Keine richtige Frau

Jennifer Sonntag sitzt auf einer weißen Bank vor einem Schaufenster. Sie trägt ein kurzes schwarzes Kleid mit einer schwarzen Corsage. Ihr linker Arm ist mit einem langen schwarzen Handschuh bekleidet. Ihr Kinn hat sie sinnierend auf ihre rechte Hand gestützt. Sie hat die Beine übereinander geschlagen. Ihre langen schwarzen Haare trägt sie offen und mit einem schwarzen Faszinator (kleiner Hut zum in die Haare stecken) verziert.
Jennifer Sonntag auf einer Bank sitzend; Foto: Jasmin Zwick
Teil 1: Keine „richtige“ Frau? Zwischen Zuschreibungen und Selbstermächtigung
In Teil 1/3 ihrer Kolumne erzählt Autorin Jennifer Sonntag darüber, wie ihre Selbstwahrnehmung als Frau durch Fremdwahrnehmung geprägt wurde, welche internalisierten Vorurteile sie selbst beschäftigt haben und welche Auswirkungen das auf ihre Partnerschaften und die Frage nach Mutterschaft hatte. 

„Eine richtige Frau?“ – Ableismus im Alltag

„Haben Sie mal darüber nachgedacht, sich eine richtige Frau zu suchen?“, fragte die Fernsehjournalistin meinen verdutzten Partner während der Dreharbeiten zu einem Beitrag für die ARD. Auch ich war eine Frau vom Fernsehen und der Sender wollte meine Arbeit als blinde TV-Moderatorin begleiten. Ein kleines bisschen Privatleben sollte auch dabei sein. Wir suchten mein Lieblingsschmuckgeschäft auf und mein Freund sollte mir vor der Kamera eine extravagante Kreation nach der anderen zum Ertasten in die Hand reichen. Die Fernsehjournalistin, selbst bekennend auf Partnersuche, fand das sehr rührig und stellte natürlich „nur im Interesse der Zuschauer*innen“ die obige Frage. Ich hatte mehrere Tage daran zu knabbern und mein Partner auch. Immerhin hatten wir für den Beitrag mehrere meiner Wirkungsstätten besucht und gezeigt, was ich als „richtige“ Frau, als Sozialpädagogin, Autorin, Journalistin und Aktivistin auf die Beine stellte. Was aber blieb, war die unvollkommene Weiblichkeit aufgrund meiner Behinderung.

Mehr leisten müssen

Gerade das war viele Jahre lang der Grund für meinen unbewussten Antrieb gewesen, immer mehr leisten zu müssen als andere, um etwas wert zu sein. Das galt für meine Bildung, meine Berufe und Berufungen, mein Äußeres und auch für meinen Anspruch an mich selbst, wie ich als Partnerin zu sein hatte, um keine Erwartungen zu enttäuschen, auch die von denen nicht, die meine Beziehung gar nichts anging. Aber egal wie ich mich engagiert hatte, ich hätte mich wohl auch überhaupt nicht erst erblindend durch Abitur, Studium, anspruchsvolle Berufe und Qualifikationen kämpfen müssen, am Ende blieb scheinbar für einen großen Teil derer, die sich ein Bild von mir machten, die fehlerhafte Frau. Oder war ich gerade deshalb fast schon eine Provokation für die vermeintlich „richtige“ Frau, weil ich als behinderte Geschlechtsgenossin einiges erreicht hatte und aus der Schablone ausgebrochen war? 

Internalisierter Ableismus

Wenn ich mich auch über den Gedankengang dieser Journalistin sehr ärgerte, hatte ich ihn selbst, bedingt durch eigene Prägungen, viele Jahre verinnerlicht. Das fiel mir auf, als ich kürzlich für die Vorbereitung einer Lesung in meinen frühen Büchern stöberte. 

