x2048.jpg 1365w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-1200x1800.jpg 1200w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-1980x2970.jpg 1980w, https:\/\/jennifer-sonntag.de\/wp-content\/uploads\/2023\/08\/Rote-Lippen-Faszinator-Bank-scaled.jpg 1707w\" sizes=\"(max-width: 683px) 100vw, 683px\" \/><figcaption class=\"wp-element-caption\">Jennifer Sonntag auf einer Bank sitzend; Foto: Jasmin Zwick<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary>Teil 1: Keine \u201erichtige\u201c Frau? Zwischen Zuschreibungen und Selbsterm\u00e4chtigung<br><em>In Teil 1\/3 ihrer Kolumne erz\u00e4hlt Autorin Jennifer Sonntag dar\u00fcber, wie ihre Selbstwahrnehmung als Frau durch Fremdwahrnehmung gepr\u00e4gt wurde, welche internalisierten Vorurteile sie selbst besch\u00e4ftigt haben und welche Auswirkungen das auf ihre Partnerschaften und die Frage nach Mutterschaft hatte.\u00a0<\/em><br><\/summary>\n<h2 class=\"wp-block-heading\">\u201eEine richtige Frau?\u201c \u2013 Ableismus im Alltag<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eHaben Sie mal dar\u00fcber nachgedacht, sich eine richtige Frau zu suchen?\u201c, fragte die Fernsehjournalistin meinen verdutzten Partner w\u00e4hrend der Dreharbeiten zu einem Beitrag f\u00fcr die ARD. Auch ich war eine Frau vom Fernsehen und der Sender wollte meine Arbeit als blinde TV-Moderatorin begleiten. Ein kleines bisschen Privatleben sollte auch dabei sein. Wir suchten mein Lieblingsschmuckgesch\u00e4ft auf und mein Freund sollte mir vor der Kamera eine extravagante Kreation nach der anderen zum Ertasten in die Hand reichen. Die Fernsehjournalistin, selbst bekennend auf Partnersuche, fand das sehr r\u00fchrig und stellte nat\u00fcrlich \u201enur im Interesse der Zuschauer*innen\u201c die obige Frage. Ich hatte mehrere Tage daran zu knabbern und mein Partner auch. Immerhin hatten wir f\u00fcr den Beitrag mehrere meiner Wirkungsst\u00e4tten besucht und gezeigt, was ich als \u201erichtige\u201c Frau, als Sozialp\u00e4dagogin, Autorin, Journalistin und Aktivistin auf die Beine stellte. Was aber blieb, war die unvollkommene Weiblichkeit aufgrund meiner Behinderung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mehr leisten m\u00fcssen<\/h2>\n\n\n\n<p>Gerade das war viele Jahre lang der Grund f\u00fcr meinen unbewussten Antrieb gewesen, immer mehr leisten zu m\u00fcssen als andere, um etwas wert zu sein. Das galt f\u00fcr meine Bildung, meine Berufe und Berufungen, mein \u00c4u\u00dferes und auch f\u00fcr meinen Anspruch an mich selbst, wie ich als Partnerin zu sein hatte, um keine Erwartungen zu entt\u00e4uschen, auch die von denen nicht, die meine Beziehung gar nichts anging. Aber egal wie ich mich engagiert hatte, ich h\u00e4tte mich wohl auch \u00fcberhaupt nicht erst erblindend durch Abitur, Studium, anspruchsvolle Berufe und Qualifikationen k\u00e4mpfen m\u00fcssen, am Ende blieb scheinbar f\u00fcr einen gro\u00dfen Teil derer, die sich ein Bild von mir machten, die fehlerhafte Frau. Oder war ich gerade deshalb fast schon eine Provokation f\u00fcr die vermeintlich \u201erichtige\u201c Frau, weil ich als behinderte Geschlechtsgenossin einiges erreicht hatte und aus der Schablone ausgebrochen war?&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Internalisierter Ableismus<\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn ich mich auch \u00fcber den Gedankengang dieser Journalistin sehr \u00e4rgerte, hatte ich ihn selbst, bedingt durch eigene Pr\u00e4gungen, viele Jahre verinnerlicht. Das fiel mir auf, als ich k\u00fcrzlich f\u00fcr die Vorbereitung einer Lesung in meinen fr\u00fchen B\u00fcchern st\u00f6berte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ich entdeckte an meinem j\u00fcngeren Ich Denkmuster und Glaubenss\u00e4tze, die man heute als internalisierten Ableismus bezeichnet. So schrieb ich in \u201eVerf\u00fchrung zu einem Blind Date\u201c, dass ich mir selbst keine Partnerschaft