„Untot und Tod“

Egal wohin ich ging, er war schon da

Er begegnete mir in verschiedenen Verwesungsstadien in sämtlichen Räumen meiner Wohnung. Ging ich durch den Flur, lief er mir in die Arme, betrat ich mein Arbeitszimmer, drehte er sich auf meinem Bürostuhl, traute ich mich ins Bad, lag er dort bereits in der Wanne. Schwer von der Strangulation gezeichnet, hing sein Kopf aus meinen Bilderrahmen.  Wenn ich ins Bett gehen wollte, rechnete ich fest damit, seinen Körper dort zu spüren. Er war einer meiner besten Freunde. Warum suchte er mich nun auf eine solch beängstigende Weise heim?

Zu Lebzeiten hatte er sich, im Gegensatz zu jetzt,  in den letzten Tagen etwas rar gemacht. Darüber war sein enges Umfeld in Unruhe geraten. Nicht mal ein verschmitzter Witz in den sozialen Medien? Der aufgeklappte Laptop in seinem verlassenen Zimmer offenbarte ein Dokument, dessen finaler Satz eine grausame Erkenntnisfolge in Bewegung setzte: „Nun nehme ich die Hundeleine und gehe in den Garten meiner Eltern.“ Eine Runde mit dem Vierbeiner hatte er gewiss nicht im Sinn, den hatte er kurz zuvor noch verantwortungsbewusst dem Tierschutz übergeben. Dort hatte er ihn auch her, einen gehörlosen spanischen Straßenhund. Und für den hatte ich ihm eine Leine geschenkt. Zuletzt hatten mich die beiden nach einem langen Spaziergang im Büro besucht und ich kann mich noch genau an den Geruch meines Freundes an diesem Tag erinnern: ein bisschen klamm, ein bisschen abgekämpft, kein Weichspülerduft, viel unmystischer als auf seinen Gothic-Pogo-Partys, eher entzaubernd alltäglich, was mich rührte. Und er zeigte mir, wie gut der Hund, das schöne scheue Tier, sich an die Leine gewöhnt hatte. Ich ahnte nicht, dass mein Geschenk wenig später als Galgenstrick fungieren sollte.

Warum hatte ich nicht gespürt, dass mein Freund einen harmlosen Alltagsgegenstand  bereits mit ganz anderen Augen gesehen  haben musste, als ich? Ich entwickelte ein unerträglich schlechtes Gewissen, denn jetzt sah auch ich es gestochen scharf, ein geeigneteres Tool hätte ich ihm für sein Vorhaben nicht an die Hand geben können. Jetzt verband mich diese Leine mit ihm, wie eine toxische, unsichtbare Schnur. An ihr hangelte er sich nun wie ein Wiedergänger aus dem Grab heraus an meinen Gehirnwindungen entlang und er sah zunehmend schrecklicher dabei aus. Rational war mir natürlich vollkommen klar, dass ich nicht schuld an seinem Tod war und dass mein zu Lebzeiten so enger Freund mir nicht derart übel mitspielen würde, vor allem aber, dass es keine Wiedergänger gab. Ich selbst hatte als Gothic-Girl ein umfassendes Vampirwissen angehäuft, selbst Vorträge zu Nachzährern und Aufhockern gehalten, ein wissenschaftliches Interesse daran aber auch  eine ironische Distanz dazu. Neben meinen Lippenstiften standen die obligatorischen Vampirzähne zum Aufkleben und mein Blutsauger-Top trug ich mit einem Augenzwinkern auch vor unseren hochkarätigen Gästen am Arbeitsplatz. Ergriff mich nun ein absurder Aberglaube wegen dieses kaum zu verarbeitenden Verlusts meines Freundes, mit dem ich Themen geteilt hatte, die so tief unter der Oberfläche verborgen lagen, wie nun sein Sarg?