Ich entdeckte an meinem jüngeren Ich Denkmuster und Glaubenssätze, die man heute als internalisierten Ableismus bezeichnet. So schrieb ich in „Verführung zu einem Blind Date“, dass ich mir selbst keine Partnerschaft mit einem blinden Mann vorstellen könne und furchtbar in Resonanz geriete, wenn mich Menschen immer wieder fragten, ob mein Freund auch blind sei. Es störte mich, dass man mir keinen sehenden, keinen richtigen(?) Mann zutraute. Hätte ich meine Gefühle damals nicht aufgeschrieben, würde ich heute nicht glauben, dass ich so etwas gedacht habe. Die Auseinandersetzung mit internalisiertem Ableismus hat mir sehr dabei geholfen, besser zu verstehen, wie sich Abwertungen durch die Gesellschaft auf das Selbstwertgefühl behinderter Menschen auswirken können. Auch erleichterte es mich sehr, dass in den letzten Jahren auch andere Menschen mit Behinderungen darüber sprachen, was es mit ihnen gemacht hat, dass sie sich früher z.B. manchmal sogar dafür geschämt haben, inmitten einer Behindertengruppe im Stadtbild gesehen zu werden. Man konnte sich aufwerten, wenn man sich in Begleitung nicht behinderter Freund*innen zeigte. Ist das nicht schmerzlich und traurig? Heute habe ich diese Gefühle nicht mehr und schäme mich für Menschen, die sich ableistisch verhalten. Aber das erforderte einen Prozess in mir und Bewusstseinsbildung in der Gesellschaft, was sich eben gegenseitig bedingt. Ich befand mich damals selbst in eigenen Bewältigungsphasen und blinde Männer spiegelten wider, was ich an mir „noch“ nicht annehmen konnte, weil ein Stigma darauf lag. Mittlerweile irritiert es mich aus anderen Gründen, wenn wildfremde Menschen mich vollkommen unvermittelt fragen, ob mein Partner auch blind ist. Das wäre in etwa so, als würde man eine Person of Color (PoC) fragen, ob sie auch mit einer PoC verpartnert ist. Das kann sein, muss aber nicht. 

Mutter oder nicht?

Der Frage nach meiner Partnerschaft schloss sich nicht selten auch gleich die Frage zu meiner Mutterschaft an. Als ich besonders damit haderte, wegen einer unheilbaren Augenkrankheit auf beiden Augen vollständig erblinden zu müssen, konnte ich mir kein eigenes Kind vorstellen. Ich wollte ihm ersparen, was ich selbst zu dieser Zeit als die unfairste Zumutung der Welt empfand. Während sich blinde Mütter oft dafür rechtfertigen mussten, wie sie sich als behinderte Frau überhaupt erlauben konnten, ein oder gleich mehrere Kinder in die Welt zu setzen, musste ich mich oft dafür erklären, warum ich es damals nicht wollte. Egal wofür wir uns entscheiden, Frauen mit Behinderungen sind oft einer viel stärkeren Bewertung ausgesetzt als Frauen ohne Behinderungen. Mit Kind sind sie nicht „richtig“ und ohne irgendwie auch nicht. Nachdem ich mich auch hier durch einen farbenfrohen Prozess der Blindheitsverarbeitung getastet hatte, änderte sich meine Einstellung über die Jahre. Die Lebensfreude eines Kindes würde nicht davon abhängen, ob es sehen kann oder nicht. Viel schlimmer als die Tatsache zu erblinden, waren für mich im Nachhinein Erfahrungen wie Mobbing oder verhinderte Zugehörigkeit. Nicht das behindert-sein, sondern das Behindert-werden verursachte mir die schmerzhaftesten Lebensbrüche. Im Laufe der Zeit wurden behinderte Menschen, auch Mütter, durch die sozialen Medien sichtbarer und ich erlebte dadurch einen wahren Empowerment-Schub. Auch gab es inzwischen mehr Möglichkeiten, abklären zu lassen, ob meine Augenkrankheit überhaupt meine Nachkommen betreffen würde. Ich hatte einen Mann gefunden, bei dem ich erstmals das tiefe Gefühl verspürte, mit ihm ein Kind haben zu wollen. Aber auch er, als nicht behinderter Part, brachte seine Geschichte mit, wozu bereits zwei Kinder gehörten und alle emotionalen und finanziellen Herausforderungen, die mit seiner Trennung einhergegangen waren. Wo ich noch hin wollte, war er längst gewesen und für die Gründung einer neuen Familie war er alles andere als frei. Mein aufflammender Kinderwunsch wirkte deplatziert. Heute betrauere ich, dass dieses Kapitel den Umständen zum Opfer fiel. Als sich seine Situation stabilisiert hatte, kam die schwere neuroimmunologische Erkrankung ME/CFS in mein Leben, die mir letztlich das körperliche Bewältigen einer Schwangerschaft verunmöglichte. Dass ich kinderlos bin, lässt mich mit einer Narbe zurück, nicht, weil ich mich dadurch als unvollkommene Frau fühle, sondern weil ich mich frage, ob ich die für mich jeweils richtigen Entscheidungen treffen konnte und welche Rolle Fremdbestimmung und internalisierter Ableismus in meinen Abwägungen spielten.