mit einem blinden Mann vorstellen k\u00f6nne und furchtbar in Resonanz geriete, wenn mich Menschen immer wieder fragten, ob mein Freund auch blind sei. Es st\u00f6rte mich, dass man mir keinen sehenden, keinen richtigen(?) Mann zutraute. H\u00e4tte ich meine Gef\u00fchle damals nicht aufgeschrieben, w\u00fcrde ich heute nicht glauben, dass ich so etwas gedacht habe. Die Auseinandersetzung mit internalisiertem Ableismus hat mir sehr dabei geholfen, besser zu verstehen, wie sich Abwertungen durch die Gesellschaft auf das Selbstwertgef\u00fchl behinderter Menschen auswirken k\u00f6nnen. Auch erleichterte es mich sehr, dass in den letzten Jahren auch andere Menschen mit Behinderungen dar\u00fcber sprachen, was es mit ihnen gemacht hat, dass sie sich fr\u00fcher z.B. manchmal sogar daf\u00fcr gesch\u00e4mt haben, inmitten einer Behindertengruppe im Stadtbild gesehen zu werden. Man konnte sich aufwerten, wenn man sich in Begleitung nicht behinderter Freund*innen zeigte. Ist das nicht schmerzlich und traurig? Heute habe ich diese Gef\u00fchle nicht mehr und sch\u00e4me mich f\u00fcr Menschen, die sich ableistisch verhalten. Aber das erforderte einen Prozess in mir und Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft, was sich eben gegenseitig bedingt. Ich befand mich damals selbst in eigenen Bew\u00e4ltigungsphasen und blinde M\u00e4nner spiegelten wider, was ich an mir \u201enoch\u201c nicht annehmen konnte, weil ein Stigma darauf lag. Mittlerweile irritiert es mich aus anderen Gr\u00fcnden, wenn wildfremde Menschen mich vollkommen unvermittelt fragen, ob mein Partner auch blind ist. Das w\u00e4re in etwa so, als w\u00fcrde man eine Person of Color (PoC) fragen, ob sie auch mit einer PoC verpartnert ist. Das kann sein, muss aber nicht.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mutter oder nicht?<\/h2>\n\n\n\n<p>Der Frage nach meiner Partnerschaft schloss sich nicht selten auch gleich die Frage zu meiner Mutterschaft an. Als ich besonders damit haderte, wegen einer unheilbaren Augenkrankheit auf beiden Augen vollst\u00e4ndig erblinden zu m\u00fcssen, konnte ich mir kein eigenes Kind vorstellen. Ich wollte ihm ersparen, was ich selbst zu dieser Zeit als die unfairste Zumutung der Welt empfand. W\u00e4hrend sich blinde M\u00fctter oft daf\u00fcr rechtfertigen mussten, wie sie sich als behinderte Frau \u00fcberhaupt erlauben konnten, ein oder gleich mehrere Kinder in die Welt zu setzen, musste ich mich oft daf\u00fcr erkl\u00e4ren, warum ich es damals nicht wollte. Egal wof\u00fcr wir uns entscheiden, Frauen mit Behinderungen sind oft einer viel st\u00e4rkeren Bewertung ausgesetzt als Frauen ohne Behinderungen. Mit Kind sind sie nicht \u201erichtig\u201c und ohne irgendwie auch nicht. Nachdem ich mich auch hier durch einen farbenfrohen Prozess der Blindheitsverarbeitung getastet hatte, \u00e4nderte sich meine Einstellung \u00fcber die Jahre. Die Lebensfreude eines Kindes w\u00fcrde nicht davon abh\u00e4ngen, ob es sehen kann oder nicht. Viel schlimmer als die Tatsache zu erblinden, waren f\u00fcr mich im Nachhinein Erfahrungen wie Mobbing oder verhinderte Zugeh\u00f6rigkeit. Nicht das behindert-sein, sondern das Behindert-werden verursachte mir die schmerzhaftesten Lebensbr\u00fcche. Im Laufe der Zeit wurden behinderte Menschen, auch M\u00fctter, durch die sozialen Medien sichtbarer und ich erlebte dadurch einen wahren Empowerment-Schub. Auch gab es inzwischen mehr M\u00f6glichkeiten, abkl\u00e4ren zu lassen, ob meine Augenkrankheit \u00fcberhaupt meine Nachkommen betreffen w\u00fcrde. Ich hatte einen Mann gefunden, bei dem ich erstmals das tiefe Gef\u00fchl versp\u00fcrte, mit ihm ein Kind haben zu wollen. Aber auch er, als nicht behinderter Part, brachte seine Geschichte mit, wozu bereits zwei Kinder geh\u00f6rten und alle emotionalen und finanziellen Herausforderungen, die mit seiner Trennung einhergegangen waren. Wo ich noch hin wollte, war er