Zu meiner eigenen Überraschung machte mir die Erdbestattung extrem zu schaffen. Wir hatten unserem Freund auch persönliche Gegenstände mit ins Grab gegeben, die sein und unser Zusammensein ausgemacht hatten. Ich sah ihn nun ständig auch im Umgang mit diesen Objekten, in dem Zustand, in dem er jetzt war. Wie Verwesung aussah wusste ich aus einem Schwerpunktseminar meines Studiums. Ich hatte davon zuvor nie Alpträume bekommen. Nun mischte sich mein Leichenwissen zusätzlich mit diversen Szenen aus tiefenwirksamen Horrorfilmen. Meine Blindheit schützte mich vor diesem Kopfkino nicht, ganz im Gegenteil. Ich war doch eigentlich nicht erstmals mit dem Tod konfrontiert, hatte bereits in jüngeren Jahren Freund*innen an  Drogen verenden sehen und als Praktikantin in einem Pflegeheim mehrere Sterbeprozesse miterlebt. Hier verquickte sich jedoch etwas Neues: der Suizid meines Freundes und ein heftiger Erblindungsschub, der sich an ein Phänomen koppelte, was als Phantomsehen bezeichnet wird. Heute weiß ich, dass diese Schübe auch immer mit schweren Lebensereignissen einhergingen und dass Phantomsehen bei spät erblindeten Menschen nicht selten vorkommt. Das Gehirn gaukelt aus Ermangelung realer Seheindrücke Phantasiebilder vor, die sehr verunsichernd sein können. Das hatte sich bei mir auch in anderen Alltagszenarien abgezeichnet, die durchaus irritierend und sogar gefährlich für mich waren. So sah ich manchmal z.B. Treppen, Straßen oder Hindernisse an anderen Stellen, als sie sich tatsächlich befanden, und ich musste erst lernen, dem Phantomsehen weniger zu vertrauen, als meinen anderen Sinnen. Manchmal schaltete sich auch ein rudimentärer Sehrest dazu. Aus Umrissen und Schatten entstanden Kreaturen und Kreationen, die sich mir als wahrhaftig aufdrängten. Ich erfuhr zu dieser Zeit von meinem Neurologen, dass auch ertaubende Menschen manchmal diese Sinnesgaukeleien erleben und Geräusche aus der Erinnerung heraus hören, die reell nicht mehr wahrgenommen werden können. Das kann ganz schön Spuk im Kopf machen. Bekannter ist den meisten Menschen vermutlich der Begriff des Phantomschmerzes. Wer ein Bein oder einen Arm verloren hat, empfindet oft an der fehlenden Stelle starke Schmerzen.

Mein Phantomsehen jedenfalls zeigte mir nun ungefragt rund um die Uhr Bilder meines verfaulenden Freundes. Ein sehender Mensch hätte das Licht anschalten und diese irren Gespinste wie Seifenblasen zerplatzen lassen können. Besonders nachts, wenn ich allein in der Wohnung war, machte es mir große Angst, nichts außer diesen inneren Horrorfilmen vor Augen zu haben. Der Lichtschalter konnte mich nicht aus diesen Gruselkulissen in die Realität knipsen. Manchmal traute ich mir kaum, die Hand auszustrecken, aus Furcht, dann auch berühren zu müssen, was ich da sah. Wie sehr wünschte ich mir den erlösenden Effekt meiner Nachttischlampe. Ein sinnloser Gegenstand für eine blinde Frau. Eine Freundin, der ich mich anvertraut hatte, bastelte mir ein Bällchen mit einer Glocke, was an einer Schnur befestigt war. „Wirf es vor dir her, wenn du denkst, da ist im Dunkeln jemand“, hatte sie gesagt. Ich kam mir ziemlich strange vor, das wirklich zu machen, aber ich freute mich über die Idee und baumelte mir den Wiedergängerschreck ans Bettgestell. Wenn mein Partner bei mir schlief, fühlte ich mich etwas sicherer, aber es war schwer ihm zu vermitteln, dass mich diese furchterregenden Bilder ständig begleiteten, auch während unseres Zusammenseins. Ich war eine souveräne Frau und ich schämte mich für etwas, was ich mir damals selbst kaum erklären konnte.

Ich versuchte mich, an die schönen Momente zu erinnern, die ich mit meinem verstorbenen Freund zelebriert hatte, aber seine grauenvollen Heimsuchungen blieben dominanter. In unserem Bekanntenkreis war es in letzter Zeit überwiegend um sein Sterben gegangen und wie er gefühlt haben musste. Ich hatte lange überlegt, ob ich mich am offenen Sarg von ihm verabschieden sollte, ob ich das schaffen würde. Mangels Augenlicht hätte ich ihn erfühlen müssen, um ihn wahrnehmen zu können. Ich wusste nicht, ob das erlaubt war und hatte damals noch zu viel Respekt vor den Gerüchen und den Tasteindrücken, die mir noch so viel näher kommen könnten, als ein Abschied mit den Augen. Bei meiner Oma und meiner Hündin würde ich mir das viele Jahre später zutrauen. Die Mutter meines Freundes durfte als nahe Angehörige dabei helfen, seinen Körper zu versorgen, zu waschen, einzucremen und einzukleiden. Freund*innen, die ihn noch einmal sehen wollten, erzählten mir, dass seine Ohrläppchen geschrumpft und die Augenlider eingefallen waren. Zur Beerdigung gab es ein Sichtfenster in der Sargabdeckung. Mein Sitznachbar berichtete, dass unser Freund inzwischen bärtiger als gewohnt aussah. Das kannten wir aus Vampirgeschichten. Früher glaubten die Menschen, dass ihre Verstorbenen untot waren, weil Nägel und Haare weiter wuchsen. Heute weiß man, dass dieser Eindruck entsteht, weil die Haut austrocknet.  Ich glaube, diese direkte Auseinandersetzung mit dem Aussehen unseres verstorbenen Freundes und diese ganze körperliche Entwicklung über mehrere Tage, war für uns noch sehr junge Menschen damals echt intensiv. Nicht jede/r kannte Erdbestattungen und die gewählten Abschiedsrituale aus der eigenen Familie und auch der tiefgehende Dialog über den leblosen Leib wäre bei einer Feuerbestattung nicht möglich gewesen.  War das gut oder schlecht? An sich war das gut,  denn auch wenn wir als Anhänger*innen der Gothic-Szene dem Thema Tod und Sterben gegenüber glaubten offener zu sein, als der Mainstream, benötigten auch wir in der direkten Konfrontation ein Annähern und Zurechtfinden.