Klischee Küche

Aber gehört eine blinde Frau nicht, wie alle anderen „richtigen“ Frauen, an den Herd? Ironieschalter aus! Ich sage ja immer: Meine Kompetenz liegt im Essen, nicht im Kochen. Das lässt sich auch damit begründen, dass drei meiner Partner Köche waren. Ich schwöre bei aller Liebe zu meinem Blindenführhund: Das war reiner Zufall! Ich kenne allerdings viele blinde, wie auch sehende Frauen, die hervorragend kochen können und solche, die es nicht zu ihren größten Leidenschaften zählen. Anders war das bei mir beim Thema Heimwerken. Mein Vater hatte mich, als ich noch sehen konnte, immer als kleine Handwerkerin bezeichnet. Und die konnte ich nach meiner Erblindung wirklich schwer loslassen. Ich werkelte gern und beobachtete meinen Paps stundenlang interessiert bei allerlei Arbeiten, um von ihm zu lernen. Kleinere, besonders knifflige Reparaturen, übernahm ich auch gerne selbst. Wenn ich auch von blinden Menschen weiß, die sich an Säge und Bohrmaschine trauen, verlor ich mit schwindender Augenkontrolle die Freude am Heimwerken, was meine innere Handwerkerin noch heute sehr schmerzt. Als ich erblindete, lernte ich hilfreiche Techniken aus dem Bereich der lebenspraktischen Fertigkeiten kennen und hatte auch durchaus Spaß daran, kochen und backen zu lernen. Außerdem hatte ich auch das Gefühl, es wird von mir als gute blinde Frau erwartet, all diese Dinge zu können. Ich finde es wichtig, Menschen mit Behinderungen vielseitige Schulungsangebote zu machen, aus denen sie dann selbst Schlüsse für ihren Alltag ziehen können. Ich persönlich begriff irgendwann, dass ich auch als sehende Frau nicht die Heldin des Kochtopfs geworden wäre und konnte das Thema gut an den Mann am Herd abgeben. Wer glaubt, aus der Küche schnuppert es deshalb nach Helferkomplex, den nehme ich gern mit in den zweiten Teil meiner Kolumnenreihe. 

Teil 2: Keine „richtige“ Frau? Abrechnung mit dem Helferkomplex
Was macht eine gleichberechtigte Beziehung aus – und warum wird ausgerechnet behinderten Frauen oft abgesprochen, „Gebende“ zu sein? In Teil 2/3 ihrer Kolumne berichtet Autorin Jennifer Sonntag von stereotypen Zuschreibungen, ungleichen Maßstäben und dem Kampf um Selbstermächtigung.

Helferkomplex, wirklich?