l\u00e4ngst gewesen und f\u00fcr die Gr\u00fcndung einer neuen Familie war er alles andere als frei. Mein aufflammender Kinderwunsch wirkte deplatziert. Heute betrauere ich, dass dieses Kapitel den Umst\u00e4nden zum Opfer fiel. Als sich seine Situation stabilisiert hatte, kam die schwere neuroimmunologische Erkrankung ME\/CFS in mein Leben, die mir letztlich das k\u00f6rperliche Bew\u00e4ltigen einer Schwangerschaft verunm\u00f6glichte. Dass ich kinderlos bin, l\u00e4sst mich mit einer Narbe zur\u00fcck, nicht, weil ich mich dadurch als unvollkommene Frau f\u00fchle, sondern weil ich mich frage, ob ich die f\u00fcr mich jeweils richtigen Entscheidungen treffen konnte und welche Rolle Fremdbestimmung und internalisierter Ableismus in meinen Abw\u00e4gungen spielten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Klischee K\u00fcche<\/h2>\n\n\n\n<p>Aber geh\u00f6rt eine blinde Frau nicht, wie alle anderen \u201erichtigen\u201c Frauen, an den Herd? Ironieschalter aus! Ich sage ja immer: Meine Kompetenz liegt im Essen, nicht im Kochen. Das l\u00e4sst sich auch damit begr\u00fcnden, dass drei meiner Partner K\u00f6che waren. Ich schw\u00f6re bei aller Liebe zu meinem Blindenf\u00fchrhund: Das war reiner Zufall! Ich kenne allerdings viele blinde, wie auch sehende Frauen, die hervorragend kochen k\u00f6nnen und solche, die es nicht zu ihren gr\u00f6\u00dften Leidenschaften z\u00e4hlen. Anders war das bei mir beim Thema Heimwerken. Mein Vater hatte mich, als ich noch sehen konnte, immer als kleine Handwerkerin bezeichnet. Und die konnte ich nach meiner Erblindung wirklich schwer loslassen. Ich werkelte gern und beobachtete meinen Paps stundenlang interessiert bei allerlei Arbeiten, um von ihm zu lernen. Kleinere, besonders knifflige Reparaturen, \u00fcbernahm ich auch gerne selbst. Wenn ich auch von blinden Menschen wei\u00df, die sich an S\u00e4ge und Bohrmaschine trauen, verlor ich mit schwindender Augenkontrolle die Freude am Heimwerken, was meine innere Handwerkerin noch heute sehr schmerzt. Als ich erblindete, lernte ich hilfreiche Techniken aus dem Bereich der lebenspraktischen Fertigkeiten kennen und hatte auch durchaus Spa\u00df daran, kochen und backen zu lernen. Au\u00dferdem hatte ich auch das Gef\u00fchl, es wird von mir als gute blinde Frau erwartet, all diese Dinge zu k\u00f6nnen. Ich finde es wichtig, Menschen mit Behinderungen vielseitige Schulungsangebote zu machen, aus denen sie dann selbst Schl\u00fcsse f\u00fcr ihren Alltag ziehen k\u00f6nnen. Ich pers\u00f6nlich begriff irgendwann, dass ich auch als sehende Frau nicht die Heldin des Kochtopfs geworden w\u00e4re und konnte das Thema gut an den Mann am Herd abgeben. Wer glaubt, aus der K\u00fcche schnuppert es deshalb nach Helferkomplex, den nehme ich gern mit in den zweiten Teil meiner Kolumnenreihe.&nbsp;<\/p>\n<\/details>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary>Teil 2: Keine \u201erichtige\u201c Frau? Abrechnung mit dem Helferkomplex<br><em>Was macht eine gleichberechtigte Beziehung aus \u2013 und warum wird ausgerechnet behinderten Frauen oft abgesprochen, \u201eGebende\u201c zu sein? In Teil 2\/3 ihrer Kolumne berichtet Autorin Jennifer Sonntag von stereotypen Zuschreibungen, ungleichen Ma\u00dfst\u00e4ben und dem Kampf um Selbsterm\u00e4chtigung.<\/em><\/summary>\n<p>Helferkomplex, wirklich?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich hatte meinen Partner kennengelernt, als er Keyboarder meiner damaligen Lieblingsband war. Ungern erinnere ich mich daran, dass nach einem Konzert eine Psychologiestudentin aus seinem Dunstkreis an ihn herangetreten war, um ihn \u00fcber seinen Helferkomplex zu unterrichten. Mich hatte das sehr verletzt, denn Menschen gingen oft davon aus, mein Freund style mich f\u00fcr Events, k\u00e4me f\u00fcr mich auf und versorge mich. Dabei hatte ich erfolgreich ein damals noch alles andere als barrierefreies Studium absolviert und arbeitete inzwischen bereits seit einigen Jahren in meinem Beruf als Sozialp\u00e4dagogin, die ihr eigenes Geld verdiente. F\u00fcr meinen Stil war ich auch selbst verantwortlich und wenn wir ausgingen, schenkte mir mein Freund maximal einen kurzen Lippenstiftkontrollblick. Ich war subkulturell umtriebig und vielbesch\u00e4ftigt. Die gemeinsame Leidenschaft f\u00fcr die Gothic-Szene, f\u00fcr Musik und Literatur, unsere Werte und Haltungen hatten uns zusammengef\u00fchrt und sie waren Triebfedern unseres Wirkens.