Unser Freund hatte es uns leicht gemacht und detailliert aufgeführt, was er sich für seine Bestattung wünschte. Er hatte in den letzten Jahren innerhalb der Szene legendäre Events organisiert und so war es auch diesmal. Die „Veranstaltung“ war wie immer gut besucht, wie auf seinen Partys trug man schwarz, es gab Kunst und Kultur, auch von ihm selbst und eine Flut von Naturblumen, wie er sie auf seinen Hundespaziergängen gesammelt hatte. Ich hatte in mein Gesteck eine Ingwerwurzel eingewoben, denn wir beide liebten Ingwer zu Sushi und er hatte mir das Sushi-Essen beigebracht. Ich versuchte seine Gedichte, unsere Gespräche, sein unversehrtes Gesicht und unsere Genüsse in mir bunt und lebendig werden zu lassen, aber es wollte mir einfach nicht gelingen.

Es gab da eine gefühlte offene Rechnung, dieses fortwehrende schlechte Gewissen. Ich hatte nichts von seiner Suizidalität geahnt, seine Depression nicht lesen können, ich kannte mich damals damit überhaupt nicht aus. Erst viel später in meinem Leben machte ich selbst Bekanntschaft mit dem „schwarzen Hund“. Ich habe vermutlich alles zu ihm gesagt, was man nicht zu einem Betroffenen sagt, das komplette Bullshit-Bingo rauf und runter. „Freu dich daran, dass du sehen kannst, dass du laufen kannst“, war mit Sicherheit auch dabei. Ich konnte das nicht bewusst reflektieren, mein Gewissen konnte es schon. Ich riet ihm, alles aufzuschreiben, was ihn belastete. Er hatte Angst um seine Gesundheit, seine Beziehung, seine berufliche Zukunft. Ich ahnte nicht, dass aus seinen Notizen sein Abschiedsbrief werden würde. Auch dafür, ungewollt dieses letzte Worddokument auf seinem klaffenden Laptop initiiert zu haben, machte ich mir furchtbare Vorwürfe. Und nun auch dafür, dass ich ihm am Sarg nicht noch einmal die kalte Hand gehalten hatte. 

Wann aber zerriss das toxische Band? Wann verschwand der Wiedergänger aus meinem Leben? Gepfählt hatte ich ihn nicht und ich hatte ihm auch nicht die Sehnen durchtrennt oder die Knochen gebrochen. Nach der Beerdigung hatte mir die Mutter meines Freundes hin und wieder geschrieben. Vielleicht hatte sie gehofft, durch diesen Kontakt ein Stück Lebendigkeit von ihm zu bewahren. Ich war zwiegespalten, weil ich mir nicht sicher war, ob er diese Kommunikation gewollt hätte. Das triggerte ein erneut schlechtes Gewissen. Noch mehr Futter für den Nachzährer? Eines Tages, nachdem wir lange nicht mehr geschrieben hatten, meldete sie sich wieder mit einem Mail-Brief, der für mich eine entscheidende Information enthielt. Von diesem Moment an verschwanden die grausamen Phantombilder. Ich weiß ihre abschließende Kontaktaufnahme unbeschreiblich zu schätzen, denn für Eltern, die auf eine so schreckliche Weise ein Kind verloren hatten, konnte es eine Zumutung sein, sich mit Detailfragen  zu befassen, die für sie selbst innerhalb der Verlusterfahrung eine unerhebliche Rolle spielten. Ihr musste jedoch im Bewusstsein geblieben sein, mit welchen Gedanken ich mich quälte. In meinem Kopfkino hatte sich ein Kippschalter umlegen können. Seit dem Tag ihrer Botschaft, saß ich nun versöhnt vor meinem inneren Auge mit meinem wunderschönen Freund musikhörend und philosophierend auf dem Sofa, während es sich seine geliebten Ratten in meinen Haaren gemütlich machten. Wenn ich Sushi bestellte, war stets ein Röllchen für ihn dabei. Aus meinem schlechten Gewissen wurde tiefe Trauer und große Dankbarkeit dafür, einen so wertvollen Menschen gekannt zu haben. Ich hatte etwas für mich entscheidendes erfahren. Ich hatte erfahren, was mir meinen Freund nicht zurückbrachte, aber den Wiedergänger begrub. Ich hatte erfahren, dass „es“ nicht mit meiner Hundeleine geschehen war.

Diese Kolumne erschien in der Ausgabe 20 der „DRUNTER + DRÜBER“ zum Thema „Untot und Tod“. Das aktuelle Magazin für Endlichkeitskultur gibt’s hier (externer Link) als Print- und Digitalfassung