Ich hatte meinen Partner kennengelernt, als er Keyboarder meiner damaligen Lieblingsband war. Ungern erinnere ich mich daran, dass nach einem Konzert eine Psychologiestudentin aus seinem Dunstkreis an ihn herangetreten war, um ihn über seinen Helferkomplex zu unterrichten. Mich hatte das sehr verletzt, denn Menschen gingen oft davon aus, mein Freund style mich für Events, käme für mich auf und versorge mich. Dabei hatte ich erfolgreich ein damals noch alles andere als barrierefreies Studium absolviert und arbeitete inzwischen bereits seit einigen Jahren in meinem Beruf als Sozialpädagogin, die ihr eigenes Geld verdiente. Für meinen Stil war ich auch selbst verantwortlich und wenn wir ausgingen, schenkte mir mein Freund maximal einen kurzen Lippenstiftkontrollblick. Ich war subkulturell umtriebig und vielbeschäftigt. Die gemeinsame Leidenschaft für die Gothic-Szene, für Musik und Literatur, unsere Werte und Haltungen hatten uns zusammengeführt und sie waren Triebfedern unseres Wirkens.

Geld und Vorurteile

Auch wenn Geld ein Thema war, über das wir uns eben nicht definierten, möchte ich es an dieser Stelle aus dem Portemonnaie holen, gerade weil ich als behinderte Frau immer wieder in ein Rollenmuster gepresst wurde, was mir nicht entsprach. Ich habe das oft einfach so hingenommen, weil ich selbst ja wusste, wer ich bin und was ich kann, litt aber unter den reproduzierten Vorurteilen, die sich lange nicht von selbst auflösten. Die Menschen, die meinen Partnern einen Helferkomplex unterstellten, sahen nicht, welchen Teil ich in Beziehungen übernahm, nicht den finanziellen und nicht den sozialen Support. Auch die Männer an meiner Seite brachten ihre Herausforderungen mit, die ihnen nicht, wie in meinem Fall der Blindenstock, anzusehen waren. Oft war ich es, die im Lokal die Rechnung übernahm und manchmal schob ich dem anderen heimlich das Geld zu, damit es so aussah, als ob er zahlte. In monetär schwächeren Zeiten meiner Partner hatte ich den überwiegenden Teil unserer Ausgaben und Anschaffungen gestemmt. Hilfestellungen meines Partners im Haushalt glich ich ebenfalls finanziell aus. Und das spätere Auto, was der Mann an meiner Seite fuhr, war meines. Damit ging ich stets diskret um, finde es aber heute für die Selbststärkung behinderter Frauen wichtig, diese Investitionen transparent zu machen. Außenstehende können sich oft nicht vorstellen, dass auch eine behinderte Frau eine Unterstützung sein kann. Was die finanzielle Seite angeht, darf man mich nicht falsch verstehen und gar glauben, ich sei besonders privilegiert gewesen. Ich wuchs im Plattenbau auf und entsprang keinem Akademiker*innenhaushalt. Als sehbehinderte Studentin durfte ich wegen der Eingliederungshilfe nichts ansparen. Da ich zwischen hochgradiger Sehbehinderung und Erblindung schwebte, bekam ich jedoch noch keine blindentechnischen Hilfen erstattet und musste viele Ausgleiche von meinem wenigen Geld selbst zahlen. Sozialpädagogik hatte ich auch nicht studiert, weil ich in diesem Beruf richtig viel Schotter machen würde. Nachdem ich diesem Tätigkeitsfeld viele Jahre die Treue gehalten hatte, war ich in den letzten Jahren durch einen neuen Abteilungsleiter so erheblich durch Bossing betroffen, dass ich schwer erkrankte. Und meine Fernseharbeit? Mit einer Vorstellung kann ich auch aufräumen: Ich habe beim Fernsehen kleine Honorare bekommen und nie so viel verdient, wie Menschen in dieser Branche normalerweise verdienen. Obwohl ich am längsten dabei war, habe ich im Vergleich zu männlichen Mitstreitern mit Behinderung, am Ende am wenigsten erhalten. 