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Geld und Vorurteile<\/h2>\n\n\n\n<p>Auch wenn Geld ein Thema war, \u00fcber das wir uns eben nicht definierten, m\u00f6chte ich es an dieser Stelle aus dem Portemonnaie holen, gerade weil ich als behinderte Frau immer wieder in ein Rollenmuster gepresst wurde, was mir nicht entsprach. Ich habe das oft einfach so hingenommen, weil ich selbst ja wusste, wer ich bin und was ich kann, litt aber unter den reproduzierten Vorurteilen, die sich lange nicht von selbst aufl\u00f6sten. Die Menschen, die meinen Partnern einen Helferkomplex unterstellten, sahen nicht, welchen Teil ich in Beziehungen \u00fcbernahm, nicht den finanziellen und nicht den sozialen Support. Auch die M\u00e4nner an meiner Seite brachten ihre Herausforderungen mit, die ihnen nicht, wie in meinem Fall der Blindenstock, anzusehen waren. Oft war ich es, die im Lokal die Rechnung \u00fcbernahm und manchmal schob ich dem anderen heimlich das Geld zu, damit es so aussah, als ob er zahlte. In monet\u00e4r schw\u00e4cheren Zeiten meiner Partner hatte ich den \u00fcberwiegenden Teil unserer Ausgaben und Anschaffungen gestemmt. Hilfestellungen meines Partners im Haushalt glich ich ebenfalls finanziell aus. Und das sp\u00e4tere Auto, was der Mann an meiner Seite fuhr, war meines. Damit ging ich stets diskret um, finde es aber heute f\u00fcr die Selbstst\u00e4rkung behinderter Frauen wichtig, diese Investitionen transparent zu machen. Au\u00dfenstehende k\u00f6nnen sich oft nicht vorstellen, dass auch eine behinderte Frau eine Unterst\u00fctzung sein kann. Was die finanzielle Seite angeht, darf man mich nicht falsch verstehen und gar glauben, ich sei besonders privilegiert gewesen. Ich wuchs im Plattenbau auf und entsprang keinem Akademiker*innenhaushalt. Als sehbehinderte Studentin durfte ich wegen der Eingliederungshilfe nichts ansparen. Da ich zwischen hochgradiger Sehbehinderung und Erblindung schwebte, bekam ich jedoch noch keine blindentechnischen Hilfen erstattet und musste viele Ausgleiche von meinem wenigen Geld selbst zahlen. Sozialp\u00e4dagogik hatte ich auch nicht studiert, weil ich in diesem Beruf richtig viel Schotter machen w\u00fcrde. Nachdem ich diesem T\u00e4tigkeitsfeld viele Jahre die Treue gehalten hatte, war ich in den letzten Jahren durch einen neuen Abteilungsleiter so erheblich durch Bossing betroffen, dass ich schwer erkrankte. Und meine Fernseharbeit? Mit einer Vorstellung kann ich auch aufr\u00e4umen: Ich habe beim Fernsehen kleine Honorare bekommen und nie so viel verdient, wie Menschen in dieser Branche normalerweise verdienen. Obwohl ich am l\u00e4ngsten dabei war, habe ich im Vergleich zu m\u00e4nnlichen Mitstreitern mit Behinderung, am Ende am wenigsten erhalten.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ungleiche Ma\u00dfst\u00e4be<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich bin froh, nie von einem Mann finanziell abh\u00e4ngig gewesen zu sein und mir f\u00e4llt es heute noch schwer, Geschenke anzunehmen, da ich mich gegen die Rolle der Nehmenden wehre. Aber es f\u00fchlt sich schon fair an, dass mein Partner und ich uns nun seit einigen Jahren unbelasteter in unsere Ausgaben hinein teilen k\u00f6nnen und ich lerne zu genie\u00dfen, auch mal die Eingeladene zu sein. Was mich wundert ist jedoch, dass mir im Laufe meines Lebens immer wieder M\u00e4nner begegneten, die ihre nicht behinderten Frauen tats\u00e4chlich unterhielten, hier von au\u00dfen aber kein Helferkomplex unterstellt wurde. Das funktioniert sogar im gro\u00dfen Stil und ist eher positiv konnotiert: der Mann finanziert das Haus, den Urlaub, das Hobby, die Beauty-Behandlungen etc.<br>Auch hatten mich einige Reaktionen auf mein Buch \u201eHinter Aphrodites Augen\u201c nachhaltig irritiert. \u201eMann\u201c wunderte sich, dass ein gro\u00dfer Teil der blinden Frauen, die darin zu Wort kamen, Ausbildungen durchlaufen hatten, sich in vielseitigen Projekten engagierten, berufst\u00e4tig und sogar verpartnert oder verheiratet waren. Gerade weil Frauen mit Behinderungen noch immer in vielen Bereichen der Teilhabe benachteiligt sind, in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitssystem, in der Altersvorsorge, beim Schutz vor sexualisierter Gewalt, gilt ihnen aus meiner Sicht Respekt daf\u00fcr, dass sie diese&nbsp; H\u00fcrden ganz selbstverst\u00e4ndlich parallel zu ihren Alltagsanforderungen stets mitnehmen m\u00fcssen. Statt das anzuerkennen, wurde auch hier unverbl\u00fcmt gefragt, ob ein Mann, der sich auf eine solche Frau einlie\u00df, wohl einen Helferkomplex habe. Selbst wenn sich eine behinderte Frau zehnmal mehr bem\u00fcht, um sich aus s\u00e4mtlichen Rollenklischees freizuschwimmen, wird es immer Menschen geben, die sie nicht als vollwertig akzeptieren. Ich bin inzwischen auch dagegen, dass sie diesen Kampf k\u00e4mpfen muss. Ich frage mich mit einem Augenzwinkern: D\u00fcrfte sich eigentlich auch eine blinde Beauty-Queen von Mister Big in seinem Haus auf Teneriffa das Leben vers\u00fc\u00dfen lassen und ist das dann kein Helferkomplex? Ich jedenfalls bin nicht auf der Suche nach Mister Big, aber manchmal eine kleine Beauty-Queen, wovon ich u.a. im dritten Teil meiner Kolumnenreihe erz\u00e4hle.&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n<\/details>\n\n\n\n<details class=\"wp-block-details is-layout-flow wp-block-details-is-layout-flow\"><summary>Teil 3: Keine \u201erichtige\u201c Frau? Stilsuche, Sexualit\u00e4t und Selbstbestimmung<br><em>Sch\u00f6nheit als St\u00e4rke, Lippenrot als Statement, Rebellion gegen Rollenbilder: In Teil 3 erz\u00e4hlt Jennifer Sonntag, wie sie sich als erblindende Frau gegen normierte Vorstellungen von Weiblichkeit, Sexualit\u00e4t und Behinderung aufgelehnt hat \u2013 mit Stil, Kunst, Eigensinn und einer Prise Parfum.<\/em><\/summary>\n<p>Styling als Selbsterm\u00e4chtigung<\/p>\n\n\n\n<p>Ich befasse mich gern mit Sch\u00f6nem, um das Unsch\u00f6ne besser beim Kragen packen zu k\u00f6nnen. Deshalb m\u00f6chte ich auch manchmal in Lippenstiftfarben denken und mir ein Parfum auftragen, was mich optimistisch durch den Tag tr\u00e4gt. Ich bin in einem Reha-System aufgewachsen, in dem einige P\u00e4dagog*innen der alten Schule es nicht so gern sahen, wenn man sich als sehbehindertes M\u00e4dchen f\u00fcr Mode und Styling interessierte. \u201eQuadratisch, praktisch, gut\u201c war die Devise. Kurze Kleidchen, lange Haare, auff\u00e4llige Ohrringe, alles nicht gerade erw\u00fcnscht. Sicher schwang bei unserem Erziehungspersonal auch immer die Angst vor sexuellem Missbrauch mit, was nicht ganz unbegr\u00fcndet war, denn den gab es auch an unserer Schule, ausge\u00fcbt von einem der damaligen Internats-P\u00e4dagogen. Dennoch mochte ich meinen \u201eM\u00e4delskram\u201c, denn ich sah mich nicht mit den Augen erwachsener M\u00e4nner. Ich war ein Girl mit BRAVO-Sozialisation, nur eben mit Sehbehinderung, was dazu f\u00fchrte, dass ich von nicht behinderten Gleichaltrigen abgelehnt wurde.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Abgrenzung aufgrund von Ausgrenzung<\/h2>\n\n\n\n<p>So erlebte ich auf dem Regelgymnasium Ausgrenzung und Mobbing. Zu den Markenm\u00e4dels konnte ich nicht dazugeh\u00f6ren und ich litt zunehmend unter ihrem Tussi-Overload. Als Reaktion auf diese Erfahrung lehnte ich nun konsequent alles ab, was M\u00e4dchen in der Mainstream-Welt so trugen und machten.