Ungleiche Maßstäbe

Ich bin froh, nie von einem Mann finanziell abhängig gewesen zu sein und mir fällt es heute noch schwer, Geschenke anzunehmen, da ich mich gegen die Rolle der Nehmenden wehre. Aber es fühlt sich schon fair an, dass mein Partner und ich uns nun seit einigen Jahren unbelasteter in unsere Ausgaben hinein teilen können und ich lerne zu genießen, auch mal die Eingeladene zu sein. Was mich wundert ist jedoch, dass mir im Laufe meines Lebens immer wieder Männer begegneten, die ihre nicht behinderten Frauen tatsächlich unterhielten, hier von außen aber kein Helferkomplex unterstellt wurde. Das funktioniert sogar im großen Stil und ist eher positiv konnotiert: der Mann finanziert das Haus, den Urlaub, das Hobby, die Beauty-Behandlungen etc.
Auch hatten mich einige Reaktionen auf mein Buch „Hinter Aphrodites Augen“ nachhaltig irritiert. „Mann“ wunderte sich, dass ein großer Teil der blinden Frauen, die darin zu Wort kamen, Ausbildungen durchlaufen hatten, sich in vielseitigen Projekten engagierten, berufstätig und sogar verpartnert oder verheiratet waren. Gerade weil Frauen mit Behinderungen noch immer in vielen Bereichen der Teilhabe benachteiligt sind, in der Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, im Gesundheitssystem, in der Altersvorsorge, beim Schutz vor sexualisierter Gewalt, gilt ihnen aus meiner Sicht Respekt dafür, dass sie diese  Hürden ganz selbstverständlich parallel zu ihren Alltagsanforderungen stets mitnehmen müssen. Statt das anzuerkennen, wurde auch hier unverblümt gefragt, ob ein Mann, der sich auf eine solche Frau einließ, wohl einen Helferkomplex habe. Selbst wenn sich eine behinderte Frau zehnmal mehr bemüht, um sich aus sämtlichen Rollenklischees freizuschwimmen, wird es immer Menschen geben, die sie nicht als vollwertig akzeptieren. Ich bin inzwischen auch dagegen, dass sie diesen Kampf kämpfen muss. Ich frage mich mit einem Augenzwinkern: Dürfte sich eigentlich auch eine blinde Beauty-Queen von Mister Big in seinem Haus auf Teneriffa das Leben versüßen lassen und ist das dann kein Helferkomplex? Ich jedenfalls bin nicht auf der Suche nach Mister Big, aber manchmal eine kleine Beauty-Queen, wovon ich u.a. im dritten Teil meiner Kolumnenreihe erzähle.  

Teil 3: Keine „richtige“ Frau? Stilsuche, Sexualität und Selbstbestimmung
Schönheit als Stärke, Lippenrot als Statement, Rebellion gegen Rollenbilder: In Teil 3 erzählt Jennifer Sonntag, wie sie sich als erblindende Frau gegen normierte Vorstellungen von Weiblichkeit, Sexualität und Behinderung aufgelehnt hat – mit Stil, Kunst, Eigensinn und einer Prise Parfum.