&nbsp; Ich ging in die Punkszene. Schwere Stiefel, Lederjacke mit Baumarktketten, krasse bunte Haare \u2013 das kaschierte meine Dioptrien. Inzwischen war kaum zu unterscheiden, ob ich Junge oder M\u00e4dchen war, unisex, Was manch alter Reha-P\u00e4dagogin h\u00e4tte entgegenkommen m\u00fcssen. Aber mit diesem extremen Look stellte ich, zur\u00fcck an der Sehbehindertenschule,&nbsp; nat\u00fcrlich einen neuen St\u00f6rfaktor dar. Sp\u00e4ter glitt ich von der Punk- in die Gothic-Szene \u00fcber und kleidete mich wieder betont feminin und der Subkultur entsprechend auch betont schwarz. Diese Zeit war eine sehr bildungsintensive Phase in meinem Leben und meine Kleidung war der Ausdruck einer tiefgr\u00fcndigen und sinnlichen Auseinandersetzung mit der Welt um mich herum und meinem eigenen Erblindungsprozess. Ich kreierte meinen Look jedoch nicht f\u00fcr M\u00e4nner, von denen sich manche durch meine extravagante Aufmachung nun \u00fcbertrieben angezogen f\u00fchlten. So erlebte ich viele \u201efalsche Engel\u201c, die mir nicht nur \u00fcber die Stra\u00dfe, sondern am liebsten auch gleich ins Schlafzimmer geholfen h\u00e4tten.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Halt und Haltung<\/h2>\n\n\n\n<p>Mir wurde bewusst, dass ich diese Erfahrungen als sehende Frau nicht in einer so extremen Weise machen w\u00fcrde. Aber sollte ich mich deshalb in Sack und Asche h\u00fcllen? Sollten die Reha-P\u00e4dagoginnen der alten Schule doch Recht behalten? Als junge Frau bekam ich nun nochmal mehr zu sp\u00fcren, was das M\u00e4dchen damals in seiner kindlichen Naivit\u00e4t noch nicht reflektieren konnte. Ja, es machte mir Angst, mit zunehmender Erblindung schlechter aus heiklen Situationen fliehen zu k\u00f6nnen. Aber es war eigentlich egal was ich tat und wie ich mich kleidete, Gewalt war immer ein Thema und Menschen hatten sich mir gegen\u00fcber in verschiedensten Lebensphasen \u00fcbergriffig verhalten: weil ich eine Behinderung hatte, weil ich der Punk- oder der Gothic-Szene angeh\u00f6rt hatte, weil ich mal zu h\u00fcbsch und mal zu h\u00e4sslich angezogen war. Aber war ich deshalb \u201enicht richtig\u201c? Erst mit \u00fcber 40, in unserem Selbstverteidigungskurs f\u00fcr blinde Frauen, durfte ich lernen, dass eher an denen, die andere mobben, zusammenschlagen oder missbrauchen, etwas \u201enicht richtig\u201c ist. Halt und Haltung gab mir in den letzten Jahren, insbesondere seit ich zus\u00e4tzlich mit starken Schmerzen und ME\/CFS lebe,&nbsp; die Kunst der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. Ich bedauere sehr, dass ich das Gesamtwerk, was sie hinterlie\u00df, nicht sehen kann. Ihre Art, die eigene Behinderung und die damit verbundenen Schmerzen sowohl in ihr kreatives Schaffen als auch in ihren Modestil zu integrieren, empowert mich immens und st\u00e4rkt mein Selbstbewusstsein.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Sch\u00f6nheit als Akt der Selbstf\u00fcrsorge<\/h2>\n\n\n\n<p>Auch wenn ich mich nicht als besonders oberfl\u00e4chlichen Menschen bezeichnen w\u00fcrde, ganz im Gegenteil, spielt auch das Thema Beauty in meinem Leben eine nicht unerhebliche Rolle. Sehende Kundinnen fragten manchmal neugierig meine Kosmetikerin oder Nageldesignerin, warum sich \u201edie Blinde\u201c diesen Behandlungen unterz\u00f6ge, wenn sie doch ohnehin nichts mehr sehen k\u00f6nne. Ich verstehe diese Gedanken nicht. H\u00f6rt Frau auf sich zu pflegen, nur weil sie erblindet ist? Gerade bei schwindender Augenkontrolle kann es doch sinnvoll sein, diese Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, um sicher zu gehen, dass alles im Rahmen ist. So traue ich mir z.B. nicht mehr zu, mir vollblind allein die Haare zu f\u00e4rben. Es gibt jedoch viele Handgriffe im Beauty-Bereich, die ich sehr wohl selbstst\u00e4ndig bew\u00e4ltigen kann und dar\u00fcber habe ich ein Buch geschrieben. In \u201eDer Geschmack von Lippenrot\u201c biete ich blinden Frauen eine Schminkschule f\u00fcr den Sp\u00fcrsinn und einen Image-Ratgeber an und gehe mit ihnen von K\u00f6rperkult bis Kleiderschrank durch viele Themen, die unser inneres und \u00e4u\u00dferes Spiegelbild betreffen. In den insgesamt 20 Jahren, die ich \u00fcberwiegend sozialp\u00e4dagogisch t\u00e4tig war, kamen immer wieder Mitblindinen auf mich zu und baten mich, meine Selbstst\u00e4rkungskurse speziell f\u00fcr die Bed\u00fcrfnisse blinder Frauen zuzuschneiden. So entstanden umfangreiche verschriftlichte Workshop-Sammlungen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">(Fehlende) Vorbilder<\/h2>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert ist, dass es bereits 50 Jahre her ist, als erstmals eine erblindete Frau f\u00fcr andere blinde Frauen eine Handreichung zum blinden Schminken ver\u00f6ffentlicht hatte. Das war das Pirozzi-Papier. Sehende Frauen werden im Gegensatz dazu t\u00e4glich mit neuen Beauty-Tipps \u00fcberschwemmt, die f\u00fcr uns blinde Anwenderinnen jedoch anders geschrieben werden m\u00fcssen. Nat\u00fcrlich m\u00f6chte ich auch blinde M\u00e4nner und generell alle blinden Menschen ansprechen, die sich f\u00fcr meine Themen interessieren. Gleicherma\u00dfen respektiere ich aber auch blinde Frauen, die gar nichts mit Mode am Hut haben und denen der Lippenstift getrost gestohlen bleiben darf. Das ist auch vollkommen ok. Mir ist nur wichtig, dass jede von uns selbstbestimmt w\u00e4hlen kann und nicht verbittert, weil sie sich f\u00fchlt wie der Fuchs, der nicht an die Trauben kommt. Mir fehlten als junge erblindende Frau behinderte Vorbilder aus der Popkultur, besonders andere Frauen, mit denen ich mich identifizieren konnte. So entwickelte ich mich in einer visuell gepr\u00e4gten Welt stets aus mir selbst heraus, egal ob vor Foto- und Fernsehkameras, auf Leseb\u00fchnen oder vor meinen Seminargruppen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Mediale Klischees<\/h2>\n\n\n\n<p>Auch in meiner Rolle als blinde Schriftstellerin, die erotische Texte schrieb, f\u00fchlte ich mich lange mit meiner Ambition allein. Warum war es mir \u00fcberhaupt wichtig, neben meinen eher sozialp\u00e4dagogisch und autobiografisch gepr\u00e4gten B\u00fcchern, dieses Genre zu bespielen? Es hatte mit gesellschaftlichen Denkmustern und reproduzierten Bildern in den Medien zu tun, mit denen ich nicht einverstanden war. Manchmal setzten Frauenzeitschriften wirklich gute Beitr\u00e4ge \u00fcber mich um, h\u00e4ufig wurde jedoch vermittelt, dass behinderte Frauen ja froh sein k\u00f6nnten, \u00fcberhaupt einen Partner abzubekommen. Der nicht behinderte Mann wurde dann als heiliger Samariter in den Himmel gehoben.&nbsp; Dieser Blick auf behinderte Frauen lie\u00df mich auch k\u00fcnstlerisch wehrhaft werden. Hatten wir nicht eine ganz eigene Leidenschaft, Sinnlichkeit, einen eigenen Hunger und auch eigene Forderungen?<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Eigene Projekte<\/h2>\n\n\n\n<p>Ich rief mit meinem Buch- und Lebenspartner Dirot das Kunst- und Literaturprojekt <a href=\"https:\/\/www.liebemitlaufmaschen.de\/\">\u201eLiebe mit Laufmaschen\u201c<\/a> ins Leben. Darin geht es jedoch gerade nicht um uns als Paar, sondern um unsere Protagonist*innen, die alle eine symbolische \u201eLaufmasche\u201c, einen Lebensriss mitbringen, den wir jenseits von Behinderung reizvoll und diskutierbar finden. Parallel zu unserem Buch begann ich, Ideen f\u00fcr erotische Kohlezeichnungen zu entwickeln und diese sogar blind gemeinsam mit meinem sehenden Partner auf Papier zu bringen. Die Ergebnisse k\u00f6nnen sehende und auch blinde Betrachtende, mittels Bildbeschreibungen, auf der Plattform <a href=\"https:\/\/galeriegefluester.wordpress.com\/blog\/\">\u201eGaleriegefl\u00fcster\u201c<\/a> erkunden. Dort gibt es dank unserer Kreativfreundin Franziska Appel auch weitere digitale Ausstellungen