Styling als Selbstermächtigung

Ich befasse mich gern mit Schönem, um das Unschöne besser beim Kragen packen zu können. Deshalb möchte ich auch manchmal in Lippenstiftfarben denken und mir ein Parfum auftragen, was mich optimistisch durch den Tag trägt. Ich bin in einem Reha-System aufgewachsen, in dem einige Pädagog*innen der alten Schule es nicht so gern sahen, wenn man sich als sehbehindertes Mädchen für Mode und Styling interessierte. „Quadratisch, praktisch, gut“ war die Devise. Kurze Kleidchen, lange Haare, auffällige Ohrringe, alles nicht gerade erwünscht. Sicher schwang bei unserem Erziehungspersonal auch immer die Angst vor sexuellem Missbrauch mit, was nicht ganz unbegründet war, denn den gab es auch an unserer Schule, ausgeübt von einem der damaligen Internats-Pädagogen. Dennoch mochte ich meinen „Mädelskram“, denn ich sah mich nicht mit den Augen erwachsener Männer. Ich war ein Girl mit BRAVO-Sozialisation, nur eben mit Sehbehinderung, was dazu führte, dass ich von nicht behinderten Gleichaltrigen abgelehnt wurde.

Abgrenzung aufgrund von Ausgrenzung

So erlebte ich auf dem Regelgymnasium Ausgrenzung und Mobbing. Zu den Markenmädels konnte ich nicht dazugehören und ich litt zunehmend unter ihrem Tussi-Overload. Als Reaktion auf diese Erfahrung lehnte ich nun konsequent alles ab, was Mädchen in der Mainstream-Welt so trugen und machten.  Ich ging in die Punkszene. Schwere Stiefel, Lederjacke mit Baumarktketten, krasse bunte Haare – das kaschierte meine Dioptrien. Inzwischen war kaum zu unterscheiden, ob ich Junge oder Mädchen war, unisex, Was manch alter Reha-Pädagogin hätte entgegenkommen müssen. Aber mit diesem extremen Look stellte ich, zurück an der Sehbehindertenschule,  natürlich einen neuen Störfaktor dar. Später glitt ich von der Punk- in die Gothic-Szene über und kleidete mich wieder betont feminin und der Subkultur entsprechend auch betont schwarz. Diese Zeit war eine sehr bildungsintensive Phase in meinem Leben und meine Kleidung war der Ausdruck einer tiefgründigen und sinnlichen Auseinandersetzung mit der Welt um mich herum und meinem eigenen Erblindungsprozess. Ich kreierte meinen Look jedoch nicht für Männer, von denen sich manche durch meine extravagante Aufmachung nun übertrieben angezogen fühlten. So erlebte ich viele „falsche Engel“, die mir nicht nur über die Straße, sondern am liebsten auch gleich ins Schlafzimmer geholfen hätten.

Halt und Haltung

Mir wurde bewusst, dass ich diese Erfahrungen als sehende Frau nicht in einer so extremen Weise machen würde. Aber sollte ich mich deshalb in Sack und Asche hüllen? Sollten die Reha-Pädagoginnen der alten Schule doch Recht behalten? Als junge Frau bekam ich nun nochmal mehr zu spüren, was das Mädchen damals in seiner kindlichen Naivität noch nicht reflektieren konnte. Ja, es machte mir Angst, mit zunehmender Erblindung schlechter aus heiklen Situationen fliehen zu können. Aber es war eigentlich egal was ich tat und wie ich mich kleidete, Gewalt war immer ein Thema und Menschen hatten sich mir gegenüber in verschiedensten Lebensphasen übergriffig verhalten: weil ich eine Behinderung hatte, weil ich der Punk- oder der Gothic-Szene angehört hatte, weil ich mal zu hübsch und mal zu hässlich angezogen war. Aber war ich deshalb „nicht richtig“? Erst mit über 40, in unserem Selbstverteidigungskurs für blinde Frauen, durfte ich lernen, dass eher an denen, die andere mobben, zusammenschlagen oder missbrauchen, etwas „nicht richtig“ ist. Halt und Haltung gab mir in den letzten Jahren, insbesondere seit ich zusätzlich mit starken Schmerzen und ME/CFS lebe,  die Kunst der mexikanischen Malerin Frida Kahlo. Ich bedauere sehr, dass ich das Gesamtwerk, was sie hinterließ, nicht sehen kann. Ihre Art, die eigene Behinderung und die damit verbundenen Schmerzen sowohl in ihr kreatives Schaffen als auch in ihren Modestil zu integrieren, empowert mich immens und stärkt mein Selbstbewusstsein.