verschiedener Inklusionsprojekte zu entdecken. In <a href=\"https:\/\/www.liebemitlaufmaschen.de\/\">\u201eLiebe mit Laufmaschen\u201c<\/a> konnte ich zeigen, dass ich als blinde Frau ein lebhaftes Kopfkino besitze und aufregende und auch durchaus abgr\u00fcndige Reibungsfelder jenseits von Behindertenklischees erzeugen kann. Dabei erlebe ich es als spannend, doppelte B\u00f6den zu schaffen, Machtgef\u00e4lle zu hinterfragen und Klischees ins Gegenteil zu verkehren. Heute w\u00fcrde ich deutlich woker schreiben als 2015, als wir das Buch ver\u00f6ffentlichten, aber viele Inhalte trafen schon damals den Nagel auf den Kopf. So erz\u00e4hle ich z.B. in \u201eKaspertheater\u201c vom Umgang eines Rockstars mit seinen weiblichen Fans im Backstage und das war weit vor der Rammstein-Debatte. Im Gegensatz zu den meisten meiner anderen B\u00fccher spielt das Thema Behinderung hier jedoch nicht mal eine Nebenrolle. Vielleicht brauchte ich jenen Befreiungsschlag als blinde Autorin, weil ich eben nicht permanent \u00fcber meine Blindheit definiert werden wollte.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Rebellion gegen die Einengung durch Stereotype<\/h2>\n\n\n\n<p>In der R\u00fcckschau frage ich mich oft, ob ich als junge Frau auch diese starken Ausdrucksformen gesucht und gefunden h\u00e4tte, wenn ich nicht erblindet w\u00e4re. Man k\u00f6nnte glauben, ein Mensch, der sein Augenlicht verliert, hat andere Priorit\u00e4ten, als sich mit Stilfragen oder Sexualit\u00e4t zu befassen. Andere Sorgen hatte ich tats\u00e4chlich reichlich. Wie sollte ich jemals die Braille-Schrift und das Laufen mit dem wei\u00dfen Langstock erlernen? Schon das Eingie\u00dfen einer Tasse Tee war anfangs f\u00fcr mich eine kaum zu bew\u00e4ltigende Herausforderung. Die ganze Welt um mich herum wurde unsichtbar. Nichts funktionierte mehr wie zuvor und mein Sehverm\u00f6gen wurde stetig schlechter, was mich w\u00e4hrend meines Abiturs, Studiums und sp\u00e4teren Berufseintritts immens forderte. Und ich bekam diesen heftigen Identit\u00e4tsverlust&nbsp; von einer als sehend wahrgenommenen Person hin zur erblindeten, extrem zu sp\u00fcren. Umso extremer wurde mein Output. Gerade als junge Frau, die voller Lust und Leidenschaft und Fragen an das Leben war, rebellierte ich gegen die Vorstellungen, die man von blinden Menschen hatte und von denen auch ich gepr\u00e4gt war. Diese Auflehnung erlebte ich als Aufw\u00e4rtsbewegung in meiner Behinderungsverarbeitung, jenseits oktroyierter Erwartungshaltungen. Ich wollte genau mit den Inhalten sichtbar werden, die man einer blinden Frau absprach. Heute teile ich meine Themen als <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/blind.feminista\/\">blind.feminista<\/a>&nbsp;auf Instagram.&nbsp;<\/p>\n<\/details>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-buttons is-content-justification-center is-layout-flex wp-container-core-buttons-is-layout-1 wp-block-buttons-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-button\"><a class=\"wp-block-button__link wp-element-button\" href=\"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/blog\/\">Zum Blog<\/a><\/div>\n<\/div>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"parent":322,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"footnotes":""},"class_list":["post-900","page","type-page","status-publish","hentry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/900"}],"collection":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=900"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/900\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":913,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/900\/revisions\/913"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/pages\/322"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jennifer-sonntag.de\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=900"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}