Schönheit als Akt der Selbstfürsorge

Auch wenn ich mich nicht als besonders oberflächlichen Menschen bezeichnen würde, ganz im Gegenteil, spielt auch das Thema Beauty in meinem Leben eine nicht unerhebliche Rolle. Sehende Kundinnen fragten manchmal neugierig meine Kosmetikerin oder Nageldesignerin, warum sich „die Blinde“ diesen Behandlungen unterzöge, wenn sie doch ohnehin nichts mehr sehen könne. Ich verstehe diese Gedanken nicht. Hört Frau auf sich zu pflegen, nur weil sie erblindet ist? Gerade bei schwindender Augenkontrolle kann es doch sinnvoll sein, diese Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen, um sicher zu gehen, dass alles im Rahmen ist. So traue ich mir z.B. nicht mehr zu, mir vollblind allein die Haare zu färben. Es gibt jedoch viele Handgriffe im Beauty-Bereich, die ich sehr wohl selbstständig bewältigen kann und darüber habe ich ein Buch geschrieben. In „Der Geschmack von Lippenrot“ biete ich blinden Frauen eine Schminkschule für den Spürsinn und einen Image-Ratgeber an und gehe mit ihnen von Körperkult bis Kleiderschrank durch viele Themen, die unser inneres und äußeres Spiegelbild betreffen. In den insgesamt 20 Jahren, die ich überwiegend sozialpädagogisch tätig war, kamen immer wieder Mitblindinen auf mich zu und baten mich, meine Selbststärkungskurse speziell für die Bedürfnisse blinder Frauen zuzuschneiden. So entstanden umfangreiche verschriftlichte Workshop-Sammlungen.

(Fehlende) Vorbilder

Bemerkenswert ist, dass es bereits 50 Jahre her ist, als erstmals eine erblindete Frau für andere blinde Frauen eine Handreichung zum blinden Schminken veröffentlicht hatte. Das war das Pirozzi-Papier. Sehende Frauen werden im Gegensatz dazu täglich mit neuen Beauty-Tipps überschwemmt, die für uns blinde Anwenderinnen jedoch anders geschrieben werden müssen. Natürlich möchte ich auch blinde Männer und generell alle blinden Menschen ansprechen, die sich für meine Themen interessieren. Gleichermaßen respektiere ich aber auch blinde Frauen, die gar nichts mit Mode am Hut haben und denen der Lippenstift getrost gestohlen bleiben darf. Das ist auch vollkommen ok. Mir ist nur wichtig, dass jede von uns selbstbestimmt wählen kann und nicht verbittert, weil sie sich fühlt wie der Fuchs, der nicht an die Trauben kommt. Mir fehlten als junge erblindende Frau behinderte Vorbilder aus der Popkultur, besonders andere Frauen, mit denen ich mich identifizieren konnte. So entwickelte ich mich in einer visuell geprägten Welt stets aus mir selbst heraus, egal ob vor Foto- und Fernsehkameras, auf Lesebühnen oder vor meinen Seminargruppen.

Mediale Klischees

Auch in meiner Rolle als blinde Schriftstellerin, die erotische Texte schrieb, fühlte ich mich lange mit meiner Ambition allein. Warum war es mir überhaupt wichtig, neben meinen eher sozialpädagogisch und autobiografisch geprägten Büchern, dieses Genre zu bespielen? Es hatte mit gesellschaftlichen Denkmustern und reproduzierten Bildern in den Medien zu tun, mit denen ich nicht einverstanden war. Manchmal setzten Frauenzeitschriften wirklich gute Beiträge über mich um, häufig wurde jedoch vermittelt, dass behinderte Frauen ja froh sein könnten, überhaupt einen Partner abzubekommen. Der nicht behinderte Mann wurde dann als heiliger Samariter in den Himmel gehoben.  Dieser Blick auf behinderte Frauen ließ mich auch künstlerisch wehrhaft werden. Hatten wir nicht eine ganz eigene Leidenschaft, Sinnlichkeit, einen eigenen Hunger und auch eigene Forderungen?

Eigene Projekte

Ich rief mit meinem Buch- und Lebenspartner Dirot das Kunst- und Literaturprojekt „Liebe mit Laufmaschen“ ins Leben. Darin geht es jedoch gerade nicht um uns als Paar, sondern um unsere Protagonist*innen, die alle eine symbolische „Laufmasche“, einen Lebensriss mitbringen, den wir jenseits von Behinderung reizvoll und diskutierbar finden. Parallel zu unserem Buch begann ich, Ideen für erotische Kohlezeichnungen zu entwickeln und diese sogar blind gemeinsam mit meinem sehenden Partner auf Papier zu bringen. Die Ergebnisse können sehende und auch blinde Betrachtende, mittels Bildbeschreibungen, auf der Plattform „Galeriegeflüster“ erkunden. Dort gibt es dank unserer Kreativfreundin Franziska Appel auch weitere digitale Ausstellungen verschiedener Inklusionsprojekte zu entdecken. In „Liebe mit Laufmaschen“ konnte ich zeigen, dass ich als blinde Frau ein lebhaftes Kopfkino besitze und aufregende und auch durchaus abgründige Reibungsfelder jenseits von Behindertenklischees erzeugen kann. Dabei erlebe ich es als spannend, doppelte Böden zu schaffen, Machtgefälle zu hinterfragen und Klischees ins Gegenteil zu verkehren. Heute würde ich deutlich woker schreiben als 2015, als wir das Buch veröffentlichten, aber viele Inhalte trafen schon damals den Nagel auf den Kopf. So erzähle ich z.B. in „Kaspertheater“ vom Umgang eines Rockstars mit seinen weiblichen Fans im Backstage und das war weit vor der Rammstein-Debatte. Im Gegensatz zu den meisten meiner anderen Bücher spielt das Thema Behinderung hier jedoch nicht mal eine Nebenrolle. Vielleicht brauchte ich jenen Befreiungsschlag als blinde Autorin, weil ich eben nicht permanent über meine Blindheit definiert werden wollte. 

Rebellion gegen die Einengung durch Stereotype

In der Rückschau frage ich mich oft, ob ich als junge Frau auch diese starken Ausdrucksformen gesucht und gefunden hätte, wenn ich nicht erblindet wäre. Man könnte glauben, ein Mensch, der sein Augenlicht verliert, hat andere Prioritäten, als sich mit Stilfragen oder Sexualität zu befassen. Andere Sorgen hatte ich tatsächlich reichlich. Wie sollte ich jemals die Braille-Schrift und das Laufen mit dem weißen Langstock erlernen? Schon das Eingießen einer Tasse Tee war anfangs für mich eine kaum zu bewältigende Herausforderung. Die ganze Welt um mich herum wurde unsichtbar. Nichts funktionierte mehr wie zuvor und mein Sehvermögen wurde stetig schlechter, was mich während meines Abiturs, Studiums und späteren Berufseintritts immens forderte. Und ich bekam diesen heftigen Identitätsverlust  von einer als sehend wahrgenommenen Person hin zur erblindeten, extrem zu spüren. Umso extremer wurde mein Output. Gerade als junge Frau, die voller Lust und Leidenschaft und Fragen an das Leben war, rebellierte ich gegen die Vorstellungen, die man von blinden Menschen hatte und von denen auch ich geprägt war. Diese Auflehnung erlebte ich als Aufwärtsbewegung in meiner Behinderungsverarbeitung, jenseits oktroyierter Erwartungshaltungen. Ich wollte genau mit den Inhalten sichtbar werden, die man einer blinden Frau absprach. Heute teile ich meine Themen als blind.feminista auf Instagram.